Gefühlte Lebensverhältnisse Hier wohnen die satten Nörgler

Ob eine Region als abgehängt gilt oder reich, bestimmt die Statistik. Doch deckt sich das Lebensgefühl vor Ort damit? Forscher befragten Menschen quer durch die Republik und stellten fest: nicht immer.

Stuttgarter Fußgängerzone Königstraße: "Privilegiert? Na ja, es ist nicht wie in München hier"
Ralph Peters/ imago

Stuttgarter Fußgängerzone Königstraße: "Privilegiert? Na ja, es ist nicht wie in München hier"

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Die Ungleichheit der Lebensverhältnisse zwischen den Regionen in Deutschland ist groß. Diese - nicht neue - Erkenntnis belegt einmal mehr das Berlin-Institut. Seine Forscher haben zahlreiche Daten ausgewertet, zu Einkommen und Bildungserfolg, zu Bevölkerungswachstum oder -schwund, zur Breitbandversorgung und Lebenserwartung - kurz: zu den relevanten ökonomischen und sozialen Indikatoren, die darüber bestimmen, ob eine Region als wohlhabend oder als abgehängt gilt. Ergebnis ist der "Teilhabeatlas Deutschland", der Auskunft gibt über die objektiven Lebensbedingungen in jedem der 401 Landkreise und Städte der Bundesrepublik.

(Eine ausführliche Analyse mit interaktiven Karten finden Sie hier.)

Die Forscher interessierten sich jedoch noch für weitere Fragen: Wie nehmen die Menschen diese objektive Ungleichheit wahr? Fühlen sich Bewohner wohlhabender und erfolgreicher Gemeinden tatsächlich privilegiert - und Bewohner abgehängter Regionen tatsächlich benachteiligt? Das ist auch deshalb von Relevanz, weil sich im Grundgesetz nicht etwa das Ziel findet, gleiche Lebensbedingungen in ganz Deutschland zu schaffen, sondern gleichwertige. Wie viel Wert etwas aber hat, lässt sich nicht messen, sondern ist eine subjektive persönliche Einschätzung.

Um Antworten zu finden, sind die Forscher in 15 ausgewählte Regionen gefahren und haben mit insgesamt fast 300 Menschen gesprochen - mit Politikern, Verwaltungsangestellten, Haupt- und Ehrenamtlichen, aber auch mit Bürgern. Sie stellten fest: Im Großen und Ganzen stimmt das Lebensgefühl vor Ort mit der objektiven Faktenlage überein - aber nicht immer. Die Forscher trafen auch satte Nörgler und zufriedene Genügsame.

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Teilhabeatlas: Diese Regionen haben die Forscher besucht

"Privilegiert? Na ja, es ist nicht wie in München hier. Man sieht nicht, dass Stuttgart reich ist", äußerte etwa ein Gesprächspartner in der nach objektiven Kriterien ausgesprochen wohlhabenden baden-württembergischen Landeshauptstadt, Sitz von Daimler, Porsche und Bosch. Ganz allgemein stellten die Forscher für Stuttgart und das ebenfalls in Baden-Württemberg gelegene Heilbronn unverblümt fest: "Trotz Spitzen-Haushaltseinkommen, Rekord-Steuereinnahmen und vergleichsweise optimaler Versorgung wird viel genörgelt und gejammert" - was nebenbei ein wenig dem Klischee entspricht, das den Schwaben anheftet.

Im mecklenburgischen Ludwigslust-Parchim hingegen - statistisch eindeutig eine strukturschwache "abgehängte Region" - hörten die Forscher: "Verglichen mit der Prignitz oder dem Osten Mecklenburgs stehen wir gut da. Nur Rostock ist auch gut, was Dynamik und wirtschaftliche Entwicklung angeht, aber dann kommen schon fast wir."

Aus dem noch weiter im Norden gelegenen Landkreis Schleswig-Flensburg, eingeklemmt zwischen der dänischen Grenze, Nordsee und Ostsee sowie dem diese verbindenden Kanal - und laut objektiver Daten ebenfalls abgehängt - nahmen die Forscher den Eindruck mit, die Bewohner lebten dort "abgeschieden, aber glücklich". Zum ausgesprochen dünnen öffentlichen Nahverkehr dort bemerkte ein Bewohner: "In Berlin und Hamburg ist ja auch nicht alles um die Ecke." Ein anderer Bewohner beschied den Forschern: "Wir haben hier eine hohe Lebensqualität."

Allerdings muss bei der Bewertung dieser Aussagen ein blinder Fleck der Studie berücksichtigt werden, wie die Forscher selbst betonen: Sie sprachen ausschließlich mit Menschen aus der Mittel- und Oberschicht. Das war bei den insgesamt 174 Personen aus Politik, Verwaltung, Schulen, Kirchen, Medien, Wohlfahrts- und Wirtschaftsverbänden auch nicht anders zu erwarten, mit denen in ihrer Funktion als Experten gesprochen wurde. Doch auch zu den Gruppengesprächen mit Bürgern, zu denen offen eingeladen wurde, erschienen meist "gut gebildete, beruflich aktive und häufig ehrenamtlich engagierte" Personen - und kein einziger Vertreter gesellschaftlich benachteiligter Gruppen wie Arbeitslose oder Niedrigverdiener. Über deren Lage und Lebensgefühl gab es also lediglich Auskünfte aus zweiter Hand.

Allein deshalb kann dieser subjektive Teil der Studie keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Dennoch lassen sich aus dem Teil der Studie, der die stets nach einem festen Leitfaden geführten Gespräche (siehe Details am Ende dieses Artikels) zusammenfasst, einige allgemeine Schlussfolgerungen herauslesen. Eine Auswahl:

  • Die objektive Lage wird auch subjektiv so wahrgenommen:
    Die Menschen erleben durchaus bewusst, dass sie in einer wohlhabenden oder eben abgehängten Region leben. Das gilt auch für die tendenziell zufriedenen Schleswig-Flensburger, die davon sprechen, dass sich Unternehmen allein deshalb nicht ansiedeln, weil es vielerorts kein schnelles Internet und Funklöcher gibt.
  • Entscheidend sind Veränderungen in nächster Nähe:
    Im boomenden ländlichen Ostalbkreis berichtet ein Gesprächspartner: "Wir hatten hier einen Bäcker, der hat Pleite gemacht. Und der Metzger findet keinen Nachfolger. Dann haben wir, was Grundversorgung betrifft, nichts mehr." Ähnliches gilt, wenn zum Beispiel ein Kreiskrankenhaus oder die örtliche Grundschule geschlossen wird - was auch in erfolgreichen ländlichen Regionen vorkommt. Für die betroffenen Bewohner verschlechtert sich die konkrete subjektive Lebenslage, selbst wenn sie sich im gesamten Landkreis objektiv erheblich verbessert.
  • Der Trend ist oft wichtiger als die absolute Lage:
    In Ludwigslust-Parchim ist die Versorgungslage objektiv schlecht, die Einkommen klein, der Kreis verliert per Saldo junge Menschen - Folge des harten Niedergangs nach der Wiedervereinigung. Dennoch spürten die Forscher hier viel Optimismus. Denn in jüngster Zeit gibt es mehr Arbeit, der Tourismus wächst, und es wandern nicht mehr so viele junge Menschen ab wie früher.
    Anders ist es im sachsen-anhaltischen Mansfeld-Südharz - statistisch ebenfalls eine ländliche, abgehängte Region. Hier hält der Niedergang an, es entstehen keine neuen Jobs, die Flucht der jungen Menschen ist ungebremst. Die Forscher erlebten in den Gesprächen vor Ort eine Stimmung der Perspektivlosigkeit und der gesellschaftlichen Erosion. Eine typische Äußerung lautete: "Das wird hier nix mehr. Was soll denn noch kommen?"
    Auch in Cottbus erlebten die Forscher viel Hoffnungslosigkeit - was dort mit dem Ausstieg aus der Braunkohle zu tun hat, die für die Stadt überragende Bedeutung hat. Selbst in den derzeit sehr erfolgreichen schwäbischen Regionen Stuttgart, Heilbronn und Ostalbkreis spürten die Forscher Zukunftsängste. Grund ist der anstehende fundamentale Umbruch der Automobilindustrie - wie in Cottbus also eher ein antizipierter Trend als ein bereits eingetretener.
  • Große Unterschiede auf kleinem Raum:
    Selbst in insgesamt erfolgreichen und wohlhabenden Landkreisen und Städten gibt es oft abgehängte Orte - etwa die sogenannten Problemviertel der Großstädte, in denen viele Sozialhilfeempfänger und Migranten mit einer vergleichsweise schlechten Infrastruktur leben. Davon hat etwa Hamburg gleich mehrere. Der Arbeiterbezirk Harburg gehört streng genommen nicht zu diesen Vierteln - dennoch schätzten die Menschen dort ihre Perspektiven deutlich schlechter ein als jene im überwiegend reichen Bezirk Altona. In einigen Landkreisen gibt es Ortschaften mit guter Verkehrsanbindung, in die junge Familien ziehen und Kitas und Geschäfte eröffnen - und abgeschnittene Orte im Niedergang.
  • Auch Erfolg ist nicht nur positiv:
    In den reichen Großstädten Hamburg und Stuttgart treibt die starke Zuwanderung die Mieten extrem nach oben. Viele Menschen können sich das Wohnen dort nicht mehr leisten, ihre persönliche Lebenslage verschlechtert sich. Zudem verstärkt das die Trennung zwischen Reichen- und Problemvierteln.

Eine Gemeinsamkeit stellten die Forscher übrigens bei ihren Gesprächen in allen Regionen fest, die sie besuchten - ob abgehängt oder reich, ob auf dem Land oder in der Stadt: eine ausgeprägte Heimatverbundenheit. Die meisten Befragten gaben an, dort und nirgendwo anders leben zu wollen. Selbst dann nicht, wenn damit Chancen auf ein besseres Leben verbunden wären.

Leitfaden der Gespräche
Diese Fragen wurden in den Gesprächen gestellt
(Der Leitfaden umfasste zu den einzelnen Themen noch detaillierte Fragen.)
in Gesprächen mit Personen in öffentlichen Funktionen und anderen Experten
- Was läuft gut in Ihrem/Ihrer Kreis/Stadt/Gemeinde? Wo fehlt es?
- Wie sehen Sie Ihre Region im Vergleich mit anderen in Deutschland?
- In welche Richtung entwickelt sich nach Ihrer Einschätzung Ihre Region?
- Was können Sie tun, um Verbesserungen zu erzielen?
- Gibt es Unzufriedenheit in der Bevölkerung?
- Was können die Menschen selbst dazu beitragen, um ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten?
- Gibt es ein Gefühl des sozialen Zusammenhalts in Ihrem/Ihrer Kreis/Stadt/Gemeinde?
in Einzel- und Gruppengesprächen mit Bürgern
- Was gefällt Ihnen am Leben im Kreis/in der Stadt? Woran fehlt es?
- In welche Richtung entwickelt sich nach Ihrer Einschätzung Ihre Region?
- Geht die Politik auf die Bedürfnisse der Region/Stadt ein?
- Tut die Gemeinde/der Kreis genug für die Bevölkerung, für Sie?
- Was können Sie tun, um gegebenenfalls Verbesserungen zu erreichen? Können Sie und die Menschen in Ihrem Umfeld ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten
- Beteiligen Sie sich im Allgemeinen an Wahlen?
- Betätigen Sie sich ehrenamtlich oder politisch?
- Gibt es ein Gefühl des sozialen Zusammenhalts in Ihrem Umfeld/Ihrem Ort?


insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
ginorossi 22.08.2019
1. Heilbronn
Dass die Einwohner von Heilbronn ein hohes DURCHSCHNITTSEINKOMMEN haben liegt daran, dass Heilbronn mit ca. 200.000 Einwohnern relativ klein ist, zu seinen Einwohnern aber einen Herrn Schwarz - Inhaber der Lidl und diverser anerer Ketten - zählt. Würde man endlich mal den Median-Wert anstelle des schwachsinnigen Durchschnittes verwenden, wäre die Welt besser erkennbar. Merke: wer zwei Beine hat, hat bereits überdurchschnittlich viele! Oder: der Vatikan hat eine Fläche von ca. 0,5 Quadratkilometern. Darauf lebt ein Papst (wenn wir von dem Benedikt a. D. mal absehen). Im Durchschnitt kommen also auf einen Quadratkilometer zwei Päpste ...
unixv 22.08.2019
2. Die satten Nörgler?
Die mag es geben, die Mehrheit aber, findet sich im alter bei den Tafeln ein. Satt? Ja, wenn einem das Leben als Beamter oder Politiker satt macht, sonst wohl eher kaum!
Gluehweintrinker 22.08.2019
3. Wir definieren unsere Mindestansprüche extrem hoch
Besonders im Rahmen der seit Monaten schwelenden Klimadebatte, glücklicherweise durch die Aktivisten von Fridays for Future am Schwelen gehalten, zeigt sich doch sehr, was viele Bundesbürger glauben für ein glückliches Dasein zu brauchen. Offenbar geht es absolut nicht ohne ein "vernünftiges Auto", also mindestens einem SUV nicht unter 180 PS, mehreren Urlaubsreisen per Flugzeug pro Jahr, und weniger als täglich Fleisch auf dem Teller sei ja wohl auch eine Zumutung. Wir haben offenbar einen nie da gewesenen Wohlstandsschub ab 1970 als Standard etabliert, unter den mal keinesfalls wieder zurückfallen dürfe. Wenn aber damit unser Konsum beim Stand von 1980 stehen geblieben wäre, ist er aber nicht. Es geht sicher bei der Bewertung der eigenen Situation nicht darum, ob man selbst ein auskömmliches Leben in persönlicher und sozialer Sicherheit führen kann, sondern um eventuelle Unterschiede zu denen, die rund um einen herum leben. Haben andere mehr oder leistem sich mehr, wobei die Frage nach der Finanzierung (eigenes Vermögen, Erbe oder Schulden?) gar nicht gestellt wird, dann fühlt sich jemand schnell benachteiligt. Dazu ist Deutschland wohl das Land, in dem der Neid erfunden wurde. Ein Millionär ist heute kreuzunglücklich, wenn die Villa mit Pool des Nachbarn ein paar Quadratmeter mehr hat und die Privatyacht größer ist. So lange der Neid das Grundgefühl der Deutschen bleibt, ändert sich nichts.
d3v1l 22.08.2019
4. Geographie...
... oder der unwissende Autor. Man sollte zumindest mal soweit eine Recherche betreiben, bspw. Mansfeld-Südharz "die Region im Norden Thüringens" - die Region liegt in Sachsen-Anhalt. Kann man mal verwechseln, kommt aber nicht so richtig gut an, wenn man professionell Journalist ist. Wie man 30 Jahre nach der Wende bereits in der dritten Generation "langzeitarbeitslos" sein kann, verstehe ich persönlich auch nicht ganz.
Ishibashi 22.08.2019
5. Sprachliches Problem
Wenn ein Norddeutscher oder gar Preiß die Befragung vornimmt und nicht mit den Besoderheiten der Süddeutschen Sprache vertraut ist kommt er natürlich zu der falschen Sclussfolgerung dass in Süden mehr gejammert wird. Hier in Franken ist das höchste Lob "Basst scho". Was von Norddeutschen eher negativ belegt ist.
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