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Krise in der Türkei Erdogan fordert Bürger zum Lira-Tausch auf - und telefoniert mit Putin

Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat an die Türken appelliert, Euro und Dollar einzutauschen, um die Lira zu stützen. Den USA warf er Drohgebärden vor - und telefonierte demonstrativ mit Moskau.

Mit Appellen an den Nationalstolz will der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan die Bürger des Landes in der Wirtschaftskrise hinter sich versammeln. Erdogan forderte seine Landsleute erneut auf, angesichts des Kursverfalls der Lira Euro und Dollar in die Landeswährung zu tauschen. Aus Solidarität sollen sie sämtliches Gold oder Guthaben in ausländischen Währungen in türkische Lira einwechseln, um den "Unabhängigkeitskrieg" gegen die USA zu gewinnen, appellierte Erdogan an die Bürger.

Zudem erhob er schwere Vorwürfe gegen die USA. "Sie bedrohen uns", sagte Erdogan am Samstag vor Anhängern in der Stadt Unye am Schwarzen Meer. Die Türkei werde nicht nachgeben. "Man kann diese Nation nicht mit Drohungen zähmen", sagte Erdogan.

Am Freitag hatte US-Präsident Donald Trump die Wirtschaftskrise in der Türkei massiv angeheizt. Via Twitter hatte Trump verkündet, dass er eine Verdoppelung der Sonderzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei angeordnet hat. Dies soll bereits von Montag an gelten.

Hintergrund der aktuellen Eskalation zwischen Washington und Ankara ist der Streit über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson. Er steht wegen des Verdachts auf Spionage und Terrorvorwürfen in der Türkei unter Hausarrest. Die USA fordern seine Freilassung. Türkische Ermittler werfen dem US-Pastor Verbindungen zum Prediger Fethullah Gülen vor. Dieser steht nach Darstellung Erdogans hinter dem Putschversuch in der Türkei vor zwei Jahren.

In einem aktuellen Gastbeitrag für die "New York Times"  wirft Erdogan der US-Regierung vor, sie respektiere die Souveränität der Türkei nicht. Er drohte Washington mit einem Ende der langjährigen Partnerschaft. "Schade, Schade! Sie ziehen einen Pastor einem strategischen Nato-Partner vor", rief Erdogan am Samstag seinen Anhängern mit Blick auf die USA zu.

Erdogan hatte am Freitag von einem Wirtschaftskrieg gegen sein Land gesprochen und die Bevölkerung bereits aufgefordert, Euro, Dollar und Gold in die Landeswährung zu tauschen. Laut einem Bericht der Finanznachrichtenagentur Bloomberg  könnten aber die Bürger genau das Gegenteil tun und versuchen, an harte Devisen zu kommen. Bei einem Test in drei Bankfilialen am Freitag hatten demnach zwei Banken keine ausländische Währung mehr auszahlen können. Demnach warteten die Institute auf Nachschub. Laut Bloomberg sollte es am Samstag ein Treffen zwischen der Bankenaufsicht und Bankvertretern geben.

Der Streit der Türkei mit den USA setzt vor allem die türkischen Finanzmärkte und die Landeswährung stark unter Druck. Die Türkische Lira war am Freitag auf neue Tiefstände zum US-Dollar und zum Euro gesunken.

Angesichts des Streits mit dem Nato-Partner USA demonstrierte Erdogan seine Verbundenheit mit Moskau. Nach Trumps Ankündigung der neuen Strafzölle telefonierten Erdogan und der russische Präsident Wladimir Putin miteinander. In dem Gespräch sei es um strategische Projekte bei der Zusammenarbeit im Energiesektor und die wirtschaftlichen Beziehungen gegangen, teilte das russische Präsidialamt mit.

Aus Erdogans Staatskanzlei verlautete, es sei auch über die Zusammenarbeit im Rüstungsbereich und über Syrien gesprochen worden. Beide hätten sich erfreut über die positive Entwicklung der Handels- und Wirtschaftsbeziehungen geäußert. Von wem die Initiative zu dem Telefonat ausging, wurde nicht mitgeteilt.

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Gerade im Syrien-Konflikt und in Energiefragen sucht Erdogan bereits seit geraumer Zeit die Nähe zu Russland.

Wie sich der Lira-Verfall auf Deutschland auswirken könnte, lesen Sie hier.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde eine Aussage von Recep Tayyip Erdogan mit "Schande, Schande! Sie ziehen einen Pastor einem strategischen Nato-Partner vor" zitiert. Dabei handelte es sich um einen Übersetzungsfehler der Nachrichtenagenturen. Tatsächlich sagte Erdogan nicht "Schande", sondern "Schade". Wir haben die Passage entsprechend angepasst.

mmq/Reuters/dpa