Studie zu EU-Freihandel mit den USA Deutschland winken 180.000 neue Jobs

Jetzt ist es offiziell: Die Europäische Union verhandelt mit den USA über die größte Freihandelszone der Welt. Deutschland würde davon enorm profitieren. Fast fünf Prozent mehr Wirtschaftsleistung und 181.000 neue Jobs sind laut einer Studie möglich. Doch es gibt auch Nachteile.
Hafen von Newark: Millionen neuer Arbeitsplätze durch Freihandel mit EU

Hafen von Newark: Millionen neuer Arbeitsplätze durch Freihandel mit EU

Foto: Justin Lane/ dpa

Gütersloh/Berlin - Deutschland würde von einem umfassenden Freihandel zwischen der EU und den USA stark profitieren: 181.000 Arbeitsplätze würden zusätzlich entstehen und die Wirtschaftsleistung pro Kopf um 4,7 Prozent steigen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Bertelsmann Stiftung und des Ifo-Instituts. Für alle Mitglieder des geplanten Freihandels wäre ein umfassendes Abkommen demnach ein großer Gewinn, insbesondere für die USA, aber auch für alle anderen EU-Staaten.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso teilte nun mit, die Gespräche mit den USA über solch eine Freihandelszone hätten begonnen. Noch am Montag werde er gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama grünes Licht geben.

Am stärksten würden sich die Vorteile der angestrebten Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (THIP) der Studie zufolge in den USA und Großbritannien auswirken: Die Wirtschaftsleistung würde in den USA um 13,4 Prozent je Einwohner steigen, in Großbritannien um 9,7 Prozent. Mehr als eine Million neue Arbeitsplätze würden allein in der US-Wirtschaft entstehen, 400.000 im Vereinigten Königreich.

Im Durchschnitt würde die Wirtschaft in der EU um fast fünf Prozent wachsen. Die komplette Studie, Grafiken zu ausgewählten Ergenissen sowie zusätzliches Material bietet die Bertelsmann-Stiftung auf einer eigenen Website .

Die Studie macht aber auch klar: Für den Rest der Welt würde ein transatlantischer Freihandel in der Regel Einbußen bei Wirtschaftskraft und Arbeitsplätzen bedeuten. Dennoch wäre er kein simples Nullsummenspiel, sondern insgesamt ein Wachstumsimpuls. Weltweit würde die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung um 3,3 Prozent steigen und insgesamt zwei Millionen zusätzliche Arbeitsplätze entstehen - bei beiden Größen sind die Verluste in den Verlierer-Ländern bereits eingerechnet.

Auswirkungen für 126 Länder untersucht

Theoretisch könnten also auch diejenigen davon profitieren, die eigentlich zu den Verlierern gehören - vorausgesetzt, sie übernehmen zumindest teilweise Regularien der THIP, und die Gewinner der geplanten Freihandelszone kommen ihnen entgegen. So könnte die THIP auch dazu führen, dass Kompromisse in den zurzeit stockenden Welthandelsgesprächen - der sogenannten Doha-Entwicklungsrunde - gefunden werden.

Die Forscher simulierten für ihre Studie die Auswirkungen von THIP auf 126 Länder. Mit ihrem Simulationsmodell lässt sich berechnen, wie sich die Weltwirtschaft im Jahr 2010 dargestellt hätte, wenn damals bereits ein Freihandelsabkommen voll umgesetzt gewesen wäre. Zudem legten die Forscher zwei Szenarien für die Ausgestaltung eines Freihandelsabkommens zugrunde: Im ersten Szenario würden lediglich die Zölle zwischen USA und EU wegfallen. Das zweite Szenario ist wesentlich umfassender und geht davon aus, dass zusätzlich Handelshemmnisse wegfallen, zum Beispiel unterschiedliche Qualitäts- und Rechtsstandards, Verpackungs- oder Zulassungsvorschriften.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:

  • Der Wegfall von Zöllen allein hätte nur eine sehr geringe Wirkung - statt 4,7 Prozent würde etwa die deutsche Wirtschaftsleistung nur um 0,24 Prozent wachsen. Der überwiegende Teil der errechneten Effekte beruht auf dem umfassenden Wegfall weiterer Hemmnisse. Ein Grund ist, dass die Zölle zwischen der EU und den USA ohnehin bereits relativ niedrig sind.

  • Der EU-Handel mit den USA würde geradezu explodieren: Deutschland etwa würde sowohl Einfuhren als auch Ausfuhren fast verdoppeln. Mit mehr als 90 Prozent ähnlich hoch wären aber auch die Zuwächse im Handel der USA mit Euro-Krisenstaaten wie Griechenland, Italien und Portugal.

  • Der Handel Deutschlands innerhalb der EU würde schrumpfen, weil die bisherigen Vorteile des innereuropäischen Freihandels aufgehoben würden. Der Handel mit Frankreich würde um etwa 23 Prozent sinken, mit Großbritannien um rund 40 Prozent, mit Italien, Griechenland und den anderen Euro-Krisenstaaten etwa um 30 Prozent. Insgesamt würde das aber durch den stark steigenden Handel mit den USA mehr als aufgefangen.

  • Der Handel Deutschlands mit Schwellenländern wie China, Brasilien, Russland, Indien und Südafrika würde um rund zehn Prozent schrumpfen - weniger stark als der Handel dieser Länder mit den USA, der etwa um 30 Prozent sinken würde.

  • Verlierer wären vor allem die nahen Nachbarn, die nicht Mitglied wären: Die Staaten Nordafrikas und Osteuropas müssten Einbußen von rund fünf Prozent beim Handel mit der EU hinnehmen. Mexiko und Kanada träfe es besonders hart, ihre Wirtschaftskraft würde pro Kopf um gut sieben beziehungsweise 9,5 Prozent schrumpfen.

    Eindrücklich weisen die Forscher in der Studie darauf hin, dass der Wohlfahrtsgewinn für die Teilnehmer der THIP so groß wäre, dass sie es sich leisten könnten, die Verluste der Nicht-Teilnehmer auszugleichen, damit alle vom Freihandel profitieren. Gleichzeitig könnten diese Länder die Verluste minimieren, indem sie bestehende Handelsbarrieren abbauen - im Grunde also zumindest einen Teil der THIP-Regelungen übernehmen.

  • Innerhalb Europas profitierten - außer Großbritannien - Schweden, Irland und Spanien am stärksten von der THIP. Spanien vor allem, weil Importe, die bislang in EU-Ländern eingekauft würden, durch günstigere Einfuhren aus den USA ersetzt werden könnten. Frankreich hingegen könnte seine Wirtschaftsleistung nur um 2,6 Prozent steigern - der Handel mit den USA ist dort traditionell relativ schwach.

Freihandel zwischen EU und USA - Gewinner und Verlierer Veränderung des langfristigen realen Prokopfeinkommens (in %)

Größte Einkommensgewinne Größte Einkommensverluste
USA + 13,4 Libanon - 3,4
Großbritannien + 9,7 Algerien - 3,5
Schweden + 7,3 Schweiz - 3,8
Irland + 6,9 Neuseeland - 3,8
Spanien + 6,6 Norwegen - 3,9
Finnland + 6,2 Island - 3,9
Malta + 6,2 Niger - 4,0
Estland + 5,7 Malawi - 4,0
Lettland + 5,4 Botswana - 4,1
Dänemark + 5,3 Panama - 4,2
Griechenland + 5,1 El Salvador - 4,4
Litauen + 5,1 Guatemala - 4,4
Zypern + 5,0 Honduras - 4,4
Portugal + 5,0 Barbados - 4,5
Italien + 4,9 Jamaika - 4,7
Bulgarien + 4,8 St. Lucia - 4,8
Deutschland + 4,7 Costa Rica - 5,5
Rumänien + 4,6 Israel - 5,5
Ungarn + 4,4 Jordanien - 5,5
Niederlande + 4,4 Chile - 5,6
Slowakei + 4,2 Japan - 5,9
Polen + 3,7 Belize - 6,0
Belgien + 3,6 Mexiko - 7,2
Slowenien + 3,3 Australien - 7,4
Luxemburg + 3,0 Kanada - 9,5
Quelle: ifo Institut | Bertelsmann Stiftung
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