Bürger vs. Anleger Reich für die Insel

10.600 Euro kostet ein Quadratmeter auf Sylt, 5300 Euro auf Amrum, 4500 Euro auf Föhr - kaum ein Einheimischer kann sich das Leben auf den Nordseeinseln noch leisten. Bürgermeister haben den Ausverkauf satt und wollen nun gegensteuern.

Sylter Südspitze
DPA

Sylter Südspitze


Bereits 1988 sang die Band Die Ärzte über Sylt: "Es ist zwar etwas teurer, dafür ist man unter sich." Auf der Deutschen Inselkonferenz beraten derzeit mehr als hundert Politiker, Tourismusmanager und Experten unter anderem darüber, wie sich die steigenden Preise für Wohnungen und Immobilien auf den deutschen Inseln in den Griff kriegen lassen.

Die Insulaner haben Angst, sich das Leben auf ihren Inseln nicht mehr leisten zu können, denn der Kauf von Häusern und Wohnungen wird immer teurer - und damit auch das Wohnen dort. Das gilt vor allem für die Luxusinsel Sylt, wo der soziale Zusammenhalt seit Jahren bedroht ist. Der Sozialverband Deutschland (SoVD) im Norden hatte 2016 vor "einer Art Reichengetto" gewarnt. Und auch andere Inseln wie Amrum werden immer gefragter.

"Es geht darum, wie wir dem Ausverkauf der Inseln entgegenwirken können", sagte Helgolands Bürgermeister Jörg Singer (parteilos) vor dem Treffen auf Helgoland. Der Entwurf einer Resolution der Inselkonferenz beinhaltet nun die Forderung nach Regelungen, "die einen Immobilienabverkauf auf Inseln verhindern". Die Insel-Verantwortlichen verlangen komplette Planungshoheit "zur Verhinderung der weiteren gesellschaftlichen Erosion".

Infrastruktur gefährdet

Dem Ende 2018 vorgestellten Immobilienatlas der LBS Bausparkasse zufolge stiegen die Quadratmeterpreise für Häuser auf Sylt im Jahresvergleich um 7,7 Prozent auf durchschnittlich gut 10.600 Euro, bei Wohnungen um 3,5 Prozent auf 7150 Euro. Kampen war mit fast 22.000 Euro beziehungsweise 15.000 Euro Spitzenreiter. Amrum rangierte bei 5300 Euro je Quadratmeter für Häuser und bei gut 4900 Euro für Wohnungen; auf Föhr war der Quadratmeter 400 bis 500 Euro billiger.

Für Einheimische sind solche Preise meist unbezahlbar. Gemeinsam wollen die Inseln und Halligen nun dagegen ankämpfen. Beim zweitägigen Treffen, bei dem 17 Inseln und Halligen vertreten sein werden, will man auch voneinander lernen.

Alle Inseln lebten vorwiegend vom Tourismus, sagte Spiekeroogs Bürgermeister Matthias Piszczan. Die besondere Lage im Meer und im Wattenmeer machten dieses Ziel so einzigartig und beliebt. "Was nutzt uns aber diese Einzigartigkeit, wenn es weiter so voran geht, dass finanzkräftige Investoren von außerhalb alles an sich reißen und sich letztlich überhaupt nicht kümmern, wie dort die Infrastruktur aufrechterhalten werden kann." Um den Negativtrend zu drehen, fordert Spiekeroogs Bürgermeister weitergehende rechtliche Möglichkeiten für die Inseln über das Zweckentfremdungsverbot hinaus, "um diverse Strömungen zu stoppen".

Inseln fordern Befreiung von EEG-Umlage

Neben den steigenden Immobilienpreisen ist der steigende Meeresspiegel ein großes gemeinsames Problem. "Der Klimawandel ist das zentrale Thema der Konferenz", sagte Helgolands Bürgermeister Singer. Die Vertreter der Inseln und Halligen fordern Unterstützung vom Bundestag und von der EU, um ihre Standortnachteile zumindest teilweise auszugleichen. Eine der Forderungen an den Bund sei die Befreiung von der EEG-Umlage für den Stromimport, sagte Singer.

Hundertprozentige Klimaneutralität ist auch für die Inseln eine große Herausforderung. "In der Sektorenkopplung für die Nutzung regenerativer Energien und Wandlung in Wärme, Mobilität und lokale Versorgung (unter anderem für Häfen) sehen die Inseln einen ganz wichtigen Erfolgsfaktor auf dem Weg zur Nullemissionsinsel", heißt es in der Resolution.

Im Video: Teures Wohnen in Europa - 510 Euro für 9,75 Quadratmeter

Von den Ostseeinseln war auf der Inselkonferenz nur Hiddensee vertreten. Auf der Konferenz soll auch der erste deutsche Umweltpreis der Inseln vergeben werden - für das beste Konzept zur Vermeidung von Plastikmüll.

apr/dpa

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insgesamt 13 Beiträge
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wolle0601 25.04.2019
1. Wertabhängige Grundsteuer
sagen wir mal auf Basis des letzten Kaufpreises. Wenn der Kauf länger her ist als X Jahre, wird ein pauschaler Wert angesetzt. Das müßte Leute, die dort schon länger wohnen, schützen und dennoch genug Geld einspielen, um die Infrastruktur am Laufen zu halten.
Ludwigsburger 25.04.2019
2. Die Zahlen sind plakativ ....
... aber nicht unbedingt aussagekräftig. Sie stimmen sicher für einen Neubau im Pseudofriesenstil direkt am Strand. Aber in gängigen Immobilienportalen lassen sich auch deutlich günstigere Objekte finden.
emmimaus 25.04.2019
3. Und wer macht sauber?
Wenn es denn soweit geht, dass sich bessergestellte ihre Steaks vom Festland mitbringen müssen, diese selber Braten müssen und hinterher auch alles wieder sauber machen müssen, weil es sich Personal nicht mehr leisten kann auf der Insel zu wohnen, dann ist doch alles gut?! Soweit ich weiß steigen die Löhne auf den Inseln nicht mit den immobilienpreisen. Am schlimmsten finde ich, dass sich Einheimische es nicht mehr leisten können, in ihrer Heimat zu wohnen, weil sich Reiche dort ihre Habitate einrichten...
hoteloscarsierra 25.04.2019
4. Meinetwegen...
...sollen sich die, die es sich leisten können, sich die ganze Kackinsel unter den Nagel reißen und sich zu ihrer Versorgung Privatbedienstete halten. Nicht einzusehen vermag ich aber, dass der normale Steuerzahler und nicht die Immobilieneigentümer jährlich mit Millionenbeträgen für Sandaufspülungen für eine Insel belastet werden, mit der sie nichts zu tun haben. Auch wenn viele natürlich gern dazu gehören würden, es aber nie werden.
Björn L 25.04.2019
5. Gentrifizierung ist logische Konsequenz
Egal wo. Am Ende bleibt die Erinnerung an manch einem seine Heimat. Gier entwickelt sich aus der Nachfrage. Sylt ist scheinbar das prominenteste Opfer dieser Entwicklung. Nie werde ich verstehen, warum der Geldadel diese erosionsgefährdete Insel als ihren Heilland ansieht. Vermutlich weil das Mittelmeer zu besetzt ist, um unter sich zu bleiben.
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