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Stuttgart 21 Kleinholz im Schlosspark

Ein Mann verlor sein Augenlicht, viele Demonstranten den Glauben ans Rechtssystem. In Stuttgart wurde der Neubau eines Bahnhofs zum Politikum. In der Nacht, in der die Bäume fielen, war für SPIEGEL ONLINE Hendrik Ternieden dabei.

Der "Schwarze Donnerstag". So nennen sie in Stuttgart den 30. September - der Tag, an dem Polizisten im Schlossgarten eine Demo mit Schlagstöcken und Tränengas auflösten; der Tag, an dem Menschen ihr Augenlicht verloren, weil sie von den Wasserwerfern im Gesicht getroffen wurden; der Tag, an dem der Kampf um das milliardenschwere Bauprojekt Stuttgart 21 eine neue Dimension erreichte.

Der Schlossgarten ist hell erleuchtet, als ich kurz vor Mitternacht am "Schwarzen Donnerstag" in den Park komme. Tausende Demonstranten stehen da, angespannt, aufgewühlt von Eindrücken des Nachmittags. Ihr Atem dampft in der nasskalten Luft. Es fängt an zu regnen, viele müssen am nächsten Morgen arbeiten, doch niemand geht nach Hause.

Sie alle wollen sehen, ob die Bahn und die Landesregierung ihre Ankündigung wirklich wahrmachen. Noch in dieser Nacht sollen die ersten Bäume für Stuttgart 21 gefällt werden? Selten wäre der Begriff "Nacht-und-Nebel-Aktion" treffender.

Dann fahren die Bagger auf, mächtige gelbe Maschinen, sie wirken gespenstisch, ein großer Haufen Stahl aus einer anderen Welt. Ein Gefühl stellt sich ein: Die gehören hier nicht hin! Gegen ein Uhr fällt die erste Platane. Auch die Menge gerät ins Wanken, viele schlagen entsetzt die Hände vor das Gesicht, viele weinen, manche werfen Flaschen, manche klettern auf die Absperrgitter, doch die Polizeikette durchbrechen sie nicht.

Es hat etwas Gewaltiges, wenn ein 200 Jahre alter Baum fällt. Man muss kein Umweltaktivist sein, um das zu begreifen. Das Knacken, das Knarzen, das Krachen klingt fürchterlich. Stundenlang geht das so. 25 Bäume werden in dieser Nacht gefällt, die Häckselmaschine macht Kleinholz aus ihnen, die Demonstranten ächzen mit.

Auf dem Rückweg ins Hotel. Abstand gewinnen. Es wurden Bäume gefällt, nicht mehr, nicht weniger. War es eine Katastrophe? Nein. War es verfrüht, weil - wie sich später herausstellen sollte - umweltrechtliche Bedenken vorlagen? Vermutlich. War es extrem ungeschickt, die S21-Gegner in der Nacht unmittelbar nach der Demo-Eskalation noch einmal massiv zu provozieren? Oh ja.