Lira-Turbulenzen in der Türkei "Erdogan kann die Wahl verlieren"

Kurz vor den Wahlen in der Türkei leidet das Land unter hoher Inflation. Der Ökonom Timothy Ash erklärt, woher die wirtschaftliche Schwäche kommt - und warum sie Präsident Erdogan die Wiederwahl kosten könnte.
Erdogan am Grabmal des Republikgründers Kemal Atatürk (Archiv)

Erdogan am Grabmal des Republikgründers Kemal Atatürk (Archiv)

Foto: Ali Unal/ AP

Die Türkei zählt auch im Jahr 2018 zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. In den ersten drei Monaten des Jahres wuchs die Wirtschaft um 7,4 Prozent. Zum Vergleich: China erreichte im selben Zeitraum 6,8 Prozent.

Dennoch könnte es eng werden für Präsident Recep Tayyip Erdogan bei den vorgezogenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 24. Juni. Die Umfragen deuten daraufhin, dass die Opposition ihn in eine Stichwahl zwingen - und womöglich die Mehrheit im Parlament erringen könnte. Der unsichere Ausgang wirkt sich auf die Landeswährung Lira aus - trotz kräftiger Zinserhöhungen der türkischen Zentralbank rutschte der Kurs am Mittwoch abermals ab.

Timothy Ash, 51, beobachtet als Analyst für den britischen Investmentfonds BlueBay die Türkei. Im Interview erklärt er, wie sich die Wirtschaft von Erdogans Trumpf zum Problem gewandelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie kommen gerade von einem längeren Besuch in der Türkei. Sind die Währungsturbulenzen um die Lira im Alltag zu spüren?

Ash: Die Währung ist in der Türkei ein wichtiges Thema, die Leute sind fixiert auf die Wechselkurse. Alle reden darüber: auf dem Basar, Ladeninhaber, die Taxifahrer machen sich Sorgen. Es gibt darüber hinaus Hinweise, dass aufgrund der Unsicherheiten über den zukünftigen Wechselkurs Firmen Zahlungen untereinander zurückhalten. Da könnte sich eine Zahlungskrise zusammenbrauen.

SPIEGEL ONLINE: In einem Ihrer Berichte schreiben Sie von einer "sich rapide verlangsamenden wirtschaftlichen Aktivität" im Land. Woran machen Sie das noch fest?

Ash: Viele Kennziffern zeigen das: Der Einkaufsmanagerindex ist rückläufig, die Zuversicht der Marktteilnehmer nimmt ab. Die Häuserpreise steigen nicht mehr so schnell wie früher.

SPIEGEL ONLINE: Kühlt die zuletzt um mehr als sieben Prozent wachsende Wirtschaft nur etwas ab oder könnte das Land auch in eine Rezession stürzen?

Ash: Das Wachstum in den ersten drei Monaten dieses Jahres war wieder ziemlich stark. Mit 7,4 Prozent Plus war es sogar noch ein Stück besser als erwartet. Die Lira-Krise ist da allerdings noch gar nicht eingerechnet. In der zweiten Hälfte des zweiten Quartals ist das Wachstum merklich zurückgegangen. Am Ende wird vermutlich für das erste Halbjahr eine Wachstumsrate von fünf bis sechs Prozent stehen, für das zweite Halbjahr aber nur noch zwei bis drei Prozent.

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Türkei: Erdogans Bilanz in 10 Grafiken

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SPIEGEL ONLINE: Was hat die aktuelle Krise ausgelöst?

Ash: Es gibt seit Langem klare Anzeichen für eine Überhitzung der türkischen Wirtschaft. Das Wachstum wurde überstimuliert: Obwohl die Zuwächse bereits enorm waren, hat die Regierung sie mit Konjunkturprogrammen noch weiter befeuert. Das Leistungsbilanzdefizit der Türkei vergrößert sich weiter: Die Importe steigen viel schneller als die türkischen Exporte. Die Inflation ist stark gestiegen, aber die Zentralbank hat diese Entwicklung nicht nachvollzogen. Sie wurde von der Politik unter Druck gesetzt, das Notwendige und Richtige nicht zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre das gewesen?

Ash: Sie hätte früher auf die Bremse treten und den Leitzins erhöhen müssen. Die Zentralbank war aber offenbar zu sehr fokussiert darauf, das Wachstum vor der Wahl nicht zu drosseln. Sie hat das inzwischen zwar nachgeholt und den Leitzins innerhalb von nur zwei Wochen ziemlich drastisch hochgesetzt auf 17,75 Prozent. Wäre dieser Schritt früher erfolgt, hätte eine deutlich geringere Anhebung genügt.

SPIEGEL ONLINE: Wirtschaftsminister Mehmet Simsek hat aber gerade in einem Zeitungsinterview die "politische Unabhängigkeit der Zentralbank" besonders unterstrichen.

Ash: Wir beobachten eine schrittweise Erosion der Unabhängigkeit der Zentralbank, sie ist kompromittiert. Eine unabhängige Zentralbank hätte nicht erst reagiert, nachdem auch die Politiker verstanden haben, wie groß das Risiko für die finanzielle Stabilität der türkischen Ökonomie ist. Es ist nicht das erste Mal, dass wir so etwas in der Türkei sehen. Das war schon 2006 so, 2013 und 2015/16. Jedes Mal war die Bank zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Hat die AKP-Regierung die Wirtschaft angeheizt, um bei den Wahlen am 24. Juni leichteres Spiel zu haben?

Ash: Absolut. Der Erfolg der AKP und Erdogans hat immer auf zwei Dingen basiert: hohen Wachstumsraten und der Schaffung von Arbeitsplätzen. In der Türkei sind allein in den vergangenen zwölf Monaten 1,5 Millionen neue Jobs entstanden. Auf der anderen Seite hat sich die AKP immer sehr wenig Gedanken über die Inflation gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Erdogan hat neulich sehr eigenwillige Ansichten verbreitet, wie es zu der zuletzt in die Höhe geschnellten Inflation gekommen ist: Der Präsident gab der Zentralbank die Schuld dafür. Er sagte: "Je niedriger die Zinsen sind, desto niedriger wird die Inflation sein." Tatsächlich ist es nach der ökonomischen Lehre genau anders herum. Wieso hat dieses Zitat die Märkte so erschreckt?

Ash: Erdogans Ansichten sind seit Jahren bekannt, das war nichts Neues. Entscheidend war aber, wo er das gesagt hat. Normalerweise war das immer seine Rhetorik für den internen Gebrauch: So hat er zu seinen Anhängern in der Türkei gesprochen. Aber die Finanzpolitik folgte dann doch den Ökonomie-Lehrbüchern. Völlig unerwartet war nun, dass er so etwas diesmal in London behauptete, vor Investoren. Niemand im Markt teilt diese Ansichten. Das war ein Schock.

SPIEGEL ONLINE: Er hat danach versucht, die Aussage abzuschwächen. Kurz darauf hob die Zentralbank endlich den Leitzins an, um die Lira zu stützen und die Inflation zu dämpfen. Wie glaubwürdig ist Erdogans Sinneswandel?

Ash: Ich bin mir sicher, dass er seine Ansichten nicht verändert hat. Die Vergangenheit zeigt aber auch, dass Erdogan recht pragmatisch agieren kann. Wann immer die Lira in den vergangenen Jahren unter Druck geriet, hat er sich schlussendlich den Märkten gebeugt. Die Türkei zahlt aber die Kosten für die zu späte Intervention: Die Inflation ist stärker gestiegen, als nötig gewesen wäre.

SPIEGEL ONLINE: Könnten die Wirtschaftsturbulenzen Einfluss auf das Wahlergebnis haben?

Ash: In der Türkei gilt bei Wahlen traditionell immer: It's the economy, stupid! (Auf Deutsch: Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!) Bislang war die AKP in diesem Bereich immer sehr erfolgreich. Eine schwache Währung lässt die Leute nun denken, dass sie ärmer sind.

SPIEGEL ONLINE: Sollte Erdogan verlieren: Ist vorstellbar, dass er seinen Posten einfach abgibt?

Ash: Ich denke, er würde das tun. Oppositionskandidat Muharrem Ince hat gesagt, er wünsche ihm einen glücklichen Ruhestand. Fürchten muss er eigentlich nicht viel. Erdogan hat eine starke, ihm sehr ergebene Basis, rund 40 Prozent der Bevölkerung. Wer immer die Mehrheit bei den Wahlen erringen würde, gegen Erdogan vorzugehen wäre gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Erdogan-Gegner denn nach 15 Jahren in der Opposition noch fähige Wirtschaftspolitiker, die das Land durch eine Krise steuern könnten?

Ash: Absolut: Da ist zum Beispiel Durmus Yilmaz. Er war bis 2011 Chef der Zentralbank, der beste Notenbanker, den das Land jemals gehabt hat.

SPIEGEL ONLINE: Unter früheren AKP-Regierungen boomten die Direktinvestitionen aus dem Ausland in die Türkei. Inzwischen fließen sie nur noch spärlich. Kann man datieren, wann die Stimmung unter internationalen Investoren gekippt ist?

Ash: Es geht bergab seit Ende 2012, 2013. Die Wirtschaftspolitik ist unorthodoxer geworden seither, die Zentralbank ist weniger berechenbar.

SPIEGEL ONLINE: Vor zwei Jahren hat sich Erdogan nach einer Herabstufung der Türkei einen öffentlichen Schlagabtausch mit den US-Rating-Agenturen geliefert. Als Analyst haben Sie damals die Türkei als lohnendes Investment verteidigt. Zeigt die heutige Entwicklung nicht, dass Sie falsch lagen?

Ash: Diese Bonitätsnoten betreffen ja die Wahrscheinlichkeit, dass ein Land seine Schulden zurückzahlt. Die Türkei hat nie Bankrott erklärt. Die Regierungen haben es in der letzten schweren Krise 2001/2002 vorgezogen, ihre Schulden zu begleichen. Ich bleibe deshalb dabei: Die Einstufung der Türkei ist unfair schlecht. Aber ich stimme zu, dass sich die Investmentstory Türkei deutlich verschlechtert hat.

SPIEGEL: Trauen Sie sich eine Prognose zu, wer die Wahlen gewinnt?

Ash: Das ist die engste Wahl seit langer Zeit. Viele glauben, dass die Opposition das Parlament gewinnt, aber Erdogan die Präsidentschaft. Ich wäre aber auch nicht überrascht, wenn die Opposition beides gewinnt. Erdogan kann die Wahl verlieren.

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