Tarifstreit Lokführer rufen Marathonstreik aus

Von einer Annäherung kann keine Rede sein: Der Streit zwischen Lokführern und Bahnunternehmen wird heftiger. Die Gewerkschaft hat einen 60-stündigen Streik begonnen. Ihr Chef Weselsky sagt, es könne in dem Tarifkonflikt nur einen Gewinner geben.

GDL-Chef Weselsky: "Kein Arbeitgeber sollte hoffen, dass der GDL die Luft ausgeht"
DPA

GDL-Chef Weselsky: "Kein Arbeitgeber sollte hoffen, dass der GDL die Luft ausgeht"


Frankfurt am Main - Mit ihrem bisher längsten Streik im Tarifkonflikt will die GDL den Druck auf die Bahn-Konkurrenten erhöhen. Die Lokführergewerkschaft startete am Montag bei den großen regionalen Wettbewerbern der Deutschen Bahn einen Ausstand, der 60 Stunden dauern soll - bis in die Nacht zum Donnerstag.

Der Tarifkonflikt scheint derzeit von einer Lösung weit entfernt zu sien. GDL-Chef Claus Weselsky kündigte in Leipzig an: "Wir werden so lange streiken, bis wir die Arbeitgeber wieder in Verhandlungen haben." Die Streikkasse, aus der die Lokführer im Ausstand bezahlt werden, sei gut gefüllt. "Es sollte kein Arbeitgeber darauf setzen, dass der GDL die Luft ausgeht."

Weselsky sprach von einem Machtkampf. "Wir sind inzwischen schon etwas zu weit, um noch von einer Win-Win-Situation ausgehen zu können. Ich denke, hier gibt es nur einen Gewinner. Und ich habe meinen Leuten versprochen, dass dies die Lokführer sein werden."

GDL-Chef Weselsky kritisierte, die Veolia-Gruppe verschärfe den Tarifkonflikt weiterhin durch Aussperrungen. Insgesamt werde der Druck auf einzelne Lokomotivführer erhöht. Der Umgangston zwischen Unternehmensführungen und den rechtmäßig Streikenden werde "zunehmend rabiater".

Für Bahnreisende kam es erneut zu Behinderungen. Einen bundesweiten Überblick konnte die GDL am späten Montagnachmittag noch nicht geben. Die GDL im Norden sprach von einer Lokführerbeteiligung am Streik von 70 bis 80 Prozent.

- In Berlin-Brandenburg kam es bei der Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG) zu Zugausfällen. Keine Bahnen verkehrten auf den Linien Fürstenwalde-Bad Saarow sowie Eberswalde-Prenzlau. Busse statt Züge fuhren auf den Linien zwischen Wendisch Rietz und Frankfurt (Oder) sowie zwischen Eberswalde und Frankfurt. Auch in der Lausitz auf der Strecke OE 46 Cottbus-Forst mussten Reisende Busse nutzen. Auf Berlin-nahen Abschnitten zwischen Berlin-Lichtenberg und Ahrensfelde stiegen Fahrgäste auf die S-Bahn um.

- Bestreikte Unternehmen reagierten verärgert auf die neuerlichen Streiks. "Die GDL geht gezielt die Fahrgäste an", sagte eine Sprecherin des Anbieters Metronom im niedersächsischen Uelzen. Das Unternehmen fühlte sich von der Ankündigung der Lokführer überrumpelt, den Start des Streiks erstmals auf einen Nachmittag zu legen. Man habe davon erst aus den Medien erfahren. Bei Zugausfällen am Morgen habe der Kundenservice rechtzeitig Fahrgäste informieren können.

- Eine Sprecherin der Hessischen Landesbahn sagte: "Das Verständnis der Kunden geht immer mehr zurück, wir als Unternehmen werden beschimpft und es ist zunehmend schwieriger, das geradezurücken und auf die Lokführer zu verweisen."

Der Tarifstreit zwischen GDL und Privatbahnen
Die Beteiligten des Tarifstreits
Die Lokführergewerkschaft GDL sitzt mehreren Vertretern der Arbeitgeberseite gegenüber. Zu den Verhandlungspartnern gehören sechs Privatbahnen des Personennahverkehrs: Abellio, Arriva, BeNEX, Hessische Landesbahn, Keolis und Veolia Verkehr.
Die Kernforderung der GDL
Die zentrale Forderung der GDL ist ein Flächentarifvertrag für alle 26.000 Lokführer in Deutschland, unabhängig davon, ob sie bei der Deutschen Bahn (DB) oder bei Privatbahnen arbeiten. Diese Vereinbarung soll für Lokführer im Fern, Nah- und Güterverkehr gelten. Dabei fordert die GDL ein einheitliches Einkommen auf dem Niveau des Marktführers DB plus fünf Prozent. Die teils bis zu 30 Prozent niedrigeren Entgelte bei Privatbahnen sollen stufenweise angeglichen werden.
Warum sich die Privatbahnen wehren
Die privaten Betreiber fürchten höhere Kosten durch Löhne, die auf DB-Standard liegen. Mittelständische Unternehmen könnten sich die Entgelte des Marktführers nicht leisten, sagen die Privatbahnen. Ihr Credo: Für unterschiedliche Tätigkeiten sollen unterschiedliche Entgelte gezahlt werden. Denn die privaten Anbieter sind im Regionalverkehr aktiv. Sie argumentieren etwa, dass Lokführer im Güterverkehr im Gegensatz zu ihren Kollegen im Nahverkehr oft Nachtfahrten haben. Die GDL argumentiert, solche Unterschiede könnten durch Zulagen ausgeglichen werden.
Die Stellung der GDL
Neben der GDL gibt es in der Bahnbranche auch die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Die GDL vertritt nach eigenen Angaben drei Viertel aller Lokführer. Darum sieht sich die Gewerkschaft allein berechtigt, Tarifverträge für Lokführer abzuschließen. Bei der DB hat die GDL das alleinige Mandat, für die Lokführer des Unternehmens zu verhandeln. Bei den Privatbahnen dagegen beansprucht auch die EVG für sich, die Lokführer zu vertreten.
Die Rolle der Konkurrenzgewerkschaft EVG
Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) als Konkurrenz zur GDL hat bereits einen Branchentarifvertrag mit der Deutschen Bahn und den sechs großen Privatbahnen abgeschlossen, allerdings nur für den Nahverkehr. Die GDL lehnt einen Anschluss an diesen Vertrag aber ab und kritisiert, dass sich die EVG gegen die Arbeitgeber nicht richtig habe durchsetzen können.
Weitere Forderungen der GDL
Neben einem Flächentarifvertrag besteht die GDL auf einer Reihe spezieller Regelungen für Lokführer, zum Beispiel auf einem erweiterten Kündigungsschutz bei Arbeitsunfähigkeit nach Unfällen.

cte/dpa/dapd

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Newspeak, 18.04.2011
1. ...
Tja, bezahlt halt einfach mal die Leute fair, und alles wäre gut (und zwar fair nicht nur auf die Höhe der Löhne bezogen, sondern auch nach dem Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit" und auch insgesamt, was die Wertschätzung der Mitarbeiter betrifft. Die sind im menschenverachtenden "Sklavenhalterstaat" Deutschland meistens nur Kostenfaktoren und bekommen das auch andauernd zu spüren).
Maskulist5 18.04.2011
2. Wettbewerb nuir durch Lohndumping möglich?
Wenn dieser "tolle Wettbewerb" auf der Schiene nur dann stattfinden kann, wenn die Privatbahnen Dumpinglöhne zahlen, ist dieser Wettbewerb den Dreck unter den Nägeln eines Lokführers nicht wert. Weg mit diesem Unfug, die Bahn in Staatshand und ohne private Ausbeuter, dafür anständige Löhne für Lokführer und sonstiges Personal, mehr Service und Pünktlichkeit und es gibt keine Probleme mehr im Bahnverkehr.
thomasa 19.04.2011
3. Ein Vertrag ist ein Vertrag
Ein Lokführer, der einen Vertrag bei einer "Privatbahn" unterschrieben hat, hat doch gewusst, dass das nicht ein Vertrag mit der DB ist, oder? Ich kann doch auch nicht einen Lupo kaufen und dann fordern, er müsste so schnell wie ein Porsche fahren.
bunterepublik 19.04.2011
4. Unerträglich
Es ist wieder mal unerträglich wie diese Gewerkschaftsbonzen ein ganzes Land in Sippenhaft nehmen.... Mich würde es nicht wundern, wenn irgendwann einmal Unternehmer einfach alles hinschmeißen und nicht mehr investieren....Sollen doch die Arbeitnehmer oder die Gewerkschaftsbonzen die Unternehmen führen.... Gerade bei Privatbahnen, die es ohnehin schwer haben am Markt mit quasi-staatlicher Konkurrenz von der DB....Ein ganzer Wirtschaftszweig, der endlich mal Belebung in das Geschäft bringt, wird niedergewalzt...Armes Deutschland...
Direwolf 19.04.2011
5. .
Zitat von Maskulist5Wenn dieser "tolle Wettbewerb" auf der Schiene nur dann stattfinden kann, wenn die Privatbahnen Dumpinglöhne zahlen, ist dieser Wettbewerb den Dreck unter den Nägeln eines Lokführers nicht wert. Weg mit diesem Unfug, die Bahn in Staatshand und ohne private Ausbeuter, dafür anständige Löhne für Lokführer und sonstiges Personal, mehr Service und Pünktlichkeit und es gibt keine Probleme mehr im Bahnverkehr.
Lol und wer soll das bezahlen? Sie etwa?? Die Bundesbahn wurde nicht aus Jux und Dollerei umgewandelt, sondern weil sie ein wirtschaftlicher Totalschaden war - die war nicht mehr finanzierbar. Heute sind DB und co. zwar immer noch sehr teuer, transportieren aber 50% mehr Menschen und auch mehr Güter, als die Bundesbahn, von daher hat sich die Bahnreform gelohnt, auch wenn die GDL mal streikt
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