Energiewende Netzbetreiber warnt vor Verlegung von Stromtrasse um Bayern herum

Bayerns Wirtschaftsministerin Aigner will eine riesige Stromleitung weitgehend um den Freistaat herum verlegen lassen. Netzbetreiber warnen: Dies würde den Ausbau der Stromnetze um Jahre zurückwerfen - und damit auch die Energiewende.
Ministerin Aigner: Umstrittener Vorschlag zum Trassenbau

Ministerin Aigner: Umstrittener Vorschlag zum Trassenbau

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Tobias Hase/ dpa

Der Vorschlag von Bayerns Wirtschaftsministerin, die SuedLink-Stromtrasse weitgehend um Bayern herum zu bauen, wird von einem der zuständigen Netzbetreiber skeptisch gesehen. "Würde Ilse Aigners Vorschlag umgesetzt, würde das den Netzausbau um Jahre zurückwerfen", sagt Lex Hartmann, Geschäftsführer der Firma Tennet, SPIEGEL ONLINE.

Die sogenannte SuedLink-Leitung  soll nach Plänen der CSU-Politikerin einen anderen Endpunkt haben als bislang geplant. Statt ins bayerische Grafenrheinfeld soll sie demnach in die Gemeinde Gundremmingen führen. Der Ort liegt ebenfalls in Bayern, aber in unmittelbarer Nähe zur baden-württembergischen Grenze, sodass SuedLink deutlich weniger Kilometer durch den Freistaat führen müsste.

"Neue Endpunkte für eine Leitung bedeuten: Die Netzbetreiber müssen den Netzentwicklungsplan neu rechnen", sagt Hartmann. Der Netzentwicklungsplan ist die Grundlage für den Ausbau der Strom-Infrastruktur. Ein neuer Endpunkt bei einer großen wichtigen Leitung würde komplett neue Berechnungen erfordern, um sicherzustellen, dass die Versorgung stabil bleibt.

Das aber würde ein gewaltiges bürokratisches Verfahren in Gang setzen: Die Stromnetzbetreiber müssten einen neuen Korridor festlegen, in dem die von Aigner gewünschte Alternativ-Trasse verlaufen könnte, zahlreiche Betroffene vor Ort müssten angehört werden. Danach müsste die Bundesnetzagentur die neuen Berechnungen der Stromnetzbetreiber aufwendig überprüfen. Insgesamt könnte ein solches Verfahren mehrere Jahre dauern. "Damit setzen wir die bisherigen Planungen für die Trasse praktisch auf null", moniert Hartmann.

"Die Versorgungssicherheit steht auf dem Spiel"

Deutschland hat aber nicht mehr ewig Zeit für den Leitungsbau. 2023 soll das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet werden. Spätestens dann müssen neue Trassen fertig sein, damit genug Strom aus anderen Regionen der Republik in den industriereichen Süden transportiert werden kann. Kommen die Leitungen nicht rechtzeitig, stehe "die Versorgungssicherheit auf dem Spiel", sagt Hartmann.

Aigner hatte ihren Vorschlag für einen alternativen Trassenverlauf am Wochenende öffentlich gemacht. Experten sehen in dem Vorstoß auch einen Versuch, die eigene Verhandlungsposition gegenüber Berlin zu stärken. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) streiten seit Monaten über den Verlauf der neuen Stromtrasse.

Die Staatskanzlei in München fordert im Gegenzug für die Erlaubnis, die Trassen durch Bayern zu bauen, dass die Bundesregierung den Weiterbetrieb und möglichen Neubau von bayerischen Gaskraftwerken mit Steuergeldern subventioniert. Der Vorstoß, eine der Leitungen nach Hessen und Baden-Württemberg zu verlegen, könnte ein Versuch sein, die Landesregierungen in Wiesbaden und Stuttgart auf Bayerns Seite zu ziehen.

Die in Bayern alleinregierende CSU verwahrte sich am Montag gegen Kritik aus anderen Bundesländern an Aigners Vorstoß. Nach den bisherigen Plänen sollen in Bayern 400 Kilometer neue Stromleitungen gebaut werden, in Baden-Württemberg dagegen nur 100 Kilometer, sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Die neuen Vorschläge von Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner würden zu einer ausgewogeneren Belastung führen, beide Bundesländer wären demnach in etwa gleich stark betroffen.

Scheuer betonte, dass Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Horst Seehofer bei Koalitionsrunden in Berlin mehrfach die bayerische Haltung in der Stromtrassen-Frage thematisiert habe. Entsprechend sei es auch für alle Beteiligten klar gewesen, dass Bayern eigene Vorschläge präsentieren werde.