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17. Oktober 2011, 09:49 Uhr

Teure Rettungspakete

Top-Ökonomen prophezeien Herabstufung Frankreichs

Teure Hilfe für schuldengeplagte Euro-Länder werden Frankreich in den kommenden Monaten das Spitzen-Rating kosten. Das sagen Experten großer Banken voraus. Die Bestnote bei der Kreditwürdigkeit werde schon im kommenden Jahr fallen. Auch Deutschlands Top-Position ist bedroht.

Düsseldorf/Paris - Deutschland und Frankreich gelten als Zugpferde bei der Lösung der europäischen Schuldenkrise. Ökonomen sehen jedoch die Gefahr, dass die finanziellen Lasten beide Länder selbst in eine schwierige Lage bringen könnten. So rechnen Chefvolkswirte großer Banken damit, dass Frankreich seine Top-Kreditwürdigkeit verlieren wird.

"Ein neues Rettungspaket für die Schuldenländer im Süden der Währungsunion wird auch die französischen Staatsfinanzen belasten", sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer der Web-Seite Handelsblatt Online. Er sehe daher die Gefahr, dass die Rating-Agentur Standard & Poor's die Bonitätsnote Frankreichs bereits in den kommenden Wochen mit einem negativen Ausblick versieht.

"Im kommenden Jahr könnte dann die Bestnote von AAA endgültig fallen", prognostizierte Krämer. So werde wohl das Wirtschaftswachstum deutlich nachlassen. "Zum anderen dürften die Politiker wegen des Präsidentenwahlkampfs zögern, Steuern zu erhöhen oder Ausgaben zu senken", sagte Krämer mit Blick auf die Wahl im kommenden Jahr.

Thorsten Polleit, der Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland, sieht vor allem die Schwäche französischer Institute als Gefahr für das Land. "Die Probleme der heimischen Banken können zu massiven zusätzlichen Belastungen für die Finanzlage des französischen Staates werden", sagte Polleit.

"Griechenland ist kein Problem für die französischen Banken"

Dagegen mühte sich der französische Notenbankchef Christian Noyer, Optimismus zu verbreiten. Die Banken des Landes könnten Verluste durch Abschreibungen auf griechische Schulden problemlos verkraften, sagte er in einem Interview mit dem Radiosender RFI und TV 5Monde. "Griechenland ist kein Problem für die französischen Banken." Im ersten Halbjahr verbuchten sie Gewinne von elf Milliarden Euro. Die Geldhäuser seien in der Lage, ihre Kapitalreserven ohne öffentliche Gelder aufzustocken, sagte Noyer. Seinen Angaben zufolge haben französische Kreditinstitute griechische Schuldenpapiere in Höhe von acht Milliarden Euro in ihren Büchern.

Doch Experten sorgen sich nicht nur um die Kreditwürdigkeit Frankreichs. Polleit warnte, auch Deutschland könnte ins Visier der Rating-Agenturen geraten. Bisher sehe es für die Bundesrepublik zwar gut aus, denn mit der bisherigen Haushaltsplanung könnte die Regierung in den kommenden Jahren die Schuldenlast bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) absenken. Voraussetzung sei jedoch, dass es keine neuen Belastungen gebe.

"Die Hilfeleistungen aber, die die Bundesregierung nun anderen Euro-Raum-Ländern geben will, können zu einer drastischen Verschlechterung der Entwicklung der Schuldenlasten führen, die dann in der Tat auch Zweifel am AAA-Rating Deutschlands wecken könnten", sagte Polleit.

Versicherungskonzern befürwortet Schuldenschnitt

In der Debatte um eine Lösung der Schuldenkrise wird derzeit wieder ein teilweiser Schuldenerlass für Griechenland diskutiert. Die Sorge vor einer Verschärfung der Krise lässt Konzerne beim Thema Schuldenschnitt offenbar umdenken. So befürwortet der Deutschland-Chef des italienischen Versicherers Generali, Dietmar Meister, einen solchen Schritt. "Ich glaube, das wäre inzwischen für ganz Europa und sogar die Welt die richtige Richtung", sagte Meister der "Financial Times Deutschland".

mmq/dpa-AFX/Reuters

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