Streit über Zinspolitik Erdogan will türkische Zentralbank "vollständig überarbeiten"

Nach dem Rauswurf des Notenbankchefs macht der türkische Präsident Erdogan weiter Druck auf die Zentralbank. Er fordert eine komplette Erneuerung - sonst könnten "ernsthafte Probleme" folgen.

Der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan
Dado Ruvic / REUTERS

Der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan


Erst vor wenigen Tagen hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Chef der Zentralbank gefeuert. Doch der Staatschef strebt nach eigenen Angaben noch über diese Personalie hinaus grundlegende Veränderungen bei der Notenbank an.

"Die Zentralbank ist das wichtigste Element in der Finanzsäule der Wirtschaft. Wenn wir sie nicht vollständig überarbeiten, wenn wir sie nicht auf ein solides Fundament stellen, dann könnte es geschehen, dass wir mit ernsthaften Problemen leben müssen", sagte Erdogan der Zeitung "Habertürk" zufolge.

Die Äußerungen sind deshalb brisant, weil damit die Unabhängigkeit der Notenbank infrage steht. Seit Monaten setzt Erdogan die türkische Zentralbank unter Druck und verlangt niedrigere Zinsen. Am vergangenen Wochenende erfolgte dann der Rauswurf von Notenbank-Chef Murat Cetinkaya.

Das hatte bei der Opposition, aber auch bei Experten heftige Kritik hervorgerufen. Der Türkei-Experte Timothy Ash von Blue Bay Asset Management bezeichnete die Entlassung von Cetinkaya auf dem Kurznachrichtendienst Twitter als "idiotische" Entscheidung. "Die Glaubwürdigkeit der Notenbank ist schon beim Teufel - diese Entscheidung wirft sie nur weiter zurück." Sollte Cetinkayas Nachfolger die Leitzinsen so stark senken, wie Erdogan das wünsche, werde die Lira kollabieren.

Der Präsident ignoriert diese Einwände von Fachleuten. Er begründete den Rauswurf des Notenbankchefs damit, dass Cetinkaya nicht für Vertrauen in die Märkte gesorgt habe. "Seine Kommunikation mit den Märkten war nicht gut." Erdogan hat wiederholt Druck auf die Notenbank ausgeübt und deren Politik hoher Zinsen kritisiert. Der Präsident fordert stattdessen niedrigere Zinsen, um die inzwischen in einer Rezession steckende Wirtschaft anzukurbeln. Die allermeisten Experten warnen, dass eine solche Politik die türkische Lira, die im vergangenen Jahr dramatisch an Wert gegenüber dem Dollar verloren hat, weiter einbrechen ließe.

Allerdings monieren manche Ökonomen auch, der geschasste Zentralbankchef Cetinkaya habe zu zögerlich auf die Finanzkrise reagiert. Neuer Zentralbankchef ist der bisherige Vize Murat Uysal. Er gilt als Befürworter einer lockeren Geldpolitik. Die Opposition befürchtet, Uysal werde sich zum Erfüllungsgehilfen von Erdogan machen lassen.

Die Türkei hat seit Monaten mit starken Wirtschaftsproblemen zu kämpfen. Die Inflation liegt konstant bei fast 20 Prozent. Etwa jeder vierte junge Türke ist ohne Arbeit.

mmq/Reuters

insgesamt 20 Beiträge
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K. Behnert 10.07.2019
1. Es gibt nur eine Lösung
Erdogan ist der Chef und er weiss ganz genau, was dem Land fehlt. Daher sollte er seine Ideen auch durchsetzen. Wenn der Chef das macht, dann kann das nur gut für's Land sein. Schaut in das Gesicht dieses Mannes und man kommt nicht umhin, ihm voll zu vertrauen.
Papazaca 10.07.2019
2. Realsatire! Ob gewollt oder nicht.
Zitat von K. BehnertErdogan ist der Chef und er weiss ganz genau, was dem Land fehlt. Daher sollte er seine Ideen auch durchsetzen. Wenn der Chef das macht, dann kann das nur gut für's Land sein. Schaut in das Gesicht dieses Mannes und man kommt nicht umhin, ihm voll zu vertrauen.
Ich kann mich noch an ihre Expertenmeinung in einem anderen Forum erinnern, Stichwort "Sinatra". Aber egal, hier geht es um Erdogan, die Zentralbank, die Lira und die Konjunktur. Und Ihr Beitrag zu diesem Thema ist wirklich bemerkenswert. Aber ob alles, was Sie schreiben, ernst gemeint ist oder nicht, es ist Realsatire allererster Güte. Was aber mit dem Kurs der Lira und der Konjunktur passiert? Für beide sieht es nicht gut aus. Und Erdogan sammelt scheinbar Probleme. Mal sehen, wann seine Sammlung von Problemen vollständig ist?
bluraypower 10.07.2019
3. Beitrag #1 Behnert
Sie haben leider vergessen die Ironie Ihres Beitrags zu erwähnen denn Ernst gemeint kann der Beitrag ja wohl nicht sein. Der Sultan vom Bosporus wird sein Land mit voller Wucht gegen die Wand fahren, sollte er die Zentralbank auf seine Linie umbauen. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Bei Investoren ist die Unabhängigkeit einer Zentralbank von fundamentaler Wichtigkeit, ansonsten ziehen sich fast alle Geldgeber zurück und das wäre fatal für die Türkei!
bdroege 10.07.2019
4. billige Lira Doping für türkische Wirtschaft
Mit einer billigen Lira kann die Türkei ihr Land wieder Attraktiv für arbeitsintensive Tätigkeiten (z.B. Textilindustrie) machen die bislang in Länder wie Bangladesch verlagert wurden und damit mittelfristig eine Vollbeschäftigung erzielen. Dank der hohen Quote von Erwerbstätigen explodiert die Binnennachfrage und damit die gesamte Wirtschaft. Wichtig ist jetzt die Landwirtschaft anzukurbeln um die Abhängigkeit von Importen zu reduzieren.
nesmo 10.07.2019
5. Erdogans autokratische Wünsche
machen weder vor einer unabhängigen Notenbank noch vor demokratischen Prinzipien halt. Er will wie in China und Russland eine allein von der Regierung gesteuerte Geldpolitik. Er will eine gelenkte Demokratie a la Putin, weil westliche Demokratie weder für die Türkei noch insbesondere für ihn das richtige sei. Es ist nur konsequent, dass er die anderen in einer Demokratie unabhängigen Gewalten, Justiz und Medien, seinem alleinigen Einfluss unterziehen will und nun eben auch die unabhängige Notenbank.
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