Trotz Schub beim Ifo-Index Volkswirte warnen vor Konjunktur-Killern

Aufatmen ist erlaubt, aber bitte nicht überschnappen: Der Ifo-Index für das Geschäftsklima ist im Juli so stark gestiegen wie nie seit der Wiedervereinigung. Doch Experten warnen vor zu viel Optimismus. Es gibt mindestens vier große Risiken für die Entwicklung der Konjunktur.
Laborantin: Unternehmen beurteilen die Lage deutlich besser als im Juni

Laborantin: Unternehmen beurteilen die Lage deutlich besser als im Juni

Foto: Hendrik Schmidt/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Es sind zwei Zahlen, die am Freitag die deutsche Wirtschaft elektrisieren: Der Ifo-Geschäftsklimaindex erhöhte sich im Juli von 101,8 Punkten auf 106,2 Zähler. Was die Entwicklung noch bedeutender macht ist die Tatsache, dass der Anstieg in krassem Widerspruch zu den Erwartungen von Volkswirten steht. Diese hatten einen Rückgang des wichtigsten Stimmungsbarometers der deutschen Wirtschaft erwartet.

Und auch das Ifo-Institut selbst geizte bei der Vorstellung der Ergebnisse nicht mit Superlativen: "Diese Zunahme ist der größte Sprung nach oben seit der Wiedervereinigung Deutschlands", sagte der Präsident des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts, Hans-Werner Sinn. Für den Ifo-Konjunkturexperten Klaus Abberger signalisieren die Zahlen eine "recht robuste Aufwärtsbewegung" der deutschen Wirtschaft. "Nach dieser harten Krise, die hinter uns steckt, können wir nun doch durchatmen." Die Revision vieler Prognosen nach oben, wie es momentan geschehe, erscheine inzwischen gerechtfertigt.

Auch für das Ifo-Institut gelte, dass einige der Indikatoren, die der eigenen Prognose eines Anstiegs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,1 Prozent im laufenden Jahr zugrunde gelegt worden seien, nun etwas positiver ausfielen als zunächst angenommen. "Von daher sehe ich auch bei uns, dass die 2,1 Prozent eher der untere Rand sind", sagte er. Das Frühjahr 2010 sei für die Wirtschaft ein sehr, sehr gutes Frühjahr gewesen. Die Erholung zeige sich in der gesamten Wirtschaft und in allen Branchen, im Bau, im Handel wie auch in der Industrie.

War's das also endgültig mit der Krise? Ist der Aufschwung jetzt wirklich da?

Nein, heißt es beim Ifo-Institut. Entwarnung könne nicht gegeben werden, weil weiter Risiken bestünden. "Wir können die Krise nicht abhaken, aber wir können tief durchatmen", sagte Abberger.

Viele Risiken für den Aufschwung

Gutes Ergebnis, aber kein Grund zu Euphorie - so lautet auch das Fazit anderer Experten. "Das sind wirklich super Zahlen", sagt Commerzbank-Experte Ralph Solveen über den Anstieg des Geschäftsklima-Index. Damit habe er nicht gerechnet. Auch die Konjunkturzahlen seien zuletzt sehr gut gewesen. So erwarte er, dass die deutsche Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 1,5 Prozent gewachsen sei. Doch dann kommt sein großes Aber: "Man darf diesen Wert natürlich nicht aufs Jahr hochrechnen. Dann hätten wir 2010 ja ein Wachstum von sechs Prozent - das ist illusorisch."

Auch Alexander Krüger, Volkswirt beim Bankhaus Lampe, warnt vor übertriebenem Optimismus: "Trotz des guten Ifo-Ergebnisses ist der Konjunkturhimmel nicht wolkenfrei. Wir gehen weiter davon aus, dass auf das dynamische Sommerhalbjahr ein schwächeres Winterhalbjahr folgen wird", sagte er.

Die größten Risiken für den deutschen Aufschwung sind nach Meinung der Experten:

  • Die Konjunktur in den USA und Asien entwickelt sich nicht so gut wie zuletzt. US-Notenbankchef Ben Bernanke bezeichnete die Aussichten für die weltgrößte Volkswirtschaft als "außergewöhnlich unsicher". Pessimisten schließen sogar einen Rückfall in die Rezession nicht aus angesichts einer hohen Arbeitslosigkeit und anhaltender Probleme am Immobilienmarkt. In China schwächte sich das Wachstum im zweiten Quartal von 11,9 auf 10,3 Prozent ab. Die Regierung erwartet eine "stetige Abschwächung".
  • Das Sparpaket der Bundesregierung: Auch beim privaten Konsum spricht wenig für ein kräftiges Wachstum. Zwar fällt die Zahl der Arbeitslosen weiter in Richtung drei Millionen, allerdings steigen die Löhne kaum. Gleichzeitig droht weniger Netto vom Brutto. Ab 2011 steigen zudem die Krankenkassenbeiträge für gesetzlich Versicherte von 14,9 auf 15,5 Prozent.
  • Die deutschen Unternehmen investieren trotz des Aufschwungs kaum. Ihre Investitionen in Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen werden 2010 um nicht einmal ein Prozent steigen, erwartet das Ifo-Institut. "Die Investitionstätigkeit ist damit noch weit davon entfernt, die Rolle als Konjunkturlokomotive zu übernehmen", sagt Ifo-Experte Arno Städtler.
  • Die Gefahr einer Kreditklemme ist noch vollständig nicht gebannt. "Das ist jetzt die Ruhe vor dem Sturm", warnt der von der Regierung eingesetzte Kreditmediator Hans-Joachim Metternich. Die Geldhäuser dürften angesichts der zu erwartenden strengeren Eigenkapitalvorschriften und der drohenden Bankenabgabe deutlich zurückhaltender bei der Kreditvergabe werden. Hinzu komme, dass viele Landesbanken derzeit mitten in der Restrukturierung steckten. "Das ist alles nicht gut für die Versorgung der mittelständischen Wirtschaft", sagte Metternich.

cte/Reuters/ddp
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