Tiefe Rezession IWF will Rettungspaket für Griechenland nachbessern

Die Reformen kommen kaum voran, die Rezession verläuft noch schlimmer als befürchtet: Griechenland geht es viel schlechter als erwartet. Der Internationale Währungsfonds erwägt, das zweite Hilfspaket anzupassen - und sogar selbst Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen.

Parlament in Athen: Höherer Beitrag der Banken?
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Parlament in Athen: Höherer Beitrag der Banken?


Hamburg/Brüssel - Eine schrumpfende Wirtschaft, gigantische Sparpakete, Protestmärsche gegen die Regierung: Die Lage in Griechenland ist katastrophal - und noch weit schlechter als es die EU-Länder, die Europäische Zentralbank ( EZB) und der Internationale Währungsfonds ( IWF) erwartet haben. Nach Angaben des IWF-Europa-Direktors Antonio Borges ist die Situation vielleicht sogar so schlecht, dass das Rettungspaket, das EZB, IWF und EU-Kommission im Juli beschlossen hatten, überarbeitet werden muss.

Nötig sei ein Programm, das den Schwerpunkt auf die Tragfähigkeit der Schulden des Landes und ein erneutes Wachstum der am Boden liegenden griechischen Wirtschaft lege, sagte der IWF-Manager am Mittwoch in Brüssel. Griechenland hatte am Wochenende mitgeteilt, dass es in diesem und im kommenden Jahr die vereinbarten Sparziele nicht erreicht. Auch wird die griechische Wirtschaft in diesem und dem kommenden Jahr weiter schrumpfen. Als einen Grund hatte die Regierung in Athen die vereinbarten Sparmaßnahmen genannt.

Der griechische Wirtschaftsminister Michalis Chrysochoidis fürchtet wegen der massiven Sparpolitik und ausbleibender neuer Finanzhilfen gar den wirtschaftlichen Kollaps des Landes. "Wir erleben, wie die echte Wirtschaft langsam erdrückt wird", sagte der Minister der "Zeit".

Borges hat jetzt den Kauf europäischer Staatsanleihen durch den IWF ins Spiel gebracht. Der IWF könnte "an der Seite" des EFSF investieren, wenn er Anleihen von Italien und Spanien kaufe. Borges wandte sich erneut dagegen, den EFSF noch weiter in gigantische Höhen auszuweiten. Der Fonds sei nicht die Lösung für alle Probleme, hatte er schon früher erklärt.

Suche nach der dauerhaften Lösung

Borges plädierte auch dafür, die Regeln zur Privatsektor-Beteiligung am geplanten zweiten Griechenland-Hilfspaket zu ändern. Der IWF werde sich definitiv an diesem Programm beteiligen, wenn die Experten von der Entschlossenheit des griechischen Sparkurses überzeugt seien.

Borges äußerte sich zuversichtlich, dass die nächste Griechenland-Tranche letztlich ausgezahlt wird. Ein hochrangiger Vertreter der Troika zeigte sich ebenfalls zuversichtlich: Zwar könne man die Auszahlung der ausstehenden acht Milliarden Euro schweren Tranche derzeit nicht garantieren, sagte der der Nachrichtenagentur Reuters. "Aber ich glaube, dass wir es am Ende tun werden."

Die Euro-Länder hatten eine Entscheidung über die Auszahlung der Tranche am Montag aufgeschoben, weil die sogenannte Troika aus IWF, EU-Kommission und EZB mehr Zeit braucht, um die griechischen Spar- und Reformbemühungen zu überprüfen. Ihre Bewertung ist die Grundlage für eine Entscheidung über die Freigabe des Geldes. Ursprünglich sollte diese bereits im September fallen, Griechenland kommt nach eigenen Angaben aber noch bis Mitte November ohne weitere Hilfszahlungen aus dem Ausland über die Runden.

Die Euro-Gruppe prüft inzwischen eine größere Beteiligung der Banken an dem zweiten Hilfspaket für Griechenland, wie Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Dienstag in Luxemburg sagte. Es werde geprüft, ob die bei der Vereinbarung des Pakets im Juli angenommenen Voraussetzungen noch gegeben sind. Sei dies nicht der Fall, könne es sein, "dass wir es anpassen müssen".

Möglich ist damit, dass die Banken einen höheren Beitrag als bislang vereinbart zur Rettung Griechenlands vor dem Bankrott leisten sollen. Im Rahmen des zweiten Hilfspakets für Griechenland war beschlossen worden, dass private Gläubiger Athens auf 21 Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen.

Wachsende Gefahr einer Bankenkrise

Europas Banken geraten allerdings selbst immer stärker in den Strudel der EU-Schuldenkrise: Laut einem Bericht der britischen "Financial Times" sind die Preise für Kreditausfallversicherungen im europäischen Bankensektor bedenklich gestiegen. Der entsprechende Index iTraxx, der die Pleiterisiken von Kredithäusern in der Euro-Zone abbildet, liegt inzwischen weit über dem Niveau nach dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers.

Die EU-Kommission schlug am Mittwoch Alarm: Die Lage an den Finanzmärkten und bei den europäischen Banken habe sich seit den Banken-Stresstests im Frühjahr verschlechtert, sagte eine Sprecherin der Kommission. Die Schuldenkrise habe negative Folgen für die Banken.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte am Dienstag angedeutet, es müssten in der gesamten Euro-Zone Schritte zur Abwendung einer neuen Bankenkrise getroffen werden. An den Märkten hatte dies Hoffnungen über neue Bankenrettungspakete geweckt. Die EU-Kommission will sich nicht zum möglichen Umfang einer Banken-Rekapitalisierung äußern. Es gebe noch keine konkreten Pläne auf EU-Ebene, sagten EU-Beamte.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wies auf eine notwendige Kapitalausstattung der europäischen Kreditinstitute hingewiesen. "Der Bundeskanzlerin ist es besonders wichtig, dass den Banken in Europa ausreichend Kapital zur Verfügung steht", sagte Vize-Regierungssprecher Georg Streiter am Mittwoch in Berlin.

ssu/lgr/dapd/AFP/Reuters

insgesamt 55 Beiträge
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susie.sunshine 05.10.2011
1. Nachbesserung
Der IWF sollte endlich mal die Gier der Finanzeliten nachbessern. Oder geht die Kohle für die Nachbesserung nicht direkt dort hin?
dieMegamaschine, 05.10.2011
2. alles klar
Man sieht nun ganz deutlich, dass es nicht um Griechenland-Rettung geht, sondern um Banken-Rettung. Nämlich die Banken, die Griechenland in die Schuldenfalle getrieben haben. Deswegen hatte Deutschland wohl auch nichts dagegen, dass Griechenland erst kürzlich noch von uns Waffen gekauft hat.
Asirdahan 05.10.2011
3. ohne
Die Troika hat nicht geahnt, dass es so schlimm kommen würde? Komisch! Ich als blutiger Laie habe es schon lange gewusst. Ich glaube denen deshalb kein Wort. Deren Taktik ist es, stets Optimismus zu verbreiten, auch wenn der bereits lächerlich wirkt, um irgendwie Zeit herauszuschinden, die niemals reichen kann.
Robinchen, 05.10.2011
4. Der große Knall ...
Zitat von sysopDie Reformen kommen kaum voran, die Rezession*verläuft schlimmer als erwartet: Griechenland geht es viel schlechter als es*die Retter noch vor wenigen Monaten*prognostiziert hatten. Das zweite Hilfspaket muss nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds*angepasst werden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,790028,00.html
... ist wohl nicht mehr abwendbar. Griechenland steht vor dem Bankrott und zieht gleich einige Großbanken mit den den Untergang. Höchste Zeit, sich um das "Danach" Gedanken zu machen. Auch der Umgang mit den Schulden deutscher öffentlicher Haushalte muss dann thematisiert werden. Auch die meisten Länder- und Kommunalhaushalte Deutschlands sind nach zweijährigen Wirtschaftsaufschwung noch immer defizitär. Die Gesamtverschuldung liegt bei zwei Billionen EUR und wächst weiter an. Es erscheint mir völlig unvorstellbar, dass diese Summen jemals zurückgezahlt werden. Griechenland ist überall, die Griechen erwischt es nur früher.
HansWilhelm 05.10.2011
5. ohne
Zitat von Robinchen... ist wohl nicht mehr abwendbar. Griechenland steht vor dem Bankrott und zieht gleich einige Großbanken mit den den Untergang. Höchste Zeit, sich um das "Danach" Gedanken zu machen. Auch der Umgang mit den Schulden deutscher öffentlicher Haushalte muss dann thematisiert werden. Auch die meisten Länder- und Kommunalhaushalte Deutschlands sind nach zweijährigen Wirtschaftsaufschwung noch immer defizitär. Die Gesamtverschuldung liegt bei zwei Billionen EUR und wächst weiter an. Es erscheint mir völlig unvorstellbar, dass diese Summen jemals zurückgezahlt werden. Griechenland ist überall, die Griechen erwischt es nur früher.
es wird kommen,wie immer: Das Stichwort heißt "Rekapitalisierung der Banken". Der Staat wird die Bank mit Geld versorgen und Anteilseigner werden. Halte ich immer noch für besser,als per Rettungsschirm Geld in ein Fass ohne Boden zu stecken. Nur muzß man den Mut besitzen, ein paar Länder Pleite gehen zu lassen.
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