Raucher Kabinett beschließt Verbot von Tabakwerbung

Auf Plakatwänden und Litfaßsäulen darf ab 2020 nicht mehr für Zigaretten und Co. geworben werden. Industrie und Werbewirtschaft kritisieren das Verbot scharf.

Tabakwerbung in Düsseldorf
AP

Tabakwerbung in Düsseldorf


Als letztes Land in der Europäischen Union erlaubt Deutschland noch uneingeschränkt Außenwerbung für Tabakerzeugnisse. Das soll sich nun ändern: Ab 2020 darf auf Plakatflächen und Litfaßsäulen nicht mehr für Zigaretten geworben werden. Das hat das Bundeskabinett beschlossen. Das Verbot soll auch sogenannte E-Zigaretten umfassen. In Kinos soll das Werbeverbot bei allen Filmen gelten, die für Zuschauer unter 18 Jahren freigegeben sind.

An Fachgeschäften sowie in Verkaufsstellen wie Trinkhallen oder Tankstellen wird Tabakwerbung weiter erlaubt sein. Tabakindustrie und Werbewirtschaft kritisieren die Pläne und hoffen auf Korrekturen im Gesetzgebungsverfahren. Sie argumentieren, dass durch das Verbot erstmals in Deutschland nicht mehr für ein legales und frei handelbares Produkt geworben werden dürfe.

"Das Werbeverbot wäre ein Präzedenzfall", kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Rauchtabakindustrie, Michael von Foerster. Es sei zu befürchten, dass weitere Verbotsmaßnahmen für "gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten und gesundheitlich riskante Produkte" folgen. "Politiker dürfen aber nicht zu Tugendwächtern werden."

Ähnlich äußerte sich der Zentralverband der Werbewirtschaft. "Die Umsetzung der Gesetzespläne wäre eine Zäsur", sagte Hauptgeschäftsführer Manfred Parteina. Einen Rückgang der Raucherquote durch die künftig eingeschränkte Werbung erwartet die Werbewirtschaft nicht. Die Zahl der jugendlichen Raucher habe sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Diese Entwicklung habe sich bei gleichbleibenden Werbeinvestitionen vollzogen. "Ein Werbeverbot wird keinen Raucher zum Nichtraucher machen und auch nicht dazu führen, dass jemand mit dem Rauchen erst gar nicht beginnt", sagt Parteina.

Der Hersteller Reemtsma verwies auf die Auswirkungen des sinnvollen Jugendschutzes. Statistiken zeigten, dass Deutschland damit erfolgreicher im Rückgang der Raucherquoten bei Jugendlichen sei, als Länder, in denen Tabak völlig von den Sichtflächen verbannt sei.

Zigarettenschachteln mit Schockbildern
DPA

Zigarettenschachteln mit Schockbildern

Erst kürzlich wurde per Gesetz die Umsetzung der 2014 ausgehandelten EU-Richtlinie für Tabakprodukte in Deutschland beschlossen. Danach müssen ab Mai dieses Jahres künftig zwei Drittel der Vorder- und Rückseite von Zigaretten- und Drehtabakverpackungen für kombinierte Warnbilder und aufklärende Texte reserviert sein - weit mehr als bisher schon. Die geplante Ausweitung des Werbeverbots wird in einem separaten Gesetz geregelt.

Nach dem Gesetzentwurf soll auch die kostenlose Abgabe von Zigaretten, Tabak zum Selbstdrehen und Wasserpfeifentabak an Verbraucher geregelt werden. Andere Rauchtabakerzeugnisse, rauchlose Tabakerzeugnisse sowie elektronische Zigaretten und Nachfüllbehälter sollen nur noch in Fachgeschäften kostenlos abgegeben werden.

brk/dpa



insgesamt 77 Beiträge
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kantundco 20.04.2016
1. Willkommen in Verbotistan!
Dass ein Werbeverbot keinerlei Auswirkungen auf das Rauchverhalten, sondern nur auf die Mediennutzung der Tabakkonzerne hat, ist längst bewiesen. Solange der Staat üppigst an den Rauchern verdient, ist jede pseudogesundheitliche Maßnahme ohnehin nur Show. Und wer mit Nikotin anfängt, hört damit noch lange nicht auf. Die Bevormundung wird weiter gehen, so lange man sich nicht wehrt. Auch ich finde Rauchen ekelig (bin aber selbst Raucher).
max_schwalbe 20.04.2016
2. Absurde Rudimente
Dass überhaupt noch für Zigaretten geworben werden darf, ist ein Anachronismus. "Die Zahl der jugendlichen Raucher habe sich in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren halbiert. Diese Entwicklung habe sich bei gleichbleibenden Werbeinvestitionen vollzogen." Damit begründet man doch nicht wirklich, dass ein Werbeverbot wirkungslos sei? Unlgoscher gehts ja wohl nicht. Der Skandal ist, dass Zigarettenwerbung in den letzten 30 Jahren immernoch legal war. Jedes Gejammer seitens der Industrie ist megapeinlich! Wer rauchen möchte, wird das auch künftig tun können, von mir aus sollte der Zigarettenverkauf aber auf Apotheken und eventuell Drogerien beschränkt werden. Niemand sollte aktiv dazu verleitet werden, zu rauchen. Das muss einfach die Devise sein!
kangootom 20.04.2016
3. Viel zu spät und trotzdem inkonsequent
Zigaretten sind Drogen mit gesundheitlichen und tödlichen Folgen. Es zeigt die Feigheit unserer Politiker hier einen Schnitt zu machen. Der Vorstoß kommt zu spät und mit der Kinowerbung in Filmen ab 18 knickt man wie mit den Raucherkneipen ein.
wilam 20.04.2016
4. liebe Jott,
die Todesdrohung nimmt die Industrie ganz gelassen. Ist auch keine Gegenwerbung, denn welcher Teenie will nicht seine Todesverachtung zeigen?! Wenn schon, dann müsste da stehen, watt, du rauchst noch, ick denk du bist schon groß oder: danke Mann, ick hab uffjehört, als Raucher jenießte ja heut det Prestiesch von'n Bettnässa.
Georg_Alexander 20.04.2016
5. Versteht das jemand?
Zitat:"Der Hersteller Reemtsma verwies auf die Auswirkungen des sinnvollen Jugendschutzes. Statistiken zeigten, dass Deutschland damit erfolgreicher im Rückgang der Raucherquoten bei Jugendlichen sei, als Länder, in denen Tabak völlig von den Sichtflächen verbannt sei." Konsequenterweise sollte Reemtsma auf Werbung komplett verzichten - um die Raucherquote wieder anzuheben... Da ist ein verkanntes Politiktalent bei Reemtsma angestellt ;-)
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