Neuer türkischer Zentralbankchef Erdogans Erfüllungsgehilfe

Überraschend tauscht der türkische Präsident Erdogan den Chef der Zentralbank aus. Beobachter halten den neuen Mann für einen Erfüllungsgehilfen des Staatschefs. Und nicht nur das: Murat Uysal soll womöglich plagiiert haben.

Murat Uysal: Plagiatsvorwürfe gegen den neuen türkischen Zentralbankchef
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Murat Uysal: Plagiatsvorwürfe gegen den neuen türkischen Zentralbankchef

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Murat Uysal fiel als Banker bislang vor allem durch eine Tugend auf: seine Unauffälligkeit. Egal ob als Vizechef der türkischen Zentralbank oder zuvor als Manager bei der staatlichen Halkbank - Uysal galt als verlässlicher, farbloser Verwalter.

Nun kommt auf Uysal eine der schwierigsten Aufgaben zu, die der türkische Staat gegenwärtig zu vergeben hat: Er soll die Zentralbank führen, nachdem Präsident Recep Tayyip Erdogan Uysals Vorgänger, Murat Cetinkaya, am Wochenende per Dekret geschasst hat.

Erdogan und Cetinkaya waren sich seit Monaten uneins, wie die Türkei die schweren wirtschaftlichen Probleme angehen sollte. Der Präsident setzt auf niedrige Zinsen, um die Konjunktur zu befeuern. Die allermeisten Experten warnen, dass eine solche Politik die türkische Lira, die im vergangenen Jahr dramatisch an Wert gegenüber dem Dollar verloren hat, weiter einbrechen ließe. Cetinkaya weigerte sich, den Leitzins zu senken, was ihn letztlich seinen Job gekostet haben dürfte.

Gegenüber Abgeordneten der Regierungspartei AKP soll Erdogan am Samstag deutlich geworden sein. "Wir haben (Cetinkaya) immer wieder gesagt, dass die Zinsen runter müssen. Er hat nicht getan, was nötig war", sagte Erdogan einem Bericht der Tageszeitung "Hürriyet" zufolge.

Lira gibt nach

Cetinkaya war unter Ökonomen umstritten. Viele warfen ihm vor, zu zögerlich auf die Finanzkrise reagiert zu haben. An den Finanzmärkten sorgte die Entscheidung dennoch für leichte Unruhe. Die Lira gab am Montag etwa 1,6 Prozent im Handel mit dem Dollar und dem Euro nach.

Die Opposition sieht die Unabhängigkeit der Zentralbank zerstört. Zudem bestehen Zweifel, dass Cetinkayas Nachfolger, Uysal, dem Job gewachsen ist. Beobachter sehen in ihm einen Erfüllungsgehilfen Erdogans, der eben jene Zinssenkung exekutiert, die der Präsident seit Langem fordert.

Passagen aus drei Artikeln kopiert?

Die Zweifel dürften noch einmal zunehmen, wenn sich bewahrheitet, was türkische Plagiatsjäger behaupten: Uysal soll seine Masterarbeit weitgehend von fremden Autoren abgeschrieben haben. Auf dem Nachrichtendienst Twitter dokumentieren Nutzer, wie der neue Notenbankchef Passagen aus drei Artikeln eins zu eins kopiert hat. "In jedem anderen Land würde eine solche Form von Plagiat zu Rücktritten führen", kommentiert der türkisch-britische Wirtschaftsexperte Can Okar auf Twitter.

Die Türkei hat seit Monaten mit starken Wirtschaftsproblemen zu kämpfen. Die Inflation liegt konstant bei fast 20 Prozent. Etwa jeder vierte junge Türke ist ohne Arbeit. Die Unruhen an der Spitze der Zentralbank dürften die Lage verschlimmern.

Erdogan gelangte einst an die Macht, weil er den Wählern glaubhaft mehr Wohlstand versprach. Nach Jahren des Aufschwungs ist der Wirtschaftsmotor inzwischen stark ins Stocken geraten - ein entscheidender Grund, warum Erdogans Partei, die AKP, bei der Wahl in Istanbul im Juni Herausforderer Ekrem Imamoglu unterlag.

Erdogan findet auf die Krise keine Antwort. Regierungskritiker betrachten Cetinkayas Abgang als weiteren Beleg dafür, dass der Präsident nicht gewillt ist, aus Fehlern zu lernen. Erdogan gerät selbst in seiner eigenen Partei immer stärker unter Druck. Am Montag trat der frühere Wirtschafts- und Außenminister, Ali Babacan, aus der AKP aus.

Babacan gilt als Vater des Wirtschaftswunders der frühen Erdogan-Jahre. Er soll nun unmittelbar davor stehen, eine eigene konservative Partei zu gründen.



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ifek 08.07.2019
1. leichte Unruhe an den Finanzmärkten?
"An den Finanzmärkten sorgte die Entscheidung dennoch für leichte Unruhe. Die Lira gab am Montag etwa 1,6 Prozent im Handel mit dem Dollar und dem Euro nach." klar darf man -1,6% "leichte Unruhe" nennen, nur richtiger erscheint die Interpretation, der Markt hat vergleichsweise gelassen reagiert. Minus 1,6% sind kaum mehr als normale Tagesschwankungen!
dirkcoe 08.07.2019
2. Die Talfahrt geht weiter
Es ist kaum anzunehmen, das dieser Personaltausch geeignet ist um das Vertrauen von Investoren in die Türkei und deren Lira zu stärken. Also geht es weiter bergab - Erdogan wird Recht schnell sehr hart mit der Realität der Wirtschaft kollidieren.
badscooter 08.07.2019
3.
hallo redaktion. sie schreiben, cetinkaya soll texte kopiert haben, aber sie meinen bestimmt uysal, oder? grüße!
seamanslife 08.07.2019
4. 25% der jungen Türken in der Türkei ohne Arbeit
Der Meister persönlich hat doch aufgerufen mehr Kinder in die Welt zu setzen. Die türkische Bevölkerung hat sich in den letzten 80 Jahren fast vervierfacht. Über 10 Mio. sind vor der Not bereits ins Ausland geflohen und offensichtlich merkt da keiner was.
patron 08.07.2019
5. Danke Herr Popp,
für die ausführliche uns sachliche Erklärung was in der Türkei passiert. Wenn man aus dem Artikel, die Opposition sieht, Beobachter sehen oder die Wörter soll herausnehmen würde, würde nicht viel von Ihrem Artikel übrig bleiben. Also wenn Sie in der Türkei leben würden, hätten Sie einen job bei der CHP sicher. Die Türkei hat eine Inflationsrate von 15,63% nicht bei 20% und nur zur Erinnerung, der Herr Cetinkaya war ja noch der günstling vom Erdoğan, als er auf den Posten berufen wurde, jetzt als er entlassen wird, ist er derjenige, der die Unabhängigkeit der Zentralbank garantiert hat, was für eine Umwandlung in kürzester Zeit.
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