Subventionen trotz Brexit Cornwall will sein Geld zurück

Obwohl sie von millionenschweren EU-Subventionen profitieren, stimmten die Bürger von Cornwall klar für den Brexit. Jetzt fordern sie Ersatz für die Gelder. Haben sie eine Chance? Aus Cornwall berichtet David Böcking (Text und Fotos)


Küstenstadt Saint Ives in Cornwall
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Küstenstadt Saint Ives in Cornwall

John Pollard strahlt Autorität aus, er hat lange als Lehrer gearbeitet. Doch während der Chef des Cornwall Council über das Brexit-Referendum spricht, wandert mehrfach ein ironisches Lächeln über seine Lippen. Er findet das Ergebnis selbst absurd, daraus macht der parteilose Regierungschef von Großbritanniens südwestlichster Region keinen Hehl. Die Öffentlichkeit habe offenbar abgestimmt, "ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Denn die kennen wir nicht."

Regierungschef Pollard
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Regierungschef Pollard

Eine Folge war den Menschen, die SPIEGEL ONLINE vor der Abstimmung in Cornwall traf, sehr wohl klar: Bei einem Brexit wären Hunderte Millionen an EU-Subventionen verloren, von denen die Region seit gut 20 Jahren profitiert. Dennoch stimmten hier letztlich sogar mehr Bürger für den Austritt als im landesweiten Durchschnitt.

Schon kurz nach der Abstimmung erklärte Pollard dann in Richtung britischer Regierung, er werde "darauf bestehen, dass Cornwall Investitionen im gleichen Wert zu den EU-Programmen erhält". Die Reaktion vieler Kommentatoren: Das hättet ihr euch vorher überlegen müssen.

Bereuen die Menschen in Cornwall ihre Entscheidung? Und welche Chancen haben sie auf weitere Hilfen? Eine Rückkehr zu Befürwortern und Gegnern des Brexit.

Sandra Rothwell kommt gerade aus London zurück. Zwei Tage lang hat die Chefin von Cornwalls Local Enterprise Partnership versucht, bei Abgeordneten mehr über die Zukunft der Subventionen zu erfahren - mit begrenztem Erfolg. "Das Vertrauen von Geschäftsleuten wird durch eine gewisse Klarheit befördert", sagt Rothwell. "Die gibt es im Moment nicht."

Als öffentlich-privater Wirtschaftsverbund war Rothwells Organisation bislang eng an der Verteilung von Fördergeldern beteiligt. Doch seit dem Referendum werden bis auf Weiteres keine neuen Anträge mehr genehmigt. Damit lägen Projekte im Wert von rund 200 Millionen britischen Pfund auf Eis, berichtet Rothwell. Gefährdet sei unter anderem ein Ausbau der Fernstraße A30, die zum Teil nur einspurig ist und damit für lange Staus sorge. "Das wird ein großes Problem."

Wirtschaftsvertreterin Rothwell
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Wirtschaftsvertreterin Rothwell

Hat Cornwall mit seinem Votum nicht das Anrecht auf weitere Gelder verspielt? Rothwell widerspricht. "Vor der Abstimmung hat die 'Leave'-Kampagne versprochen, die Investitionen durch nationale Mittel zu ersetzen." Das gelte auch für die fünf von sechs Abgeordneten aus Cornwall, die sich für den Brexit ausgesprochen hatten.

Dennoch steht Pollard und Rothwell ein schwieriger Kampf bevor. Die politische Lage ist viel chaotischer als vor der Abstimmung erwartet. Zugleich scheint vielen Bürgern immer noch nicht klar zu sein, was für ihre Region auf dem Spiel steht. Und selbst wenn die Hilfen aus Brüssel von der Regierung in London übernommen werden: Der Wettbewerb darum dürfte künftig deutlich schärfer werden.

Statt auf seinem Hof in der Einöde trifft man Roger Jenkin diesmal auf einem Parkplatz der Supermarktkette Sainsbury's. Mit seinem Range Rover hat der Milchbauer einen Mitarbeiter beim Zahnarzt abgesetzt, nun bleibt Zeit für ein erstes Resümee der Brexit-Entscheidung.

Jenkin war für den Austritt. Er glaubt nach wie vor, dass es seinem Berufstand außerhalb der EU besser gehen könnte. "Man wird uns mit Respekt behandeln", hofft er, das sei bislang nicht der Fall. Nach dem Brexit wünsche er sich strengere Kontrollen des Einzelhandels, der die Milchpreise drücke. "Im Moment haben diese Leute das Land in der Hand", sagt Jenkin und zeigt auf den Supermarkt. Auch dürfe der Landwirtschaftsminister nicht mehr zusätzlich für Umweltschutz zuständig sein. Das "verwässere" die Anliegen der Bauern.

Doch ähnlich detaillierte Vorstellungen wie Jenkin haben die prominentesten Vorkämpfer des Brexit in London offenbar nie entwickelt. Innerhalb weniger Tage schlugen sich sowohl Nigel Farage als auch Boris Johnson in die Büsche; auf Letzteren hatte der Landwirt große Stücke gesetzt. "Ich bin sehr enttäuscht von Boris", sagt er. Auch die Außenpolitik scheint ihn nun ein wenig zu beunruhigen. Er habe gehört, Angela Merkel wolle Großbritannien nach dem Brexit "nicht besonders gemein" behandeln. "Heißt das: nur gemein?", fragt Jenkin mit leicht nervösem Lachen.

Jason Jobbling hörte auf dem Weg zur Arbeit vom Abstimmungsergebnis. "Ich war total schockiert", sagt der Chef der Cornish Pasty Association. Jobbling rief erst mal seine Frau an. Für den Familienurlaub in Frankreich hatten sie noch keine Euro besorgt, nun rauschte das Pfund ab. "Das hat mich neun von 100 Euro gekostet."

Jobblings größte Sorge ist freilich eine andere: Was wird aus der Cornish Pasty, Cornwalls bekannten Pasteten? Weil diese von der EU als regionale Spezialität geschützt werden, hatte sich Jobblings Verband offen gegen den Brexit positioniert. Nun versucht er, Klarheit über den künftigen Status zu bekommen. Sein derzeitiger Stand sei, dass die Pasty weiter im Rest der EU vor Nachahmern geschützt werde, nicht aber in Großbritannien selbst. "Was wirklich bizarr ist."

Es ist nicht die einzige Unsicherheit. Jobbling betont, seine Bäckereikette werde den Brexit überstehen. Doch was würde ohne EU-Binnenmarkt mit dem Fett, das sie aus Belgien beziehen oder ihren Maschinen aus niederländischer Produktion? "Müssen wir dann Zoll auf jedes kleine Ersatzteil zahlen?"

Zum Gespräch hat Jobbling zwei litauische Mitarbeiter hinzugebeten, einer von ihnen hat abgestimmt: Edgar Kazlauskas lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Großbritannien. "Es ist meine zweite Heimat." Umso überraschter ist Jobbling, als der 19-Jährige sich als Brexit-Befürworter outet. Das Ja zum Austritt sei einfach die vorherrschende Meinung in seiner Familie gewesen, rechtfertigt sich Edgar. Etwas macht ihm jedoch Sorgen. Neuerdings stoße er im Internet auf viele Videos, in denen gegen Ausländer in Großbritannien gehetzt werde.

EU-Infocenter in Truro
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EU-Infocenter in Truro

Wie so viele Briten ist Susan Rowe (Name geändert) von ausgesuchter Höflichkeit. Ein paar Flüche kann sie sich beim Treffen in einem Café aber nicht verkneifen. "Als Projektmanagerin finde ich es absolut unfassbar, dass die Leute abstimmen sollten, ohne dass es einen Plan gab", sagt sie über das politische Chaos. "Es fühlt sich an, als wären wir durch einen Kinderstreich entführt worden."

Rowe arbeitet als private Subventionsvermittlerin, der Brexit stellt auch ihr Geschäftsmodell infrage. 95 Prozent der vermittelten Gelder stammen laut Rowe bislang aus EU-Quellen. "Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die hier in Cornwall ersetzt werden", fürchtet sie.

Doch niedergeschmettert sei sie aus anderen Gründen, beteuert Susan. In ihrer Umgebung gebe es ein Gefühl der Entfremdung von denen, die für den Brexit stimmten. Den zuständigen Regierungsmitarbeitern gehe es ähnlich. "Sie sind untröstlich. Es ist wirklich hart zu merken, dass man 20 Jahre lang für ein Programm gearbeitet hat, das die Leute nicht kennen oder das ihnen egal ist."

Es ist nicht so, als ob es vor der Abstimmung keine Informationen über die Rolle der EU in Cornwall gegeben hätte. In der Bibliothek von Truro etwa steht Bürgern eine eigenes EU-Informationszentrum zur Verfügung. Ein abgegriffenes Exemplar der Römischen Verträge findet sich hier ebenso wie zahlreiche Broschüren zu EU-Programmen. Eine davon stellt einen jungen Mann aus der Küstenstadt Newquay vor, der sich mithilfe des Europäischen Sozialfonds eine Existenz als Designer von Skateboardrampen aufbaute.

Doch Cornwall besteht eben nicht nur aus hippen Start-up-Unternehmern. Jenseits der idyllischen Küsten gibt es auch hier Gegenden, über die Großbritanniens Deindustrialisierung hart hinweggegangen ist, etwa Saint Dennis. Das Panorama des Örtchens wird dominiert von den "Cornish Alps" - Abraumhalden aus dem Abbau von Porzellanerde, die der Region einst Wohlstand brachte. Heute listet eine Informationstafel im tristen Zentrum das "recht gute Nahverkehrssystem" als einen der Vorzüge von Saint Dennis auf. Ein paar Meter weiter warten Brandon Ellis und Annie Santana auf den Bus.

Brandon ist 20 und Bauer. Fragt man ihn nach seiner Meinung zum Brexit-Referendum, errötet er ein bisschen und sagt dann, er habe absolut keine Ahnung, worum es da gegangen sei. "Ich habe noch nie gewählt." Annie ist 62 und zurück nach Saint Dennis gezogen, um ihre Eltern zu pflegen. "Ich wusste nicht, dass wir all diese Förderung bekommen", sagt sie. "Aber sie würden so oder so einen Weg finden, uns das wieder wegzunehmen."

Das Referendum hat gezeigt, wie sehr der Blick auf Europa die Briten teilt. Für die einen ist die EU positiv besetzt, als nächstes Urlaubsziel oder gar Arbeitgeber. Für die anderen ist sie ein undurchschaubarer Apparat, ohne Bedeutung für das eigene Leben. Eigentlich könnten sie in Cornwall ja gemeinsam stolz sein, findet Subventionsvermittlerin Rowe. Darauf, was ihre Region mithilfe von EU-Geldern erreicht habe. Doch das würde auch bedeuten, die Armut ihrer Region einzuräumen. "Das ist vielleicht das größte Problem."

Zur bitteren Ironie des Brexit könnte allerdings gehören, dass sich Subventionen künftig erst recht wie Almosen anfühlen. Denn so unbeliebt die EU-Bürokratie auch sein mag, so hat sie für die Vergabe von Geldern doch klare Kritierien entwickelt. So erhält Cornwall besondere Förderung, weil seine Wirtschaftskraft unter 75 Prozent des europäischen Durchschnitts liegt.

"Es ist ein ziemlich kompliziertes Verfahren", sagt Rowe über die Subventionsanträge. "Aber es ist ein Verfahren." Britische Fördergelder dagegen seien zum Teil "politische Vehikel" - abhängig von der Gunst einzelner Abgeordneter oder Regierungsmitglieder. Auch Council-Chef Pollard sagt, er sei "sehr besorgt" über diesen Punkt. Über die Verwendung der EU-Gelder habe man frei entscheiden können, Mittel der britischen Regierung dagegen seien an Projekte geknüpft. "Und oft muss man für dieses Geld gegen Projekte aus dem Rest des Landes antreten."

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Dieser Wettbewerb könnte hart werden: Nach Berechnungen der auf Armutsbekämpfung spezialisierten Joseph Rowntree Foundation stehen in Großbritannien bis 2020 EU-Gelder im Gesamtwert von 8,6 Milliarden Pfund auf dem Spiel. Zu den wichtigsten Empfängern gehören auch London, Nordirland und Manchester - alles Regionen, die für den Verbleib in der EU stimmten. Wie dieser Unterschied gegen Cornwall verwendet werden könnte, deutete ein Leserbrief in der "Financial Times" an. "Kopf hoch, Cornwall", schrieb da ein Londoner. "Ihr habt dafür gestimmt, ärmer zu sein, tragt es mit Würde."

Solche Aussichten treiben in Cornwall inzwischen manche auf die Straße. In den Städten Truro und Penzance demonstrierten zuletzt einige Hundert Bürger ihre Verbundenheit mit Europa. Auf ihren Schildern stand "Goodbye EU, Hallo kornische Armut" oder "Wo kommen Cornwalls 60 Millionen pro Jahr jetzt her?"

Fischer Nicholas
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Fischer Nicholas

Doch während viele Europafreunde erst jetzt mobil machen, zeigten die Brexit-Befürworter schon vor der Abstimmung Präsenz. Zu ihnen gehören kornische Fischer, die sich vom EU-Austritt ein Ende der verhassten Fangquoten erhoffen. John Nicholas war dabei, als sie kurz vor der Abstimmung mit ihren Booten vor der Küste protestierten. Auch jetzt noch trägt der 75-Jährige ein T-Shirt mit der Aufschrift "Stimmt für den Austritt", während er im Touristenort Sennen ein Boot renoviert. "Zu 100 Prozent" stehe er hinter der Entscheidung, sagt Nicholas - trotz des Politchaos und Wirtschaftsbebens.

Milchbauer Roger Jenkin klingt hingegen nicht mehr ganz so überzeugt wie noch vor einigen Wochen - und zeigt britischen Pragmatismus. Er warte jetzt erst mal ab, welche Alternative zur EU-Mitgliedschaft die Politik aushandelt. "Wenn wir nichts Besseres zustandebringen und uns entscheiden zu bleiben, ist das nicht das Ende der Welt."

Falls der Brexit aber tatsächlich kommt, könnte es für Landwirte künftig schwieriger werden, ausländische Arbeitskräfte zu bekommen. "Das Problem haben wir gerade gelöst", erzählt Jenkin noch, bevor er seinen Mitarbeiter vom Zahnarzt abholt. In den Niederlanden kaufte er Roboter, die zwei Melker ersetzen. Den Absturz des Pfunds habe er vorhergesehen und deshalb noch vor dem Referendum zugegriffen. "Wir haben einen guten Preis bekommen."



insgesamt 37 Beiträge
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hei-nun 13.07.2016
1. Seit 2000
hat Cornwall schon 2 Milliarden Subventionen erhalten - das wusste ich, wieso aber die (dummen) Cornwaller nicht !? Wenn sie jetzt leer ausgehen: Recht so !
johnboulaulruisseau 13.07.2016
2. Cornwall
Ich hoffe nicht von der EU! Irgendwie gehört der Ausgang aller Dinge und Geld nach London geschlossen!
Crom 13.07.2016
3.
Da UK ja bisher Nettozahler war, kann man das sicher national umverteilen, so der politische Wille vorhanden ist.
von111derletzte 13.07.2016
4. Am Besten
bitte Berichte über die EU, vor allem diese mit negativem Touch, kostenpflichtig machen. Die EU-Hasser sind sicherlich bereit dafür zu bezahlen um in ihren Ansichten bestätigt zu werden. Das ist eher eine "positive" Nachricht im Hinblick auf Bauchentscheidungen bzgl. EU, die hätte ich mir kostenfrei gewünscht.
Thomas Schnitzer 13.07.2016
5.
Zitat von von111derletztebitte Berichte über die EU, vor allem diese mit negativem Touch, kostenpflichtig machen. Die EU-Hasser sind sicherlich bereit dafür zu bezahlen um in ihren Ansichten bestätigt zu werden. Das ist eher eine "positive" Nachricht im Hinblick auf Bauchentscheidungen bzgl. EU, die hätte ich mir kostenfrei gewünscht.
Als Gegner kostenpflichtiger Angebote hätte ich mir auch nicht träumen lassen, dass ich dass jemals sagen werde: Dem kann ich mich nur anschließen.
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