Claus Hecking

Schäden des Rauchens für die Allgemeinheit Die Schachtel Zigaretten muss zehn Euro kosten

Claus Hecking
Ein Kommentar von Claus Hecking
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Die Große Koalition will die Tabaksteuer erhöhen – um 0,004 Euro pro Zigarette. Das wird kaum jemanden vom Rauchen abbringen. Eine deutlich drastischere Anhebung wäre auch ökonomisch sinnvoll.
Zu billig: Um die 7 Euro kostet eine Schachtel Markenzigaretten. Die darin enthaltene Tabaksteuer reicht nicht annähernd aus, um die Kosten des Rauchens für die Allgemeinheit zu kompensieren

Zu billig: Um die 7 Euro kostet eine Schachtel Markenzigaretten. Die darin enthaltene Tabaksteuer reicht nicht annähernd aus, um die Kosten des Rauchens für die Allgemeinheit zu kompensieren

Foto: Monika Skolimowska/ dpa

Legenden halten sich hartnäckig. Wie etwa die Mär vom rauchenden Goldesel. Auch an diesem Weltnichtrauchertag wird es wieder heißen, dass die Raucherinnen und Raucher dem deutschen Staat den großen Reibach bescheren. Weil sie ja früher sterben, entsprechend weniger Rente kassieren. Und wegen der Tabaksteuer.

In Wirklichkeit kommt die Nikotinsucht dieser rund 16 Millionen Menschen uns alle teuer zu stehen: Raucher wie Nichtraucher. Ihr Laster kostet unsere Solidargemeinschaft gut 97 Milliarden Euro pro Jahr, trotz niedrigerer Rentenzahlungen im Alter. So hat es der Hamburger Ökonom Tobias Effertz anhand der Daten Zehntausender Krankenkassenmitglieder errechnet. Demgegenüber stehen Tabaksteuereinnahmen von nicht einmal 15 Milliarden Euro.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will die Abgabe nun erhöhen. Aber nur ein winziges bisschen: um lächerliche 0,004 Euro pro Zigarette, im Einvernehmen, ja sogar auf Betreiben der Industrie. Man könnte meinen: damit bloß kein Süchtiger auf den Gedanken kommt aufzuhören.

Fast 350 Tabaktote pro Tag

Wenn der Großen Koalition das Wohlergehen ihrer Bürger wirklich am Herzen liegt, dann muss sie die Tabaksteuer drastisch erhöhen. Damit eine Schachtel Tabakzigaretten mindestens zehn Euro kostet. Der Gesundheit der Menschen zuliebe, aber auch der Staatskasse. Denn die würde nicht nur von den erst mal steigenden Steuereinnahmen profitieren, sondern vor allem von den sinkenden Gesundheitskosten.

Es stimmt: Raucher sterben im Schnitt früher, dadurch bekommen sie im Alter weniger Zahlungen aus der Rentenversicherung. Sie gehen aber im Durchschnitt auch früher in Pension: oft aufgrund der Folgen ihrer Sucht. 58.000 Menschen mussten 2019 wegen schwerer raucherspezifischer Krankheiten in deutschen Kliniken behandelt werden. Nicht nur wegen Lungenkrebs – wo die Chemotherapie schnell mal 20.000 Euro kostet –, sondern zum Beispiel auch wegen COPD. Viele Patienten, die unter dieser unheilbaren Lungenkrankheit leiden, können kaum noch ein paar Dutzend Schritte gehen, ohne Atemnot zu kriegen.

Rund 30 Milliarden Euro pro Jahr verschlingen Behandlung, Pflege und Reha von Tabakpatienten. Sofern es überhaupt noch zu einer Reha kommt. 127.000 Aktiv- und Passivraucher in Deutschland sterben pro Jahr an den Folgen der Sucht, das macht fast 350 pro Tag. Nicht einmal die Coronapandemie verursacht hierzulande derart viel Tod und Leid wie die alltägliche Zigarette.

Ökonomisch noch schwerwiegender sind die indirekten Kosten: etwa der Arbeitsausfall während der Behandlung, geringere Produktivität, Erwerbsminderung, Arbeitsunfähigkeit. Sie belaufen sich laut Forscher Effertz auf fast 67 Milliarden Euro.

Frankreich und Großbritannien sind längst weiter

Allein um die 30 Milliarden Euro an direkten Kosten für die Allgemeinheit auszugleichen, müsste die Tabaksteuer von derzeit knapp 17 Cent auf rund 41 Cent pro Zigarette angehoben werden. Zusammen mit dem Herstelleranteil würde eine Marlboro dann etwa 50 Cent kosten. Macht rund zehn Euro statt bisher sieben je 20er-Schachtel.

Zehn Euro pro Päckchen Kippen: Das würde in Deutschland manchen langjährigen Raucher ins Nachdenken bringen und viele junge Noch-Nicht-Raucher abschrecken. Im internationalen Vergleich wäre dieser Preis alles andere als außergewöhnlich. In Frankreich etwa kostet die Schachtel Marlboro schon um 10,50 Euro, in Großbritannien umgerechnet etwa 14 Euro – und in Australien oder Neuseeland über 20 Euro.

Wenn es um merkliche Steuererhöhungen geht, warnt die Tabakindustrie gern vor einem angeblich bevorstehenden dramatischen Anstieg des Schmuggels – oft mithilfe von Studien, die sie selbst beauftragt hat.

Doch gerade die angelsächsischen Staaten haben es geschafft, ihre Raucherquoten stark zu senken: mit Steuererhöhungen, aber auch Werbeverboten, Verkaufseinschränkungen, Hilfsprogrammen für Aussteiger sowie dem sogenannten Plain Packaging, also der Verbannung der Zigaretten in olivgrüne Uniformschachteln mit großformatigen Schockfotos und ohne Markenlogos.

In Großbritannien etwa rauchen nur noch 14 Prozent der Erwachsenen Tabak; hierzulande sind es noch rund 23 Prozent. Viele Briten sind auf die mutmaßlich weniger schädlichen elektronischen Zigaretten umgestiegen, unter anderem wegen der niedrigeren Preise. Solange Forschungsergebnisse darauf hindeuten, dass E-Zigaretten und Tabakerhitzer geringere Schäden verursachen als die konventionelle Zigarette, müssen sie auch entsprechend geringer besteuert werden.

Wenn die Bundesregierung ähnlich konsequent die Tabaksteuer erhöht und Zigaretten unattraktiv macht, wird auch hierzulande die Zahl der Raucher deutlich fallen. Das Gesundheitssystem wird entlastet, zum Nutzen aller. Und, noch viel wichtiger: Hunderttausenden Menschen und ihren Angehörigen bleibt unsägliches Leid erspart.

0,004 Euro mehr Tabaksteuer will Olaf Scholz haben – auch auf Betreiben der Tabakindustrie. Sie nimmt Steuererhöhungen gerne zum Anlass, ihrerseits den Zigarettenpreis aufzurunden

0,004 Euro mehr Tabaksteuer will Olaf Scholz haben – auch auf Betreiben der Tabakindustrie. Sie nimmt Steuererhöhungen gerne zum Anlass, ihrerseits den Zigarettenpreis aufzurunden

Foto: RONNY HARTMANN / AFP

Andererseits, könnte man einwenden, wird auch das Tabaksteueraufkommen fallen. Aber das wäre für die Staatskasse nicht weiter schlimm. Denn wer mit dem Rauchen aufhört oder gar nicht erst anfängt, bleibt im Durchschnitt länger gesund und leistungsfähig – und verdient folglich besser. Entsprechend mehr Einkommensteuern und Sozialabgaben fließen in die öffentlichen Kassen.

All dies ist den Entscheidern in Berlin bekannt. Trotzdem wollen sie die Tabaksteuer nur homöopathisch steigern. Liegt es daran, dass sich CDU und SPD ihre Parteitage von Tabakmultis sponsern lassen? An Einflussnehmern wie jenem Ex-FDP-Staatssekretär, der seit einigen Jahren Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbandes ist? Oder wollen sich die Politiker nicht einen Teil ihrer Wählerschaft vergraulen?

Am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus: Die Politik traut sich nicht, sich mit der Tabakindustrie anzulegen.