Studie Ökonomen beklagen miese Frauenquote in Top-Positionen

Der Weg nach ganz oben ist blockiert: Eine aktuelle Studie enthüllt, dass die Chefetagen der größten deutschen Unternehmen für Frauen unerreichbar bleiben, viele Firmen haben keine einzige weibliche Führungskraft. Besonders schlimm sieht es in der Finanzbranche aus.
Allein unter Männern (Symbolbild): Nur 29 von 906 Vorstandsposten von Frauen besetzt

Allein unter Männern (Symbolbild): Nur 29 von 906 Vorstandsposten von Frauen besetzt

Foto: Corbis

Frauen

Hamburg - Appelle, Warnungen und freiwillige Verpflichtungen bringen nichts: An der Spitze von Deutschlands Top-Unternehmen sind nach wie vor Exoten. In den Vorständen der 100 wichtigsten Konzerne lag der Frauenanteil im vergangenen Jahr bei lächerlichen 2,2 Prozent. Mehr als 90 Prozent haben noch keine einzige Frau in der Konzernführung.

Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)

Bei den 200 größten Unternehmen waren es mit 3,2 Prozent insgesamt nur marginal mehr. Das ergab eine am Dienstag veröffentlichte Studie des in Berlin.

Das Entlarvende: Schon vor zehn Jahren haben sich die Unternehmen in einem Abkommen mit der Bundesregierung verpflichtet, aus freien Stücken mehr für die Förderung von Frauen in Führungspositionen zu tun. Getan hat sich wenig, wie die Zahlen zeigen: Nur 29 von 906 Vorstandsposten in den 200 größten Unternehmen wurden 2010 von Frauen besetzt. Ein Plus von acht im Vergleich zum Vorjahr.

Wie gering der Zuwachs ist, macht ein Vergleich deutlich: Bei den Männern erhöhte sich die Zahl im selben Zeitraum um 65 auf 877 Personen. "Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass freiwillige Selbstverpflichtungen wie bisher nicht reichen", sagt DIW-Expertin Elke Holst. "Die Unternehmen sind gut beraten sich quantifizierte Ziele zu geben und sie zügig umzusetzen."

In der Finanzbranche haben Frauen besonders schlechte Chancen

Auffallend negativ sei die Situation für Frauen in der Finanzbranche, heißt es in der Studie. Dort sind zwar mehr als die Hälfte der Beschäftigten Frauen - aber nicht in den Top-Etagen: So war es bei Banken und Sparkassen im Zuge der Finanzkrise zu massiven Umwälzungen in den Vorständen und Aufsichtsräten gekommen - die Hoffnung, dass sich dadurch auch der Frauenanteil erhöht, habe sich aber nicht erfüllt: Der Frauenanteil in den Vorständen liegt hier bei 2,9 Prozent und damit nur 0,4 Prozentpunkte höher als 2006. Bei den Versicherungen stagniert er bei 2,5 Prozent.

Frauen in Vorständen der 200 größten Unternehmen (2010)

Unternehmen* Name
E.on Regine Stachelhaus
Siemens Brigitte Ederer, Barbara Kux
Opel Rita Forst, Susanna Webber
SAP Dr. Angelika Dammann
Vodafone Dr. Susan Hennersdorf
Volkswagen Leasing Dr. Heidrun Zirfas
Schlecker Christa Schlecker, Meike Schlecker
DB Regio Dr. Bettina Volkens
Sandoz International Isabell Remus (Vorsitz), Susanne Faust
dm-Drogerie Markt Petra Schäfer
Fujitsu Technology Sabine Schweiger
OMV Ana-Barbara Kuncic, Hannelore Scheidt
IBM Deutschland Martina Koederitz
Telefónica O2 Andrea Folgueiras
Havi Global Logistics Eva-Daniela Menzky
Nestlé Deutschland Elke Strathmann
Ikea Deutschland Petra Hesser (Vorsitz), Zuzana Poláková, Claudia Willvonseder
Citiworks Stephanie Möller
Air Berlin Elke Schütt
Douglas Anke Giesen
Tchibo Wioletta Rosolowska
Rossmann Alice Schardt-Roßmann
Quelle: DIW
* Nicht aufgeführte Unternehmen haben keine Frau im Vorstand.

Ein Lichtblick scheint die Situation in den Aufsichtsräten zu sein. Immerhin 10,6 Prozent der Aufseherposten in den Top-200-Unternehmen sind in Frauenhand. Doch der Schein trügt: Der Grund für den hohen Frauenanteil sind die Mitbestimmungsregelungen. "Mehr als 70 Prozent der Frauen in Aufsichtsräten sind Arbeitnehmervertreterinnen", sagt DIW-Forscherin Holst. Nur zwei der 200 größten Unternehmen haben eine Aufsichtsratsvorsitzende: Henkel und die Würth-Gruppe. In beiden Fällen stammen die Vorsitzenden aus der Eigentümerfamilie der Unternehmen.

Immerhin: Im EU-Vergleich liegt Deutschland beim Frauenanteil in den Aufsichtsräten im Mittelfeld. Bei den Vorständen sieht es im internationalen Vergleich hingegen düster aus: In Schweden, Frankreich, den USA, aber auch China, Brasilien und Russland finden sich mehr Frauen in Vorstandsposten als in Deutschland.

Viviane Reding

Kristina Schröder

Dabei macht die EU-Kommission schon länger Druck. " Wenn bis Ende 2011 nichts geschieht, müssen wir über gesetzliche Quoten nachdenken", hatte , EU-Kommissarin für Justiz- und Gleichstellungsfragen, Mitte 2010 gewarnt. Auch Familienministerin (CDU) hatte mit einer gesetzlichen Regelung gedroht. Bis 2015 müsse die Wirtschaft den Anteil weiblicher Führungskräfte auf 20 Prozent steigern, forderte sie.

Bislang lehnen die einflussreichsten Konzerne Deutschlands bis auf sehr wenige Ausnahmen eine Quote jedoch vehement ab.

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