895.000 Euro Middelhoff darf gegen Kaution aus dem Gefängnis

Der frühere Top-Manager Thomas Middelhoff kann gegen Kaution aus dem Gefängnis kommen. Das Landgericht Essen setzte eine Summe von 895.000 Euro fest. Zudem muss der 61-Jährige seine Pässe abgeben.

Thomas Middelhoff während des Prozesses in Essen: Haftbefehl ausgesetzt
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Thomas Middelhoff während des Prozesses in Essen: Haftbefehl ausgesetzt


Der Haftbefehl wurde bereits außer Vollzug gesetzt, nun gab das Essener Landgericht die Details für die mögliche Freilassung von Thomas Middelhoff bekannt. Die Richter setzten eine Kaution von 895.000 Euro fest. Außerdem müsse der frühere Top-Manager seine Reisepässe abgeben, teilte das Gericht am Dienstag in Essen mit.

Das Gericht gehe davon aus, dass einer möglichen Fluchtgefahr mit diesen Auflagen begegnet werden könne, hieß es. Vor einer Haftentlassung müsse Middelhoff aber die Auflagen erfüllen. Laut einem Gerichtssprecher ist dies noch nicht geschehen, weshalb Middelhoff noch nicht auf freiem Fuß sei.

Das Geld könne auch von Verwandten, Freunden oder anderen Personen hinterlegt werden, erklärten die Richter. Zudem müsse er sich nach der Haftentlassung regelmäßig bei der Polizei melden und dürfe das Land nicht ohne gerichtliche Genehmigung verlassen.

Mehrere Versuche von Middelhoffs Rechtsanwälten, den 61-Jährigen auf freien Fuß zu bekommen, waren gescheitert. Die Richter am Landgericht Essen und am Oberlandesgericht Hamm sahen Fluchtgefahr.

Bei der aktuellen Entscheidung spiele eine Rolle, dass der Fluchtanreiz gemindert sei, hieß es nun. Denn Middelhoff sei erkrankt und müsse regelmäßig ärztlich behandelt werden. Hinzu komme, dass die zu erwartende Reststrafe durch die rund fünf Monate andauernde Untersuchungshaft inzwischen deutlich geringer sei.

Richter sehen Middelhoff nicht als haftunfähig an

Anfang April hatte Middelhoff einen neuen Versuch gestartet, aus der Untersuchungshaft freizukommen. Zur Begründung gaben seine Anwälte an, dass sich der Gesundheitszustand des 61-Jährigen gravierend verschlechtert habe. Die Ärzte gehen den Verteidigern zufolge von einer seltenen Autoimmunerkrankung aus, die sich nach Darstellung der Anwälte in der Haft verschlimmert habe.

Nach Angaben des Gerichts wurde auch geprüft, ob Middelhoff wegen seiner Erkrankung haftunfähig sei und deshalb entlassen werden müsste. Zu diesem Schluss seien die Richter aber - auch beraten durch zwei behandelnde Ärzte - nicht gekommen.

Die Anwälte von Middelhoff hatten scharfe Kritik an den Haftbedingungen ihres Mandaten geübt. Der 61-Jährige habe in der Untersuchungshaft 28 Tage lang nicht schlafen dürfen, weshalb er schwer erkrankt sei.

"Für einen möglichen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem behaupteten 'Schlafentzug' in der JVA Essen haben sich für die Strafkammer weder aus den ärztlichen Unterlagen noch aus den Anhörungen der behandelnden Ärzte Anhaltspunkte ergeben", teilte das Gericht mit.

Laut Ministerium gab es von Middelhoff keine Beschwerden

Dem nordrhein-westfälischen Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) zufolge hat sich der frühere Top-Manager in den Wochen seiner nächtlichen Überwachung in der JVA Essen gegenüber den Bediensteten nicht beschwert. Einen mehrfach angebotenen Wechsel in eine Gemeinschaftszelle mit einem zuverlässigen Mitgefangenen habe Middelhoff "nachdrücklich" abgelehnt, heißt es in einem Bericht von Kutschaty für den Rechtsausschuss des Landtags.

Der 61-Jährige sei fast ständig in Kontakt mit dem psychologischen Dienst gewesen und habe in einem Gespräch geäußert, er fühle sich "gut aufgehoben" und "schätze die Art und Weise des Umgangs der Bediensteten mit ihm".

Der Justizminister bescheinigte der JVA-Leitung korrektes Verhalten. Zwei Psychologen seien von Selbstmordgefahr ausgegangen. Vom 14. November bis 10. Dezember und am 18. und 19. Dezember 2014 habe ein Bediensteter nachts alle 15 Minuten durch den Spion der Zellentür geschaut, ob Middelhoff noch lebe. Seinen Haftraum habe niemand betreten.

Middelhoff, der frühere Chef des inzwischen pleitegegangenen Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor, war Mitte November wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe von drei Jahren verurteilt und noch im Gerichtssaal verhaftet worden. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, Middelhoffs Anwälte haben beim Bundesgerichtshof Revision eingereicht.

mmq/dpa/Reuters

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