Wirtschaft in der Türkei "Verheerend für das Investitionsklima"

Was kommt nach dem Türkei-Referendum? Diese Frage beschäftigt auch deutsche Investoren. IW-Chef Michael Hüther befürchtet nachhaltige Schäden für alle Beteiligten.

AFP

Ein Interview von


55 Millionen Türken sind zur Abstimmung über das Referendum aufgerufen, es geht um die Demokratie. Kann Staatschef Recep Tayyip Erdogan seine schon heute große Macht durch die Einführung eines Präsidialsystems noch weiter ausbauen? Wie wenig Erdogan sich für rechtsstaatliche Prinzipien interessiert, hat er gerade mit seiner Aussage belegt, der inhaftierte deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel werde auf keinen Fall in seiner Amtszeit freikommen.

Erdogans Aufstieg war eng mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Türkei verbunden, für die Wachstumsraten von neun Prozent zeitweise zur Normalität gehörten. Zwar wächst die Türkei mit verringertem Tempo auch weiterhin. Doch schon der Putschversuch im vergangenen Jahr war ein schwerer Schlag für Branchen wie den Tourismus.

Im Interview betont Michael Hüther, Chef des unternehmensnahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), dass viele Probleme der türkischen Wirtschaft schon vor dem Referendum enorm waren. Danach könnten jedoch noch mehr Investoren verschreckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hüther, am Sonntag fällt in der Türkei die Entscheidung über die Einführung des Präsidialsystems. Müssen deutsche Unternehmen deswegen besorgt sein?

Hüther: Noch ist ja nicht abzusehen, wie die Abstimmung ausgeht. Eine klare Mehrheit zeichnet sich weder für ein Ja noch für ein Nein ab. Für die deutsche Wirtschaft insgesamt wären die Auswirkungen, wenn überhaupt, von eher untergeordneter Bedeutung. Dafür ist der Anteil der Türkei am Handelsvolumen zu gering.

SPIEGEL ONLINE: Das Handelsvolumen lag im vergangenen Jahr immerhin bei 37 Milliarden Euro. Fast 7000 deutsche Firmen sind in der Türkei aktiv.

Zur Person
  • IW Köln
    Michael Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Nach seinem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Mittleren und Neueren Geschichte war er zunächst Leiter des wissenschaftlichen Stabes beim Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") und Chefvolkswirt der DekaBank.

Hüther: Sie alle dürften sich aber mehr für Probleme der türkischen Wirtschaftspolitik interessieren als für den Machtumfang von Recep Tayyip Erdogan. Faktoren wie die Inflation, die seit Jahren zwischen 7,5 und 8,5 Prozent liegt, die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von zehn Prozent, die negative Handelsbilanz und der Rückgang der Investitionen sind viel alarmierender. Doch es gibt auch eine Verunsicherung, die durch die Äußerungen führender Politiker in den vergangenen zwei Jahren entstanden ist. Und die dürfte mit der Auszählung der Stimmen nicht verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Hüther: Es ist ja noch nicht klar, welche Macht nach dem Referendum das Parlament haben wird und welche der Präsident. Derart schwer berechenbare Verhältnisse ziehen Investoren nicht gerade an.

SPIEGEL ONLINE: In der Türkei gibt es Unternehmer, die darauf hoffen, Erdogan möge Erfolg haben, allein weil damit klare Verhältnisse entstehen.

Hüther: Die wirtschaftlichen Probleme der Türkei werden nicht über Nacht verschwinden. Es ist vielmehr zu befürchten, dass Erdogan unter dem Druck, rasche Erfolge vorzuweisen, Entscheidungen trifft, die vielleicht kurzfristig etwas bewirken, langfristig jedoch eher schaden.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan hat nach dem Putsch etwa 800 Firmen im Wert von zehn Milliarden Dollar beschlagnahmen lassen. Was bedeutet das für deutsche Unternehmen?

Hüther: Ob deutsche Firmen direkt von den Maßnahmen betroffen waren, weiß ich nicht. Allgemein lässt sich sagen, dass die Enteignungen sich verheerend auf das Investitionsklima ausgewirkt haben und noch auswirken werden. Davon sind deutsche Unternehmen betroffen, wenn sie in der Türkei engagiert sind. Gleichzeitig sind sie aber auch Akteure, die ihr Kapital abziehen, um es dort zu investieren, wo es ihnen sicherer erscheint.

SPIEGEL ONLINE: Viele Experten fordern auch von Seiten der EU eine deutliche Reaktion. Etwa den Abbruch der Beitrittsverhandlungen und der Zollunion, oder die Einstellung der Milliardenhilfen. Das würde den Warenaustausch mit der Türkei wesentlich erschweren, oder?

Hüther: Die Frage wäre, was denn der Hintergrund einer solchen Entscheidung wäre. Ein EU-Beitritt der Türkei ist faktisch ohnehin in weite Ferne gerückt, denn in bestimmten Punkten werden die Verhandlungen zwischen Brüssel und Ankara unter den gegebenen Umständen auf der Stelle treten. Deshalb wäre eine Art Strafmaßnahme durch die EU unsinnig und sogar kontraproduktiv. Der am ehesten wirksame Hebel wäre wohl, die Anpassungshilfen infrage zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Inwieweit beeinflusst es die Geschäfte, wenn die Vertragspartner plötzlich in einem Staat leben, wo Freiheitsrechte und eine unabhängige Justiz bedroht sind?

Hüther: Wenn dadurch die Vertragstreue der Geschäftspartner infrage gestellt wird, werden die Unternehmen natürlich in Mitleidenschaft gezogen - ganz gleich, ob die Partner selbst vertragsbrüchig werden oder durch administrative Rahmenbedingungen dazu gezwungen sind. Solange Rechtssicherheit herrscht, ist eine Grundlage für Handel und Investitionen gegeben. Das funktioniert ja auch in China.

SPIEGEL ONLINE: Moralische Kriterien spielen also keine Rolle?

Hüther: Die Moralisierung der Märkte findet über die Konsumenten im eigenen Land statt. Und über die Investoren, die darauf achten, was mit ihrem Geld geschieht. Aber für Geschäfte gelten andere Kriterien: Der Einsatz darf schlicht nicht verlorengehen. Im Übrigen halte ich Schwarz-Weiß-Malerei für unangebracht. Die Türkei ist bereits ohne Präsidialsystem keine lupenreine Demokratie, sie wird aber damit auch keine unbestreitbare Diktatur.

SPIEGEL ONLINE: Das politische Ringen in der Türkei hat zu massiven Zuspitzungen geführt: Da wurden Deutsche mit Nazis verglichen und Kreditgeber mit Terroristen. Könnte das das Geschäftsklima nachhaltig stören oder glätten sich die Wogen schnell wieder?

Hüther: Entscheidend ist am Ende, wie die Wirtschaftspolitik gestaltet wird. Im Verhältnis zwischen Geschäftspartnern zählt zuerst das gegenseitige Vertrauen. Reine Kampfrhetorik der Politik bleibt außen vor.

insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
von Hinnen 15.04.2017
1. Peinliche Propaganda.
Genau so ein Blödsinn wie der von dort prognostizierte totale Zusammenbruch der englischen Wirtschaft nach dem Brexit. Michael Hüther als Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln weiss, wie man gekaufte Wissenschaftler nennt.
Ottokar 15.04.2017
2. Egal mit oder ohne Erdogan
Geld stinkt nicht
CancunMM 15.04.2017
3.
Herr Hüther was ist denn in Ihren Augen eine Diktatur? Gleichschaltung der Presse. Abschaffung der Gewaltenteilung und Aufhebung der Unabhängigkeit der Justiz. Willkürliche Verhaftungen. Behinderung der Opposition. Verfolgung von Menschen anderer Religion oder politischer Einstellung. Und das ist keine Diktatur? Respekt ! Herr Hüther mich wundert nichts mehr in unserer. Ich hoffe ich habe nicht mal solch einen Menschen wie Sie in meiner Familie. Ich würde mich schämen.
syssifus 15.04.2017
4. Ich persönlich werde
Erzeugnisse aus der Türkei ganz bewusst nicht kaufen,sofern ich die Herkunft erkennen kann.Für eine Reise dorthin,trifft das Gleiche zu.All die Erfolgsmeldungen von Erdogan's starker Wirtschaft,sind ohne das Geld der EU nicht mal das Papier wert.Ob seine Wähler wissen,dass sich ihr Lebensstandard nach einem erfolgreichen Referendum wesentlich verschlechtern wird ? Ein vom eroberungslustigen Islam geprägtes Land, passt nicht zu uns und gehört schon geografisch nicht zu Europa.
omanolika 15.04.2017
5. Investitionsgift
Wer welche Macht haben wird, ist noch nicht klar, und doch birgt das Referendum so manch Gefahr, denn, wie bald die Zukunft aussieht, zeigt die Zeit, und selten birgt eine Entwicklung so viel Unsicherheit. Die Unsicherheit ist Gift für Investitionen, und das gilt in eigentlich allen Nationen...
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