Strompreis Deutsche würden für Turbo-Ausstieg zehn Euro pro Monat zahlen

Ein schneller Atomausstieg ist den Deutschen viel wert: Laut einer Umfrage würden fast alle Bundesbürger einen höheren Strompreis zahlen, wenn das die Energiewende beschleunigt. Schmerzgrenze ist für die meisten ein Aufschlag von zehn Euro pro Monat.

Protest vor dem Atomkraftwerk Grohnde: Ausstieg ist den Deutschen etwas wert
dapd

Protest vor dem Atomkraftwerk Grohnde: Ausstieg ist den Deutschen etwas wert


Hamburg/München - Beim Strompreis machen derzeit allerlei Horrorszenarien die Runde. Lobbyisten schüren Ängste vor einer Kostenexplosion. Durch einen raschen Atomausstieg würde Strom zu teuer, warnen Gruppen wie der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK).

Die Deutschen können solche Szenarien offenbar kaum schrecken. Laut einer Umfrage würden sich die meisten Bundesbürger den Ausstieg monatlich bis zu zehn Euro kosten lassen. In einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des "Stern" nannten 60 Prozent auf die Frage, wie viel sie für atomfreien Strom zusätzlich zahlen würden, diesen Betrag.

20 Prozent wären sogar bereit, monatlich bis zu 30 Euro mehr für Strom zu zahlen, wenn er nicht mehr aus Atomkraft stammt. Sechs Prozent hielten sogar eine Steigerung um monatlich bis zu 50 Euro für akzeptabel, ein Prozent der Befragten würde für die angestrebte Energiewende Mehrkosten von bis zu 100 Euro in Kauf nehmen.

Wie sich der Strompreis in den kommenden Monaten und Jahren entwickelt - darüber streiten sich Experten. Matthias Kurth, Chef der Bundesnetzagentur, hält die Auswirkungen des Moratoriums auf den Strompreis nicht für dramatisch. Wie der Strompreis sich entwickle, falls die Altmeiler dauerhaft stillgelegt werden, hänge von einer Fülle von Variablen ab, die schwer abschätzbar seien, sagte Kurth im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Seriöse Berechnungen sind derzeit nicht möglich."

Experten erwarten nur leicht steigenden Strompreis

Tobias Federico, Energieanalyst bei der Beratungsfirma Energy Brainpool, hatte für SPIEGEL ONLINE schon im März ausgerechnet, dass die Preise für Endverbraucher auf absehbare Zeit nicht steigen werden. Begründung: Den Strom, den Haushalte 2012 beziehen, kaufen viele Versorger über einen Zeitraum von drei Jahren ein - jedes Quartal erwerben sie ein Zwölftel der Gesamtmenge, die sie 2012 benötigen.

Das bedeutet: Wenn es bei dem dreimonatigen Moratorium bleibt, haben die Versorger mit Blick auf das Jahr 2012 nur in einem von zwölf Quartalen Strom zu einem höheren Großhandelspreis eingekauft. In den acht vorigen Quartalen haben sie Stromkontrakte deutlich günstiger erworben. Der Effekt auf den Endverbraucherpreis wäre gering.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hantiert mit anderen Zahlen. Laut einer Studie, die er in Auftrag gegeben hat, könnten die Mehrkosten der Energiewende für einen Durchschnittshaushalt 137 Euro jährlich betragen. Das wären 11,42 Euro pro Monat. Angemerkt sei: Der BDI vertritt Deutschlands Industrieunternehmen - auch jene, die besonders viel Strom verbrauchen und von steigenden Preisen besonders betroffen wären.

Geplante Energiewende stimmt Deutsche zuversichtlicher

Psychologisch hat die Energiewende schon jetzt positive Effekte. Die Reaktor-Katastrophe nach dem schweren Erdbeben in Japan habe unzählige Menschen schockiert, hieß es in einer am Mittwoch veröffentlichten Studie von Europas größtem Versicherer Allianz in Kooperation mit der Universität Hohenheim. "Nun fordert eine Mehrheit der Bundesbürger ein Umdenken in der Energie- und Umweltpolitik."

Die Bundesregierung habe mit dem Atom-Moratorium ein erstes Zeichen gesetzt. "Die Diskussionen über den beschleunigten Ausstieg aus der Kernenergie stärken die Zuversicht, dass für den Umwelt- und Klimaschutz die richtigen Weichen für die Zukunft gestellt werden", heißt es in dem Bericht. So sei der entsprechende Zuversichtswert im April gegenüber März um fünf Punkte auf 38 Prozent gestiegen.

ssu/AFP/Reuters



insgesamt 140 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Progress, 27.04.2011
1. Unendliche Geschichte?
Zitat von sysopEin schneller Atomausstieg ist den Deutschen viel wert: Laut einer Umfrage würden die fast alle Bundesbürger einen höheren Strompreis zahlen, wenn das die Energiewende beschleunigt. Schmerzgrenze ist für die meisten ein Aufschlag von zehn Euro pro Monat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,759218,00.html
Müssen die Deutschen nun bis zum vollendeten Atomausstieg täglich und stündlich mit allerlei "Experten"-Ergüssen leben? Oder kann man auch über andere Mißstände inm Lande sprechen und Lösungen anvisieren?
bigkahoona 27.04.2011
2. Wunder...
Und wie durch ein Wunder wird eine Studie der Energiekonzerne demnächst zu dem Ergebnis kommen, dass sich die Mehrkosten für den Umstieg auf erneuerbare Energien pro Monat und Haushalt auf ca. EUR 9,86 belaufen werden. Es könnten auch EUR 10,11 sein. So genau will man sich da nicht festlegen. "Verarschen kann ich mich allein" ist immer so eine gerne gedroschene Phrase. Aber wenn wir das wirklich mal machen würden, dann würden wir diesen Herrschaften und ihren Politlobbyisten viel Mühe sparen. Meine Forderung an die Verbraucher lautet deshalb: Bürger tut euren Teil! Verarscht euch selbst!
doc 123 27.04.2011
3. Unverständnis!
Zitat von sysopEin schneller Atomausstieg ist den Deutschen viel wert: Laut einer Umfrage würden die fast alle Bundesbürger einen höheren Strompreis zahlen, wenn das die Energiewende beschleunigt. Schmerzgrenze ist für die meisten ein Aufschlag von zehn Euro pro Monat. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,759218,00.html
Es ist mir vollständig unverständlich, wieso man über eine Strompreiserhöhung der Bundesbürger für die Energiewende reden kann, solange die vier großen Energieunternehmen immer noch Milliarden-Gewinne aus Atromstrom ziehen, mit denen jeglichste Energiewende lockerst bezahlt werden könnte.
felisconcolor 27.04.2011
4. so fern
die Angabe in meinem Personalausweis stimmt bin ich Deutscher und NEIN ich würde keine 10 Euro mehr im Monat für den Ausstieg bezahlen. Es reicht langsam. Schaltet endlich mal wieder das Hirn ein.
louis_quatorze 27.04.2011
5. Arbeit
Das Problem sind nicht die privaten Haushalte, sondern die Industrie. Und dann gibts wieder Artikel, wenn die bösen Unternehmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagern, weil sie hier die Energiekosten erdrücken.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.