Debatte um Essener Tafel Versagt hier der Sozialstaat?

Von Stefan Liebig
Immer mehr Tafeln versorgen in Deutschland immer mehr Menschen. Doch heißt das wirklich, dass es bei uns immer mehr Arme gibt?
Essener Tafel

Essener Tafel

Foto: Ina Fassbender/ dpa

Die Ereignisse um die Essener Tafel sind für viele Kritiker einmal mehr ein Anlass, auf das vermeintliche Versagen des deutschen Wohlfahrtsstaates hinzuweisen. Die Tafeln unterstützen mittlerweile 1,5 Millionen Menschen bundesweit: für Sozialverbände und viele aus dem linken Politikspektrum ein eindeutiges und untrügliches Zeichen für eine Zunahme der Armut und ein Versagen der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland. Nicht nur "Hartz IV"-Empfänger, sondern auch Arbeitslose, Beschäftigte mit niedrigen Löhnen und Rentner seien zunehmend auf kostenlose Lebensmittel angewiesen.

Allein dem Staat die Verantwortung zuzuschreiben, greift jedoch zu kurz. Dazu wissen wir zu wenig über die Situation und die Motive derjenigen, die zu den Tafeln gehen. Die erhöhte Nachfrage nach kostenlosen Lebensmitteln kann nämlich sehr unterschiedliche Gründe haben.

Ein möglicher Grund ist sicherlich, dass Bedürftige auf kostenlose Lebensmittel angewiesen sind, weil sie über keine oder deutlich zu geringe finanzielle Mittel verfügen. Das würde heißen, dass vor allem in deutschen Städten - dort ist der Zulauf bei den Tafeln am höchsten - ein Teil der Menschen in absoluter Armut leben. Von absoluter Armut sprechen wir Wissenschaftler, wenn Menschen grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft nicht befriedigen können.

Diese Form der Armut galt in unserem Land eigentlich als überwunden. Würde sie nun zurückkehren und sogar von Jahr zu Jahr zunehmen, wie es die Zahlen der Tafel-Kunden nahelegen, dann würden die sozialen Sicherungssysteme tatsächlich ihren grundgesetzlich verankerten Auftrag nicht erfüllen.

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Foto: DIW Berlin / Florian Schuh

Stefan Liebig (Jahrgang 1962) ist Direktor der Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld.

Doch inwieweit in Deutschland tatsächlich absolute Armut besteht, ist auf der Grundlage der gängigen Daten überhaupt nicht feststellbar. Die regelmäßig veröffentlichten Zahlen zur Armutsquote - oder genauer: der Armutsgefährdungsquote - beziehen sich auf die relative Einkommensarmut. Demnach gilt eine Person als arm, deren Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt.

Steigt also das allgemeine Einkommensniveau einer Gesellschaft und verbleiben die unteren Einkommensgruppen auf dem bestehenden Niveau oder nimmt der Anteil von Personen mit niedrigen Einkommen in der Bevölkerung zu, dann steigt auch die Armutsgefährdungsquote. Daraus lässt sich aber nicht auf eine Zunahme der absoluten Armut in unserer Gesellschaft schließen (mehr dazu lesen Sie hier).

Erklärt: Wie sich Armut messen lässt
Foto: DER SPIEGEL

Doch sind die immer längeren Schlangen vor den deutschen Tafeln nicht ein untrügliches Zeichen dafür, dass nicht nur die relative, sondern auch die absolute Armut steigt? Wir Ökonomen kennen viele Märkte, in denen Angebote Nachfrage erzeugen. Ein Beispiel dafür: Obwohl wir vor zehn Jahren auch ohne Smartphones unser Leben mehr oder weniger gut meistern konnten, kommen viele Menschen heute ohne gar nicht mehr aus.

Auch die zunehmende Anzahl von Tafeln in Deutschland stellt eine Steigerung eines bestimmten Angebots dar, das ebenfalls Nachfrage generieren kann. Bedürftige Haushalte (nur sie dürfen das Angebot der Tafeln in Anspruch nehmen) können entscheiden, ob sie ihre Lebensmittel im Laden kaufen oder auf das kostenlose Angebot zurückgreifen. Das Angebot der Tafel eröffnet also die Möglichkeit, bei einem Ausgabenposten des einzelnen Haushalts zu sparen, um das damit freiwerdende Geld für andere Ausgaben zu nutzen. Ohnehin geben deutsche Haushalte für Nahrungsmittel bekanntlich anteilig weniger Geld aus als die meisten anderen Europäer.

Die entscheidende Frage ist hier, warum Haushalte eine derartige Umschichtung vornehmen? Sind sie dazu gezwungen, weil sie nur so andere Ausgaben decken können, die ihnen einen Mindestlebensstandard garantieren, wie etwa die Miete? Oder greifen sie auf das kostenfreie Angebot der Tafeln zurück, um damit Konsumausgaben zu tätigen, die den eigenen Vorlieben und Wünschen besser entsprechen und über das, was als soziales Minimum in der Gesellschaft angesehen wird, hinausgehen? Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn sie das knappe Geld lieber für Bücher statt für Brot und Joghurt ausgeben.

Das heißt noch lange nicht, dass sich daraus kein Handlungsbedarf für den Staat ergeben würde. Nahrungsmittel, Kleidung und Wohnen machen in den einkommensschwachen Haushalten nahezu zwei Drittel der Ausgaben aus - deutlich mehr als bei einkommensstarken Haushalten.

Zwingend bleibt dann weniger Geld für andere Posten wie Kultur, Bildung oder Sport übrig, die Menschen eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen. Ein vielversprechender Ansatz wäre hier zum Beispiel, nicht die sozialstaatlichen Transfers zu erhöhen, sondern die Steuern auf Lebensmittel und Güter zur Deckung der Grundbedürfnisse abzusenken.

Handlungsbedarf für die Sozialsysteme und die Politik (über plakative Mahnungen hinaus) wird man aber letztendlich nur identifizieren können, wenn die Gründe für die zunehmende Inanspruchnahme der Tafeln besser analysiert werden können. Generell gilt: Für die Diskussion zentraler -auch sozialpolitischer - Fragen benötigen wir detaillierteres empirisches Wissen, das sich eben nicht nur auf rein ökonomische Daten wie etwa das Einkommen stützt, sondern die auch die Motivlagen, Gründe und Präferenzen der Bürgerinnen und Bürger umfassen.

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