Troika-Mann in Portugal Im Feindesland

Das Rettungsprogramm der Troika für Portugal ist seit Mitternacht ausgelaufen. Die bei den Bürgern verhassten Reformwächter sind entmachtet. Wie lebt man als Staatsfeind in einem Krisenland? Troika-Mann Albert Jäger erzählt.

Troika-Mann Jaeger: Drei Jahre Lissabon in der Retrospektive
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Troika-Mann Jaeger: Drei Jahre Lissabon in der Retrospektive

Aus Lissabon berichtet


Seine erste Erfahrung mit Portugals Krise machte Albert Jäger beim Einrichten der neuen Wohnung. Das Appartement lag mitten in Lissabon, das Treppenhaus war wie die Straßen der Stadt: erhaben und furchtbar eng. Zu eng jedenfalls für die wuchtige Ikea-Couch, die seine Frau und er sich hatten kommen lassen, als Schlafplatz für die Gäste. Die Möbelpacker luden das Sofa wieder ein und fuhren zurück ins Geschäft, gefolgt von Jäger und seiner Frau.

Wenig später standen sie bei Ikea an der Kasse, doch ihr Geld bekamen sie nicht. Die Kassiererin sagte, sie müsse die Couch noch einmal durch den Scanner ziehen, doch das Sofa war schon wieder im Lager. Ein Suchtrupp wurde losgeschickt. Jäger und seine Frau warteten, warteten, warteten. Eine Stunde später kam die Couch zurück, und die Kassiererin zahlte sie aus.

Jägers Frau blickte die Dame lange an. Dann sagte sie: "Jetzt verstehe ich, warum euer Land so große Probleme hat."

Albert Jäger arbeitet schon sein halbes Leben beim Internationalen Währungsfonds (IWF), Schuldenkrisen sind sein Job. Als er 2011 nach Portugal ging, fragte sich der charmante Österreicher mit der fliehenden Stirn wie das wohl sein würde als Repräsentant der Troika. Als Vertreter von einem Dreiergespann aus EU-Kommission, EU-Staaten und IWF, das Krisenländern Geld leiht und im Gegenzug rigide Sparprogramme durchsetzt. Maßnahmen, die dem Land zwar langfristig nützen, zunächst aber vor allem schmerzhaft für die Bürger sind. Wie fühlt es sich an, in einem Land zu wohnen, in dem einen die meisten Menschen hassen?

Jäger dachte an Griechenland, den ersten Euro-Staat, den die Troika zum Sparen zwang. Dort kam es zu Straßenschlachten, zu Morddrohungen gegen den Finanzminister. Dort bekamen Vertreter der Troika Bodyguards gestellt. Wird das in Portugal auch so?

Fast drei Jahre ist das nun her. Drei Jahre, in denen sich in Portugal vieles verändert hat und auch für Albert Jäger. Seit Mitternacht ist das Rettungsprogramm der Troika Geschichte. Portugals Regierung hat es zum 1. Juli auslaufen lassen. Jäger hält das für einen guten Moment um zurückzuschauen.

"Ich kenne diesen Mann"

Damals in Lissabon, bei Ikea an der Kasse, lernte er, dass es hilft, das Leben mit südeuropäischer Leichtigkeit zu nehmen. Oder mit der Schicksalsergebenheit des Fado. In seiner Wohnung stand bald eine bescheidenere Couch, eine, die durchs Treppenhaus passte. Die bürokratischen Geduldsproben seines Telefon- und Internetanbieters bestand er. Die ewige Baustelle vor seinem Büro nahm er irgendwann nicht mehr wahr. Einzig die Sache mit der Steuernummer fand er befremdlich.

Ohne jene número identificação fiscal ist man in Portugal nichts. Doch um sie als Ausländer zu bekommen, braucht man einen Portugiesen, der für einen bürgt. Jäger überredete einen Kollegen von Portugals Zentralbank. Der ging mit ihm aufs Amt und sagte: "Ich kenne diesen Mann." Der Beamte bewilligte die Steuernummer. Jäger dachte, das ist ja kurios.

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Grafiken: So steht es um Portugals Wirtschaft
Schon 2001 war Jäger aufgefallen, dass etwas in Portugal schiefläuft. Damals stieg die Neuverschuldung, das Land riss die Vorgaben des Euro-Stabilitätspakts. Experten fragten sich, wie das gehen soll mit den Portugiesen und dem Euro. Jetzt, da er in Lissabon lebte, drängte sich diese Frage auch Jäger auf. Doch dann traf er zum ersten Mal Vertreter der portugiesischen Regierung.

Das Kabinett gründete ein Spezialteam zur schnellen Umsetzung der Troika. Sein Chef, Staatssekretär Carlos Moedas, berichtete direkt an Premierminister Pedro Passos Coelho. Termine zwischen Regierung und Troika wurden über einen gemeinsamen Google-Kalender organisiert. Die Drähte konnten nicht kürzer sein.

Die Regierung zog die Reformen konsequent durch, und sie ließ auch dann nicht nach, als die sozialen Verheerungen größer wurden und der Druck von Opposition, Gewerkschaften und Lobbyisten wuchs. Auch dann noch, als Kommentatoren schrieben, Passos Coelho sei "uma pessoa boa demais", ein zu guter Mensch. Zu gut für die Troika freilich, nicht für die Bürger. Auch dann noch, als Passos Coelhos Popularität immer neue Tiefpunkte erreichte.

Ein Dieb, der den Dieb bestiehlt

Die Zeitungen berichteten über die Folgen von Jägers Reformpolitik. Erzählten Geschichten über 2,5 Millionen Portugiesen, die nach und nach in Armut abstürzten. Erzählten von Menschen, die einst ein Haus mit Swimmingpool besaßen und nun nachts am Dorfrand vor Essenstheken anstanden, um ihre Tupperdosen mit abgelaufenem Essen zu füllen. Jäger sah Fotos junger Paare, die sich zum Abschied umarmten, weil einer von ihnen das Land verließ, auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben. Die Fotos sehr alter Menschen, die noch immer arbeiten mussten, weil ihre Pension zum Leben nicht reichte.

In seinem Supermarkt wurde Jäger jetzt öfter angesprochen, meist von Vertretern sozialer Einrichtungen, die Essen sammelten, um es Abends an Bedürftige weiterzureichen. Manchmal schenkte er ihnen etwas von seinem Einkauf.

In der U-Bahn schauten ihn die Menschen manchmal böse an. Er merkte, dass sie ihn erkannten, weil sein Gesicht manchmal im Fernsehen auftauchte. Wenn er zurückschaute, schauten sie weg. Bedrängt oder angefeindet wurde Jäger nie. Die anderthalb Kilometer ins Büro ging er weiter zu Fuß.

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Portugal: Die Gesichter der Krise
Mit seinen portugiesischen Freunden sprach Jäger manchmal über die Krise. Er sagte, dass er die Wut der Bürger verstehe. Dass die Reformen trotzdem richtig seien. "Sie sind der einzige Weg, damit die Wirtschaft wieder wächst, damit neue Jobs, neuer Wohlstand entstehen." Die Freunde nickten. Sie sagten: "Albert, wir verstehen dich."

Was die höflichen Portugiesen wirklich über ihn dachten, merkte Jäger erst, als man ihn ausraubte. Es geschah im Eléctrico 28, Lissabons berühmter Straßenbahn, die sich quietschend vom Tejo-Fluss empor zur Altstadt quält. Für zwei Dinge ist die 28 berühmt. Für den spektakulären Blick über Lisboas weißes Häusermeer. Und für die Taschendiebe. Alle wissen das, schon allein, weil in der Straßenbahn ein entsprechendes Warnschild hängt.

Jäger merkte erst zu Hause, dass feingliedrige Finger sich seiner Brieftasche bemächtigt hatten. Er ärgerte sich kurz, dann meldete er den Diebstahl bei der Polizei.

Zwei Monate später stand die Geschichte in der Zeitung, inklusive Foto von ihm. Das Fernsehen berichtete. Eine Facebook-Fangruppe für den Taschendieb gewann Tausende Anhänger. Und ein beliebtes portugiesisches Sprichwort war plötzlich in aller Munde.

"Ladrão que rouba a ladrão, tem cem anos de perdão", schallte es ihm aus Fernsehen und Internet entgegen. Dem Dieb, der den Dieb bestiehlt, sei hundert Jahre verziehen.

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zerozero123 01.07.2014
1.
Ist eine Verdrehung der Tatsachen. Niemand ist gerettet worden, ähnlich wie in Griechenland. Die einzigen die gerettet wurden sind die Banken hier in Deutschland. Auch das Wort "Hilfe" ist irreführend.
die80er 01.07.2014
2. Feindesland?
Es geht weder für Portugal aufwärts noch für Spanien noch für sonst irgendein Land. Wer mal etwas um die Ecke gucken will kann bei zerohedge.com ein paar Eindrücke sammeln. Das knirscht so derbe im Gebälk das es bald kracht.
Leto13 01.07.2014
3. hm
Hat Jaeger's Frau Suedeuropa wohl vorher nur durch Pauschalurlaub gekannt? "Hach was sind die Einheimischen nett" und "Guck mal Albert, bei uns ist es aber schon ordentlicher alles" und "Also beim Portugiesen um die Ecke schmeckt es ganz anders als hier"....
wolle0601 01.07.2014
4. Fangruppe mit Tausenden von Anhängern...
klingt gewaltig. Ist es aber nicht. Portugal hat 10 Mio Einwohner. Sagen wir, 3000 Leute? Also 0,03%. Oder: 99,97% der Portugiesem scheint mehr Hirn zu haben.
cato-der-ältere 01.07.2014
5.
Die Reformen sind "richtig". Wie ermüdend dieses Mantra ist. Aber das solle es ja wohl auch, ermüden und resignieren lassen. Es geht doch nicht primär darum ob sie technisch richtig sind. In einem System das so ist wie es ist mag das ja sein. Es geht darum dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dass Unschuldige vor die Hunde gehen, dass grundsätzlich über ernsthafte Veränderungen nicht mal diskutiert wird, dass Zynismus und Ungerechtigkeit achselzuckend zur Kenntnis genommen werden, und damit weiter gemacht wird. Es geht darum dass die Werte unserer Verfassung (zumindest das GG spricht von sozialer Verantwortung) und echte Solidarität mit den Betroffenen keine Rolle spielen, dass das was man Zivilisation nennt beschädigt wird, und das Leuten wie "Mutti" nur ein paar Krokodilstränen wert ist. Und Verantwortliche wie Asmussen die Karriereleiter hinauf fallen.
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