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19. August 2018, 14:05 Uhr

Türkische Währungskrise

Das riskante Schuldenspiel des globalen Finanzkapitalismus

Eine Kolumne von

Die Türkei ist ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise auf die Schwellenländer übergesprungen ist. Die Risiken waren bekannt, die Warnungen laut. Genutzt hat es nichts.

Die Story ist schnell erzählt. Zwei selbst ernannte starke Männer verstricken sich in einen Streit. Keiner der beiden will nachgeben. Der eine, US-Präsident Donald Trump, verhängt Sanktionen gegen ein Land, mit dem Amerika seit sieben Jahrzehnten eine strategische Partnerschaft in der Nato pflegt.

Der andere, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, ruft sein Volk zur patriotischen Tat, um eine akute Wirtschafts- und Währungskrise abzuwenden: Kauft keine iPhones, tauscht eure Dollars in Lira! Und er begibt sich auf die Suche nach neuen Partnern.

Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben. Aber es ist möglich, dass die Schäden groß und dauerhaft sein werden - für die türkische Bevölkerung, aber auch für die geopolitische Rolle der USA und die Sicherheit Europas.

Die Story von den zwei alten, sturen Männern ist zwar nicht falsch. Aber sie verdeckt andere, tiefergehende Zusammenhänge. Denn in der Wirtschaftskrise am Bosporus zeigen sich auch grundlegende Unzulänglichkeiten des globalen Finanzkapitalismus.

Es stimmt schon: Ausgelöst wurde die derzeitige Zuspitzung - der rapide Verfall der Währung, der sprunghafte Anstieg der Inflation - durch den Konflikt zweier nationalpopulistischer Führungsfiguren. Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Die Probleme der Türkei sind so gesehen kein Einzelfall, sondern ein Symptom.

Die aktuelle Krise wirft zwei große Fragen auf:

Angst vor der Pleitewelle

Dass Grundlegendes schiefläuft, ist seit Jahren bekannt. Bereits im Sommer 2013 war es zu einem Ausverkauf an den Börsen diverser Schwellenländer gekommen. Auslöser war damals die Ankündigung der US-Notenbank Fed gewesen, allmählich den Krisenmodus zu verlassen und weniger Geld in die Märkte zu pumpen.

Die Aussicht auf steigende US-Zinsen schürte die Angst vor einer Pleitewelle in den Schwellenländern. Die Fed stellte daraufhin zunächst ihre Pläne zurück.

Im Sommer 2014 warnte dann die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel erneut vor dem rapiden Schuldenaufbau in den Schwellenländern. Und es waren nicht die Staaten oder die Privatbürger, die in großem Stil Kredite aufnahmen, sondern die Unternehmen. Schon damals warnte die BIZ insbesondere vor der Entwicklung in der Türkei.

Risikoreich war nicht nur die Höhe der Schulden, sondern auch ihre Zusammensetzung. Weil in den USA, der Eurozone, Japan und anderen reichen Ländern die Zinsen extrem niedrig waren - die großen Notenbanken pumpten massiv Geld in die Märkte, und sie tun dies zum Teil bis heute -, liehen sich Unternehmen in der Türkei und anderen Schwellenländern Dollar und Euro.

Mehr als 90 Prozent der internationalen Anleihen und mehr als 80 Prozent der internationalen Bankkredite, die an Unternehmen in den Schwellenländern vergeben worden waren, lauteten auf ausländische Währung, so die BIZ im Jahr 2014.

Firmen liehen sich Geld in Dollar oder Euro - ihre Einnahmen jedoch bezogen sie überwiegend in heimischer Währung. Ein Vabanquespiel: Im Falle einer Abwertung würde es für hoch verschuldete Unternehmen erheblich teurer, ihre Fremdwährungsschulden zu bedienen. Auch an neue Kredite zu kommen, würde schwieriger und kostspieliger - spätere Pleiten nicht ausgeschlossen.

Diese Risiken waren bekannt, die Warnungen nicht zu überhören. Dennoch ging das Schuldenspiel immer weiter.

Die Folgen sind ziemlich dramatisch. Seit 2008 hat sich das Volumen der Dollar-Kredite, die an die Schwellenländer vergeben wurden, mehr als verdoppelt: auf inzwischen sagenhafte 3,6 Billionen.

Mancher Schuldner droht nun, in der Schuldenfalle steckenzubleiben. Denn der Dollar ist in den vergangenen Monaten deutlich stärker geworden. Und weil die US-Zinsen steigen, werden Anschlussfinanzierungen tendenziell noch teurer - falls sie überhaupt zu bekommen sind.

Angewiesen auf ausländisches Geld

Wie gesagt, die Türkei ist kein Einzelfall, aber ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise von 2008 von den westlichen Volkswirtschaften auf die Schwellenländer übersprang.

Laut Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vergaben türkische Banken über Jahre deutlich mehr Kredite in Fremdwährung als in Lira. Dazu kommen Fremdwährungsanleihen türkischer Schuldner. Insgesamt lautet ein Viertel der ausstehenden Verbindlichkeiten auf Euro, Dollar und Yen, so die OECD.

Die rapide Abwertung der Lira ist vor allem deshalb so brisant, weil die Türkei auf ständige Mittelzuflüsse aus dem Ausland angewiesen ist: In der Leistungsbilanz klafft ein Loch von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Inflation steigt, was die Währung weiter unter Druck setzt und die Lage weiter verschlechtert. Betroffen sind auch Banken in der Eurozone, die womöglich einen Teil ihrer Türkei-Forderungen abschreiben müssen.

Andere Schwellenländer wie Indien, Brasilien oder Südafrika drohen in den Strudel des Misstrauens hineingezogen zu werden, auch wenn die Bedingungen dort deutlich besser sind.

Am Ende steht die Frage: Wer ist eigentlich schuld?

Kurzsichtigkeit, Hybris und andere Gebrechen

Dass die aktuellen Schuldenprobleme der Schwellenländer sich lange und deutlich sichtbar abzeichneten, offenbart eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit, verbunden mit einem gehörigen Schuss Opportunismus.

Aus Sicht der Kreditnehmer waren die Zinsen ja so schön niedrig: Warum nicht die fantastischen Finanzierungsbedingungen nutzen?

Die Gläubiger suchten händeringend nach Anlagemöglichkeiten, die mehr abwarfen als die im Westen üblichen homöopathischen Renditen: Warum nicht das eine oder andere Risiko eingehen?

Regierungen und Notenbanken in Schwellenländern wie der Türkei mochten den Boom nicht stoppen: Warum die Chance verstreichen lassen, auf ein höheres Wohlstandsniveau zu kommen?

Die westlichen Notenbanken ignorierten weithin die globalen Nebenwirkungen ihrer beispiellosen Geldflut: Warum Rücksicht nehmen auf andere Volkswirtschaften, wenn EZB, Fed und Co. doch per Gesetz nur für ihre jeweiligen Länder zuständig sind?

Und dann ist da natürlich auch noch Präsident Erdogan, dessen Allmachtsanspruch auch in Gelddingen inzwischen die finanzielle Glaubwürdigkeit seines Landes unterminiert.

All das zeigt: Der globale Finanzkapitalismus braucht strikte globale Regeln. Auf die Selbstverantwortung der einzelnen Akteure zu setzen, genügt nicht. Geld sollte knapp sein, Kapitalströme sollten nachhaltig sein und nationale Spielräume im Zweifel beschränkt.

Es ist genau jene Form von globaler Finanzpolitik, die Nationalpopulisten wie Erdogan und Trump von Herzen ablehnen.

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