Inlandsflüge zu Thanksgiving US-Reisewelle trotz Coronawelle

Um das Erntedankfest mit der Familie zu feiern, touren Millionen Amerikaner durchs Land – obwohl die Infektionszahlen hochschnellen. Ein Vorgeschmack auf Weihnachten in Deutschland?
Foto: flightradar24

Der Himmel über den USA ist gelb in dieser Thanksgiving-Woche. Gelb vor lauter Flugzeugen. Sie ziehen von Nord nach Süd, von Küste zu Küste, kreuz und quer übers Land auf der Animation des Onlinedienstes flightradar24. Mitten in der dritten US-Corona-Welle – die noch verheerender sein könnte als die vorherigen beiden Pandemieausbrüche.

Thanksgiving, immer am vierten Donnerstag im November, ist eines der wichtigsten Familienfeste der Vereinigten Staaten: ähnlich bedeutend wie Weihnachten hierzulande. Traditionell kommen die Menschen zum Erntedankfest mit ihren Liebsten aus dem ganzen Land zusammen. Und das lassen sich viele Amerikaner auch diesmal nicht nehmen: trotz immer neuer Infektionsrekorde und mehr als 250.000 Toten. Ist das Reisefieber ein Vorgeschmack auf das, was Deutschland zu den Weihnachtsfeiertagen bevorsteht?

Sicherheitskontrolle am Dienstag in Denver: Die US-Flughäfen haben so viele Passagiere wie seit dem Corona-Ausbruch nicht mehr

Sicherheitskontrolle am Dienstag in Denver: Die US-Flughäfen haben so viele Passagiere wie seit dem Corona-Ausbruch nicht mehr

Foto: KEVIN MOHATT / REUTERS

6972 Maschinen zählte flightradar24 am Dienstagmittag US-Ostküstenzeit. Das sind nur etwa zehn Prozent weniger als am Dienstag vor Thanksgiving vor einem Jahr – und sogar mehr als 2018. Große US-Airlines wie American, United oder Delta stellen Hunderte Zusatzflüge bereit.

Die Zahl der Reisenden sprengt die Prognosen. So hatte der Verband AAA – so etwas wie Amerikas ADAC – insgesamt 2,4 Millionen Fluggäste zu Thanksgiving vorhergesagt. Doch schon zum Auftakt der Feiertagswochen am vergangenen Wochenende fertigten die US-Airports an die drei Millionen Passagiere ab. Die Tageszahlen waren so hoch wie seit Mitte März nicht mehr. Trotz der Warnungen von Anthony Fauci.

»Ist es die Sache wirklich wert«, hatte der US-Topvirologe vergangene Woche im BBC-Interview gefragt, »dass sich Menschen aus unterschiedlichen Teilen des Landes ansammeln, die aus überfüllten Flughäfen und Flugzeugen in Ihr Haus kommen, wo Sie dann 10, 15, 20 Menschen haben, was das Risiko dramatisch erhöht?«

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Familienfest als Superspreader

Ganz verhallt sind derlei Mahnungen nicht. Laut der »Los Angeles Times« könnte die Zahl der Thanksgiving-Reisenden über die gesamte Woche hinweg nur etwa halb so groß sein wie im Vorjahr. Aber aus Sicht der Epidemiologen ist sie noch bei Weitem zu hoch. Das Familienfest könnte zum Superspreader-Event werden.

Für die US-Luftfahrtindustrie hingegen ist der Ansturm ein gutes Zeichen. »Die Thanksgiving-Nachfrage zeigt, dass gerade Privatreisende wieder fliegen wollen«, sagt der Luftfahrtexperte Gerald Wissel, Chef des Beratungshauses Airborne Consulting. »Die Angst, sich selbst auf einer Reise anzustecken, ist wohl nicht mehr so ausgeprägt. Viele denken offenbar: ›Ich halte mich unterwegs an die Hygieneregeln und treffe dann meine Familie, da hat auch niemand Corona‹.«

Während der Flugverkehr innerhalb Europas mit der neuen Covid-19-Welle und verschärften Reiserestriktionen abgeflaut ist, hat das US-Inlandsgeschäft angezogen. Die Zahl der Inlandsflüge war laut des Branchenverbandes Airlines for America zuletzt noch 43 Prozent niedriger als vor einem Jahr.  

In vielen US-Bundesstaaten gibt es kaum Corona-Restriktionen für Einreisende aus anderen Bundesstaaten. In Europa hingegen haben zahlreiche Nationen strenge Quarantänebestimmungen für Rückkehrer aus anderen europäischen Ländern mit hohem Infektionsrisiko eingeführt. Vor allem diese Regeln bremsten die Nachfrage von Privatreisenden nach innereuropäischen Flügen stark aus, meint Experte Wissel – und nicht so sehr die Angst vor dem Virus.

Sollten die Deutschen ähnlich denken wie Millionen Amerikaner, dürfte es rund um die Weihnachtsfeiertage auch hierzulande viel Verkehr geben. Nicht so sehr am Himmel, dafür aber auf den Autobahnen.

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