Weihnachten in der gespaltenen Gesellschaft Und dann kommt Onkel Brexit

Alle Jahre wieder: Plötzlich ist die ganze Familie da, und man muss mit Leuten reden, deren politische Ansichten die Pest sind. Unser Kolumnist hat durchgespielt, wie der Heilige Abend diesmal laufen könnte.

Geschenke unterm Weihnachtsbaum
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Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Eine Kolumne von


Thomas Fricke
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  • Thomas Fricke, Jahrgang 1965, ist seit April 2016 Kolumnist auf SPIEGEL ONLINE. Er leitet seit 2007 das Internetportal WirtschaftsWunder. Von 2002 bis 2012 war er Chefökonom der "Financial Times Deutschland".

  • Fricke hat in Aachen und Paris Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft studiert, arbeitete als Wirtschaftswissenschaftler beim Pariser Konjunkturforschungsinstitut OFCE sowie als Journalist für den Berliner "Tagesspiegel", die "Wirtschaftswoche" und das "Manager Magazin".

Traditionell denkt er sich für die letzte Kolumne vor Weihnachten eine Szene aus, die an den Feiertagen spielt. So auch dieses Mal.

Der Braten schmort, die Gläser funkeln, und Dieter hat Oma gegen halb acht heute früh vom Bahnhof abgeholt - damit sie auch zeitig da ist, wie sie meinte. Die Kirchenglocken läuten. Kann losgehen. Wäre da nicht diese Vorahnung, dass es irgendwann am Heiligen Abend wieder Unstimmigkeiten über die Einordnung der politischen Lage im Land gibt.

Beim Aperitif gilt es die erste Hürde zu nehmen. Klaus ist da. Er kommt seit Kurzem zu allen Familienfeiern mit seinem neuen Privatjet. Weil es sonst nicht in seinen Outlook passe, meint er. Klaus sitzt immerhin in dreizehn Aufsichtsräten. Was Monika etwas ratlos staunend wirken lässt. Sie denkt dann immer an Bademeister oder Pausenhof.

Klaus beginnt Gespräche gern mit wichtigen Anmerkungen. Dass die Deutschen es sich einfach zu bequem machen, zum Beispiel. Sagt er. Worauf Mama gleich abzulenken versucht - und etwas Wichtiges zur Lage des Wetters sagt. Ganz schön nass draußen. Monika denkt an ihr altes Sofa. Und dass sie es immer stört, wenn sie mit den Füßen gegen die Lehne stößt. Unbequem. Prösterchen.

Als alle zum Tisch wechseln, kommt Rosis Auftritt. Rosi hat in der Frauengruppe dieses Jahr den Aufbaukurs "Diversität im familiären Alltag" belegt - und Mama in den vergangenen Wochen argumentativ stark eingebunden, die dortigen Einsichten nun auch an einem so wichtigen Abend umzusetzen. Als Zeichen.

Kein Schwarzer in der entfernten Verwandtschaft

Von ihrer Idealvorstellung ist sie schon abgerückt. Danach hätten am schön gedeckten Tisch mindestens je ein Vertreter der Weltreligionen, einer mit asiatischem und einer mit afrikanischem Erscheinungsbild, ein Veganer, ein Transmensch sowie ein Beauftragter für die Einhaltung politisch korrekter Konversation sitzen sollen.

Letzteres ist am Widerstand von Dieter gescheitert. Der kommt vom Dorf, macht gerne Frauen-Witze und wäre sonst nicht gekommen. Ein Schwarzer war selbst in der entfernten Verwandtschaft nicht auszumachen. Auch keine Frau, die früher ein Mann war. Jetzt kommt wenigstens Aischa, die neue Freundin von Jannes. Mit Kopftuch. Klaus blickt ins Leere. Heilige Nacht. Luftholen.

Hauptsache, Du bist glücklich, bricht Monika die unheilige Stille und hebt das schöne Glas mit dem Weißwein. Jannes wird etwas rot. Ja. Und überhaupt sei Aischa auch ein ganz normales Mädchen. Gut in der Schule. Sauber. Okay, die Familie sei jetzt nicht ganz einverstanden, dass sie mit ihm zusammen sei. Aber das werde sich schon geben. Spätestens wenn er dann zum Islam übergetreten sei. Sagt Jannes mit etwas nachlassender Stimmkraft. Danke, Merkel. Sagt Dieter. Rosi reicht Dieter reflexartig das Riechsalz. Der Suppenteller kippt in Seitenlage. Unglück.

Opa versucht es mit vergleichsweise anspruchslosem Humor. Diesem Ramadan könne er als Idee durchaus auch etwas abgewinnen. Das könne Rosi auf der Waage auch mal gut brauchen. Opa! Ruft die Oma. Mama holt den Braten.

Klaus bemüht sich, die Heimatstimmung wieder etwas zu beleben. In Deutschland gebe es dafür jetzt sogar ein Ministerium. Und Merz. Ob Aischa das wisse. Aischa nickt. Luise dreht etwas abwesend ihren Kopf weg - wobei ihr Blick an der Krippe hängen bleibt. Mama, guck doch, ruft Luise. Die Maria habe doch auch ein Kopftuch. Das Kind strahlt vor Stolz über die transkulturelle Entdeckung. Ruhe, sagt Klaus. Der sei einfach kalt gewesen. Keine Diskussion. Luise stutzt.

Onkel John aus der Nähe von Oxford

Es klingelt. Überraschungsgast. Ruft Mama aus. Onkel John. Aus der Nähe von Oxford. Der Flug aus London hatte Verspätung. Nebel. Überall. John sieht etwas mitgenommen aus. Früher war er der Top-Speaker jeder Familienfeier. Hat mit so lustigem Akzent und spitzem Mund immer viel von Tea time und Queen und free Wirtschaft gesproken. Und alle haben aufgeschaut. Damals.

Noch während John Platz nimmt, beginnt er etwas wie Brexit zu sagen. Und den anderen ungefragt zu erklären, wie die politische Lage gerade so ist. Brexit! Das klingt aufregend, meint Monika. Also, erklärt John, dass Frau May vielleicht doch noch zurücktritt, wenn ihr Vorschlag nicht so umgesetzt wird, wie sie das will, wobei ohnehin keiner den Vorschlag umsetzen will, was wiederum nicht heiße, dass sie zurücktritt, weil alle sich einig seien, dass es wichtig ist, was das Volk gesagt hat, man allerdings das Volk nicht nochmal fragen will, es aber durchaus auch Neuwahlen noch geben könnte, worauf der Brexit entweder hart oder nicht so hart oder, äh, Norwegen. … God save him!

Opa schnarcht. Klaus zählt zum Wachbleiben seine Aufsichtsratsmandate durch. Rosi ist gedanklich schon wieder in der Aufbaugruppe und analysiert, was bei der Umsetzung falsch gelaufen ist. Luise guckt auf ihr Handy und macht Tanzbewegungen. Oma denkt an Rinderseuche. Nachwirkung?

Möchte noch jemand Nachschlag? Fragt Mama. Danke. Ein Hauch von Ramadan. Luise und Aischa helfen beim Abräumen. Worauf Dieter seinen Teller selber mitnimmt. Das machst Du doch sonst nie, sagt Rosi. Ruhe!

Dieter hat jetzt wieder etwas Farbe auf den Wangen. Landluft. Und sieht seinen Moment gekommen. Es sei inakzeptabel, dass bei uns in Deutschland nicht alle stolz auf ihr Land seien. Diese ganzen Linken und Grünen und Sozis und Türken und Flüchtlinge und Gutmenschen und Journalisten und Altparteien. Worauf er denn dann stolz sei, fragt Monika. Wenn so viele hier so blöd seien. Opa lacht.

Die erste Stelle, Teilzeit, befristet

Dieter wechselt wieder ins Blasse. Riechsalz. Er werde jetzt ohnehin nach Österreich auswandern, sagt Dieter. Da werde jetzt wenigstens wieder Klartext geredet. Und Recht und Ordnung. Und Ausländer raus und so. Die wollen uns Piefkes doch gar nicht, meldet sich Kevin zu Wort. Wo er Recht hat. Der Junge hat gerade seine erste Arbeitsstelle angetreten. Teilzeit. Auf ein halbes Jahr befristet. Glückwunsch.

Klaus möchte seit Kurzem auch wieder mit beiden Vornamen genannt werden: Klaus Friedrich. Es müsse in Deutschland endlich wieder Wirtschaftskompetenz sein. Und mal was für die Fleißigen getan werden. Die kriegen ja sonst nie was. Wegen der Merkel. Und man müsse halt auch mal verzichten. Er habe zum Beispiel, seit seine Aktien um dreikommaneun Prozent eingebrochen seien, sofort das Urlaubsgeld im Betrieb gestrichen. Wirtschaftskompetenz.

Zum Nachtisch gibt es orientalische Süßspeisen. Rosis Idee. Ganz lecker. Murmelt Dieter.

Jetzt kommt Oma. Zur Erinnerung: Oma hat mal einen Aufbaukurs in Internationaler Ökonomie in Harvard gemacht. Ob man denn tatsächlich die Wirtschaft stärken würde, wenn man den Leuten das Urlaubsgeld streiche. Fragt Oma. Rhetorische Frage. In Amerika und so gebe es heute längst ganz neue Ideen. Und ganze Bücher darüber, dass es gar nicht gut ist, wenn die Wirtschaft alles davon abhängig macht, ob etwas Gewinn macht. Und dass Unternehmen es auch nicht immer besser wüssten als der Staat. Sonst hätte es ja nicht die Finanzkrise gegeben. Klaus stammelt noch etwas von Marktwirtschaft ins Rotweinglas. Rosi staunt. Weisheit unterm Tannenbaum.

Mich trägt kein Roboter zum Klo

Nun sei aber mal gut mit Politik und Merkel und so. Meint Mama. Die sei ohnehin ja bald weg. Klaus meditiert. In Asien öffnet gleich die Börse. Dieter fällt das Sprechen ohnehin zunehmend schwer. Kohmt eihene Blondihene. Rosi findet alles noch nicht ganz so divers wie es müsste. Jannes küsst Aischa. John denkt über ein neues Referendum nach. Kevin ist froh, dass es überhaupt mal wieder was Ordentliches zu essen gab. Gespaltene Gesellschaft.

Er werde sich jedenfalls weigern, wenn ein Roboter versuche, ihn zum Klo zu tragen. Sagt Opa noch. Da könne der noch so gut aussehen wie eine echte Schwester. Opa! Wie kommst Du jetzt darauf? Fragt Rosi. Künstlerische Intelligenz. Meint Opa. Nachdenken. Nur das mit den selbst fahrenden Autos könne praktisch sein, versucht Monika der Sache noch etwas festlich Positives abzugewinnen. Für Dieter. Dieter sitzt jetzt nur noch sehr ungerade. Allgemeine Zustimmung. Darauf können wir anstoßen. Wie schön. Besinnlich.

Oma holt den Eierlikör. Wie jedes Jahr.

Frohes Fest.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
dr.joe.66 21.12.2018
1. Oma hat Recht!
Das mit der Wirtschaft wusste meine Oma auch schon - und das ganz ohne Harvard-Studium. Nur dass man damals noch die SPD wählen konnte. Und Aischa war die bildhübsche Tochter des Kumpels, der meinem Großonkel unter Tage das Leben gerettet hatte. Schade, dass ich erst 13 war... Und schade, dass meine Oma nicht mehr da ist. Die vermisse ich jedes Jahr Weihnachten, aber so ist das eben. . Vielen Dank, Herr Fricke! Und fröhliche Weihnachten allerseits. Genießt es. Brexit, Euro, Italien, Gelbwesten, Trump, Putin, Syrien, Erdogan, Jemen, DieBahn, Dieselgate und Co. werden uns auch 2019 intensiv bespaßen...
In-Golf 21.12.2018
2. "deren politische Ansichten die Pest sind"
Mann muss schon ein Extremist sein, um die Meinung von Andersdenkenden als "Pest " zu empfinden. Aber wer jeden Tag in die "Kirche der ewigen Wahrheiten" geht, wird wohl so.
Actionscript 21.12.2018
3. Erinnert mich an meine Jugendzeit,...
...wo CDU und SPD noch so verschieden waren, dass verschiedene Familienmitglieder sich bei Anlässen wie Weihnachten oder Geburtstage heftig gestritten haben. Und "Dann geh doch in die DDR." durfte damals natürlich auch nicht fehlen.
Manchego 21.12.2018
4. Sehr unterhaltsame Weihnacjtsgeschichte
Danke dafür. Sehr gut auf den Punkt getroffen! Gab es eigentlich keine Nachspeise?
willibaldus 21.12.2018
5.
Kennt noch jemand Alfred, das Ekel und seinen "kommunistischer" Schwiegersohn, gespielt von Dieter Krebs?
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