Erdoğan-Drohungen gegen Frankreich Türkische Lira fällt auf Rekordtief

Die türkische Landeswährung bricht weiter ein. Für einen Dollar werden erstmals mehr als acht Lira fällig. Präsident Erdoğan hatte zum Boykott französischer Waren aufgerufen - und könnte den Verfall so angeheizt haben.
Türkische Lira-Noten: Seit Jahresbeginn 35 Prozent an Wert verloren

Türkische Lira-Noten: Seit Jahresbeginn 35 Prozent an Wert verloren

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Murad Sezer/ REUTERS

Es war offenbar eine Aufforderung Recep Tayyip Erdoğans, die den jüngsten Absturz befeuerte: "Beachtet französische Marken bloß nicht, kauft sie nicht", sagte der türkische Präsident. Kurz darauf fiel die türkische Lira unter eine wichtige Marke. Erstmals müssen für einen Dollar mehr als acht Lira bezahlt werden - so viel wie noch nie.

Nicht erst seit dieser Boykottdrohung werden ausländische Waren für Menschen in der Türkei immer teurer. Die Währung des Landes verliert seit mittlerweile neun Wochen drastisch an Wert, es ist der am längsten anhaltende Kursrutsch seit 1999. Im gesamten Jahr 2020 verlor die Lira im Handel mit dem Dollar rund 35 Prozent an Wert.

Zwölf Prozent Inflation

Zuletzt hatte sich das Verhältnis der Türkei zu wichtigen Handelspartnern in der Europäischen Union zugespitzt, nachdem Erdoğan seinen französischen Amtskollegen Emmanuel Macron angegriffen hatte. Erdoğan warf Macron im Streit über Mohammed-Karikaturen Islamfeindlichkeit vor, bezeichnete den französischen Präsidenten als Krankheitsfall - und rief zu dem Boykott französischer Waren auf. Bereits am Sonntag hatten mehrere arabische Länder wegen der Karikaturen einen Boykott gegen Frankreich angestoßen. Händler in Jordanien, Kuwait und Katar nahmen französische Waren aus ihren Filialen.

Vergangene Woche hatte die türkische Notenbank den Leitzins nicht wie allgemein erwartet erhöht. Trotz einer hohen Inflationsrate von knapp zwölf Prozent beließ sie den Leitzins unverändert bei 10,25 Prozent. In der Vergangenheit hatte sich Erdoğan mehrfach gegen Zinserhöhungen ausgesprochen und damit die Unabhängigkeit der Notenbank infrage gestellt.

Wirtschaftsverband: Türkischer Erpressung widersetzen

In Frankreich herrscht derweil Empörung über die Drohungen aus der Türkei. Es komme nicht infrage, der Erpressung nachzugeben, sagte Geoffroy Roux de Bézieux, Chef des größten Wirtschaftsverbandes Medef, dem Fernsehsender BFMTV. "Es gibt Zeiten, in welchen wir Prinzipien vor die Möglichkeit, unser Geschäft auszubauen, stellen müssen." Gleichzeitig bat er betroffene Unternehmen, diesen Boykott "vorerst leider zu ertragen." Paris hatte aus Protest gegen die türkischen Drohgebärden bereits seinen Botschafter aus Ankara zurückgerufen.

Macron hatte nach dem brutalen Mord an einem Lehrer in Frankreich die Meinungsfreiheit verteidigt und sich auf die Seite derjenigen gestellt, die Satire zeigen oder veröffentlichen wollen. Frankreich werde nicht "auf Karikaturen und Zeichnungen verzichten, auch wenn andere sich zurückziehen", sagte er bei einer Gedenkfeier zu Ehren des verstorbenen Samuel Paty. Dieser hatte Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt und war auf offener Straße getötet und danach enthauptet worden.

apr/dpa-AFX
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