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Jahrhundertprojektle: Stuttgart demonstriert gegen Bahnhofsabriss

Foto: Marijan Murat/ dpa

"Stuttgart 21" Aktivisten halten Bahnhofsdach besetzt

Der Abriss des Nordflügels des Stuttgarter Hauptbahnhofs hat begonnen, doch die Demonstranten weichen nicht. Seit dem Abend haben Aktivisten das Dach des Gebäudes besetzt - so wollen sie einen Baustopp erzwingen.

Stuttgart - Unter heftigem Protest Tausender Demonstranten hat in Stuttgart der Abbruch des denkmalgeschützten Kopfbahnhofs nun richtig begonnen. Ein Bagger riss am Mittwochabend eine Seitenmauer des Nordflügels ein. Ein Großaufgebot der Polizei sicherte die Baustelle für das umstrittene Bahn-Projekt "Stuttgart 21" ab. Es herrschten chaotische Zustände. Demonstranten veranstalteten eine Sitzblockade vor dem Bauzaun - einige wurden später weggetragen. Am Abend kletterten sieben Aktivisten auf das Dach des Nordflügels und enthüllten ein Protestplakat. Sie wollen dort ausharren bis Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) den Abriss stoppt.

Rund 500 Gegner des Projekts haben die ganze Nacht über vor dem Hauptbahnhof gegen die Abrissarbeiten demonstriert. Am Donnerstagmorgen wollte die Polizei ihre Präsenz wieder verstärken. Die Gegner des Bahn-Projekts kündigten weitere massive Proteste und eine Dauerblockade der Baustelle bis mindestens Freitag an. Mit einer Sitzblockade sollen Demonstranten Lastwagen daran hindern, auf das Gelände zu fahren. Für Freitagabend ist zudem eine Großdemonstration mit Menschenkette um den nahe gelegenen Landtag geplant.

Im Bahnhof hinderten am Mittwochabend Demonstranten für rund eine Stunde einen TGV-Schnellzug in Richtung Paris an der Abfahrt. Die Bundespolizei sperrte aus Sicherheitsgründen die daneben liegenden Gleise ab. Es kam zu Verspätungen im Bahnverkehr.

Polizei beklagt Gesetzesverstöße

Indessen beklagt die Polizei, die Demonstrationen würden zunehmend aggressiv, verlören ihren friedlichen Charakter und überschritten die Grenzen des zivilen Ungehorsams. So seien Feuerwehr und Rettungskräfte bei einem Notfall während der Fahrt und am Einsatzort von "Stuttgart 21"-Gegnern bedrängt und behindert worden. In der Innenstadt hatten bis zu 200 Aktivisten bis in den späten Abend hinein Straßen blockiert, Flaschen flogen, Besucher eines Weinfestes wurden mit Eiern beworfen. Auf der Bundesstraße 14 errichteten Demonstranten Barrikaden aus Mülltonnen. Dies habe mit verständlichen Protesten und zivilem Ungehorsam bei weitem nichts mehr zu tun, sagte Stuttgarts Polizeipräsident Siegfried Stumpf. "Wer Rettungskräfte blockiert, handelt kriminell."

Die Initiatoren der Proteste weisen die Vorwürfe zurück. "Generell versucht die Politik uns über die Polizei zu kriminalisieren", sagte Matthias von Herrmann, Sprecher der sogenannten Parkschützer. Alles sei friedlich geblieben. Nach seinen Angaben demonstrierten am Mittwoch rund 12.000 Menschen in der Stadt, die Polizei sprach von 6000.

Vorzeitiges Aus würde 400 bis 500 Millionen kosten

Der Düsseldorfer Architekt Christoph Ingenhoven hat unterdessen die Forderung eines ehemaligen Mitstreiters beim Bahn-Projekt "Stuttgart 21", des Architekten Frei Otto, nach einem Baustopp zurückgewiesen. Dessen Aussagen seien nach Ansicht Ingenhovens "nah an der Panikmache". Frei Otto sei vor einem Jahr wegen Sicherheitsbedenken aus dem Projekt ausgeschieden. In einem Interview habe er jetzt vor einer Gefahr für Leib und Leben gewarnt, wenn der Bau realisiert werde.

Ein Stopp des umstrittenen Milliardenprojekts, wie von den Demonstranten gefordert, würde maximal 400 bis 500 Millionen Euro kosten. Zu diesem Schluss kommt der Bahn-Experte und Gutachter Christian Böttger. Der Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin widersprach damit Projektsprecher Wolfgang Drexler, der ein Aus von "Stuttgart 21" mit mindestens 1,4 Milliarden Euro veranschlagt habe.

Bei dem 4,1 Milliarden Euro teuren Vorhaben wird der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt, mit einem unterirdischen Ring an die Zulaufstrecken und mit einem Tunnel an den Flughafen und die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. Seit Wochen protestieren Tausende Menschen gegen das Milliardenprojekt. Am Mittwochabend sogar auch in New York: Knapp zehn Deutsche demonstrierten mit Trillerpfeifen und Gegröle auf dem Times Square gegen das Bauvorhaben.

mik/dpa/ddp
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