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06. April 2010, 14:49 Uhr

Studie

Nur noch jeder zweite Beschäftigte arbeitet mit Tarifvertrag

Der tarifliche Schutz von Arbeitnehmern in Deutschland verliert weiter an Bedeutung: Nur noch etwa die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet laut einer Studie in einem Betrieb mit Tarifbindung. Besonders ausgeprägt ist die Situation in Ostdeutschland - mit schweren Folgen.

Nürnberg - Die Tarifflucht in Deutschland hat ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht: Nur noch etwa jeder zweite Beschäftigte arbeitet in einem Betrieb mit Tarifbindung, berichtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Der Grund: Weil immer mehr Unternehmen aus dem Arbeitgeberverband austreten, verlieren branchenbezogene Tarifverträge zunehmend an Bedeutung.

Im Jahr 2009 haben bundesweit nur noch 52 Prozent der Arbeitnehmer in sogenannten tarifgebundenen Betrieben gearbeitet, heißt es in der IAB-Studie. 1996 habe dieser Anteil noch bei 67 Prozent gelegen. Vor allem in Ostdeutschland ist der Anteil der in tarifgebundenen Betrieben beschäftigten Männer und Frauen in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Habe dieser Anteil dort im Jahr 1996 noch bei 56 Prozent gelegen, so waren es im Jahr 2009 nur noch 38 Prozent.

In Westdeutschland war dagegen zum ersten Mal seit dem Jahr 2001 der Anteil der tarifgebundenen Beschäftigten leicht gestiegen - und zwar um einen Prozentpunkt auf 56 Prozent. 1996 hatte der Anteil allerdings noch bei 70 Prozent gelegen. "Auch wenn die Entwicklung der Tarifbindung uneinheitlich verläuft, so ist in der langen Sicht die rückläufige Tendenz eindeutig", kommentieren die Autoren der Studie die Ergebnisse nach einer Befragung von 15.000 Betrieben.

20 Prozent der Arbeitnehmer profitieren indirekt von Tarifverträgen

Das kann schwere Folgen für die Beschäftigten haben: Denn sobald ein Unternehmen nicht mehr an einen Tarifvertrag gebunden ist, müssen Arbeitnehmer ihre Löhne und Gehälter selbst mit dem Arbeitgeber aushandeln und können dies nicht mehr den Gewerkschaften überlassen. Im ungünstigsten Fall können die Einkommen so jahrelang stagnieren - trotz steigender Inflation.

Allerdings: Da sich manche Firmen dennoch am jeweiligen Branchentarifvertrag orientierten, profitierten rund 20 Prozent der Arbeitnehmer indirekt von den Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, geht aus der IAB-Studie ebenfalls hervor. 19 Prozent der westdeutschen und 24 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten hätten im Jahr 2009 in Betrieben gearbeitet, die sich an einem Branchentarifvertrag orientierten. Für weitere neun Prozent der Beschäftigten im Westen und 13 Prozent im Osten galten im Vorjahr Firmentarifverträge, die zwischen Betrieb und Gewerkschaft ausgehandelt wurden.

yes/dpa

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