Wegen Krisenbericht Türkei stellt Wirtschaftsjournalisten vor Gericht

Im Jahr 2018 verlor die Lira massiv an Wert, die Türkei stürzte in eine Rezession. Ein Bericht über die Krise könnte nun zwei Journalisten der Agentur Bloomberg zum Verhängnis werden. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Haft.

In Istanbul stehen zwei Journalisten wegen des Versuchs zur "Untergrabung der wirtschaftlichen Stabilität der Türkei" vor Gericht
Murad Sezer / Reuters

In Istanbul stehen zwei Journalisten wegen des Versuchs zur "Untergrabung der wirtschaftlichen Stabilität der Türkei" vor Gericht


Es ist ein Vorgang, der seinesgleichen sucht: Nach der schweren Wirtschaftskrise im vergangenen Jahr stellt die Türkei Wirtschaftsreporter eines angesehenen internationalen Mediums vor Gericht. Vergleichbares hat es nach ähnlichen Schwellenländerkrisen noch nie gegeben, weder 1998 in der Russlandkrise, noch bei der vorhergehenden Asienkrise.

Die türkische Justiz klagte zwei Journalisten der Nachrichtenagentur Bloomberg wegen eines kritischen Berichts zur Währungskrise an. Ein Gericht in Istanbul nahm am Donnerstag die Klageschrift der Staatsanwaltschaft an, in der diese wegen eines Versuchs zur "Untergrabung der wirtschaftlichen Stabilität der Türkei" zwei bis fünf Haft fordert. Das teilte Bloomberg am Freitag mit. Vorausgegangen war eine Beschwerde der türkischen Bankenaufsicht.

Die beiden Bloomberg-Journalisten Kerim Karakaya und Fercan Yalinkilic müssen sich wegen eines Berichts von August 2018 über den Umgang der türkischen Behörden und Banken mit der Währungskrise verantworten. Mitangeklagt sind laut Bloomberg 36 Menschen wegen Kommentaren in den sozialen Medien, in denen sie sich kritisch zur türkischen Wirtschaftslage geäußert hatten. Der Prozess soll am 20. September beginnen.

Erdogan liegt mit westlichen Medien seit langem über Kreuz

Der Chefredakteur von Bloomberg, John Micklethwait, verurteilte die Anklage gegen die beiden Journalisten. Sie hätten stets "fair und akkurat über nachrichtenträchtige Ereignisse berichtet". "Wir stehen fest an ihrer Seite und werden sie in dieser Prüfung unterstützen", erklärte Micklethwait. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die westlichen Medien bereits wiederholt wegen ihrer Berichterstattung über die Wirtschaftslage kritisiert.

Im April griff er insbesondere die "Financial Times" wegen eines Artikels über die Zentralbank an. Die Türkei kämpft seit vergangenem Jahr mit einer schweren Währungs- und Wirtschaftskrise. Die türkische Lira war im August inmitten eines Streits mit den USA eingebrochen. Zwar konnte die Zentralbank die Währung durch eine Anhebung der Leitzinsen stabilisieren, doch rutschte die Wirtschaft in die Rezession und die Inflation verharrt bei knapp 20 Prozent.

beb/afp

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