Thomas Fricke

Teures Gas Wie Annalena Baerbock die Inflation fast stoppte

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Gegen höhere Lebenshaltungskosten kann derzeit die deutsche Außenministerin mehr tun als Notenbankchefin Christine Lagarde. Eine ökonomisch-diplomatische Aufklärung.
Außenministerin Baerbock: Im Grimmig-Dreinschauen gut mitgehalten

Außenministerin Baerbock: Im Grimmig-Dreinschauen gut mitgehalten

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Janine Schmitz / photothek / picture alliance

Als Annalena Baerbock diese Woche nach Russland flog, war das Geblöke aus Altherrenrunden schon vorformuliert. Was soll »das Mädchen« gegen »den bösen alten Russen« anrichten? Törö. Zumindest im Grimmig-Dreinschauen hat die Außenministerin dann aber doch gut mitgehalten . Und ernsthaftere Beobachter diagnostizierten hernach, die Ministerin könnte auch sonst größeren Eindruck hinterlassen haben als gedacht.

Gut wär’s. Nicht nur für eine Menge Menschen, die in der Ukraine leben – auch wenn hinter dem russischen Aufmarsch womöglich mehr Säbelrasseln als reale Kriegslust steckt. Sondern auch hinsichtlich einer ganz anderen Last, die hierzulande seit Monaten bei (nicht nur) alten Herren für Aufregung sorgt: die vermeintliche Rückkehr der Inflation. Sieht man genauer in Daten und Ursachen der Preisanstiege der vergangenen Monate, könnte durchaus sein, dass Annalena Baerbock in den kommenden Monaten mehr gegen steigende Preise tun kann als derzeit Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank, deren Job das eigentlich ist .

Klingt abwegig? Muss nicht. Allerdings muss man dafür tatsächlich genauer hinsehen.

Um zu erkennen, ob und was sich da als tieferer Trend abzeichnet, ist wichtig, wie sich die Preise von Monat zu Monat entwickeln – nicht wie der Vergleich zum Vorjahr ausfällt, also die üblicherweise gemeldete Inflationszahl. Der Vorjahresvergleich ist derzeit bekanntlich gleich mehrfach verzerrt, weil die Preise im zweiten Halbjahr 2020 einfach wegen der gesenkten Mehrwertsteuer und coronabedingten Tiefpreise bei Rohstoffen ungewöhnlich niedrig waren (und es ohnehin nicht so bleiben konnten).

Immer wieder die Energie

Von einem steten Trend ist in den Monatsdaten, die jetzt von der Bundesbank vorliegen, dagegen nichts zu erkennen. Und das macht für die Deutung einen großen Unterschied. Auffällige Preisschübe von monatlich 0,5 oder mehr Prozent gab es jenseits der üblichen saisonalen Schwankungen 2021 in lediglich fünf ziemlich eindeutig zu identifizierenden Monaten. Und, kein Zufall: In jedem dieser Monate stiegen vor allem die Energiepreise stark – getrieben jeweils von neuen Schockschüben an den Weltmärkten für Öl, Gas und andere Rohstoffe.

Das galt schon und besonders für den Januar, als die Energiepreise allein gegenüber dem Vormonat um gut fünf Prozent hochschnellten – und zudem die Wiederanhebung der Mehrwertsteuer wirkte. Der nächste Energieschock kam im Frühsommer – im Juni und Juli weist die Statistik um jeweils zum Vormonat 0,5 Prozent höhere Verbraucherpreise aus; kein Zufall: Die Energiepreise legten just in diesen beiden Monaten um 0,8 und 1,3 Prozent zu.

Dass die Gesamtinflation 2021 am Ende noch höher ausfiel, als Experten vermuteten  – auch das lässt sich ziemlich unzweideutig auf die Energiepreise zurückführen: Im Herbst folgte auf den Weltmärkten der nächste Schock. Für die Deutschen wurde Energie im Oktober um 4,1 Prozent allein gegenüber dem Vormonat teurer – was die Gesamtteuerung von Monat zu Monat noch einmal deutlich anziehen ließ (auf 0,7 Prozent), und damit auch die Inflation gegenüber dem Vorjahr über fünf Prozent.

Sieht man noch genauer hin, fällt auf: Den entscheidenden Einfluss auf das Auf und Ab der Energiepreise hatten vor allem Öl- und Gaspreise. Womit wir wieder bei Russland wären.

Die atemberaubendsten Sprünge gab es 2021 in Deutschland ja im Jahresverlauf tatsächlich bei den Gaspreisen. Ein Musterhaushalt musste nach Schätzungen von Verivox Ende 2021 so knapp 60 Prozent mehr je Einheit Gas zahlen als Ende 2020; gewichtet man das mit dem Anteil von Gas am typischen Warenkorb deutscher Verbraucher, ergäbe dies allein eine Inflation von gut 1,5 Prozent. Das entspricht rechnerich fast einem Drittel der gesamten Inflationsrate von 5,3 Prozent im Dezember.

Dazu kommt, dass sich auch die Kurse für Strom an den Energiemärkten de facto stark an denen für Gas orientieren – was wiederum auch den extremen Anstieg der Strompreise maßgeblich erklärt. Ebenso wie die Verteuerung mancher Nahrungsmittel, für deren Herstellung Gas benötigt wird. Nimmt man all das zusammen, liegt der Schluss nicht mehr fern, dass die Inflation nicht nur, aber doch zu einem Großteil eben damit zu tun hat – und auf jeden Fall alles andere ist als ein alles übergreifender plötzlich zurückgekehrter Hang zur Dauerinflation.

Zum Gegencheck: Immer wenn wie Ende des Jahres die Ölpreise fielen, fiel auch die deutsche Gesamtteuerung im Monatsvergleich wieder auf normalere Werte – im Dezember auf weniger als 0,2 Prozent. Für Industrieerzeugnisse mussten die Verbraucher weniger als 0,3 Prozent mehr bezahlen, wenn man Energieprodukte nicht berücksichtigt. Gleiches galt für Dienstleistungen. Die Mieten steigen im Dezember sogar nur um 0,1 Prozent. Ein wichtiger Unterschied.

Noch einmal: Das macht den vergangenen Anstieg der Lebenshaltungskosten nicht besser – wenn die Preise übers Jahr um drei Prozent gestiegen sind, sind sie um drei Prozent gestiegen. Und es ist auch kein Garant, dass aus vielen Schocks nicht irgendwann eine sich verselbstständigende Inflation werden könnte. Es ist nur doch nicht ganz unwichtig für die Frage, ob das, was die vergangenen Monate los war, der Anfang eines dauerhaften Trends ist – oder es im Kern doch stark um speziellere Ausreißer geht. Und was die Gründe dafür sind – ob und, wenn ja, wie sich diese womöglich auch abschalten lassen. Womit wir wieder bei Russland sind und bei Annalena Baerbock.

Importierte Preisschübe

Wenn die Preise für Öl und Gas derart hochgeschnellt sind, hat das nach Analyse von Energieexperten zu einem Teil damit zu tun, dass über Jahre relativ wenig in neue Förderkapazitäten investiert wurde – und nach dem ersten Coronaschock plötzlich viel Energie wieder gebraucht wurde. Mindestens ebenso sehr hat die Energieteuerung bei uns auch damit zu tun, dass einer der Hauptlieferanten für unser Gas die Lieferungen knapp hält, weil sich damit politisch ordentlich Druck machen lässt. Etwa auf die Europäer und vor allem Deutschen: damit sie die umstrittene Nord-Stream-2-Pipeline fürs russische Gas nach Europa schneller starten lassen. Genaueres lesen Sie täglich auf spiegel.de.

Wenn es für die Deutschen ein wirklich ernsteres Risiko für eine sich künftig verselbstständigende Inflation gibt, dann derzeit sicher nicht deshalb, weil die Beschäftigten im Land jetzt schon mächtig höhere Löhne einfordern; das Plus ist eher mickrig. Oder dadurch, dass die Konjunktur überhitzt – es wäre schon gut, wenn die Wirtschaftsleistung nach dem Schrumpfen zum Jahresende jetzt wider Omikron erst einmal wirklich wieder anzieht.

Zur Gefahr könnte eher werden, dass sich die importierten Preisschübe für Energie über eskalierende geopolitische Krisen und neues Machtgepoker auch 2022 noch alle paar Monate fortsetzen. Dann könnte es irgendwann auch eine gefährlichere Spirale auslösen, weil jeder die Preise weiterzugeben versucht. Dagegen hilft nur dann recht wenig, wenn die Europäische Zentralbank ihre Zinsen anhebt. Das wird Wladimir Putin und seinen Außenminister wenig beeindrucken. Und das hat dann auch nichts mit »der« Rückkehr »der« Inflation zu tun.

Dagegen könnte dann tatsächlich im Zweifel eher helfen, wenn die deutsche Außenministerin bei ihrem Amtskollegen aus Moskau ordentlich gegenhält – und nachhaltig Eindruck hinterlässt. Ob dafür die Chancen jetzt gut stehen oder nicht.