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10. Mai 2018, 22:31 Uhr

Türkische Wirtschaft

Mehr Angst vor dem Abschwung als vor Terror

Von , Istanbul

Währungsverfall, Inflation, Jugendarbeitslosigkeit - die Wirtschaftsprobleme der Türkei häufen sich. Gefährdet der Abschwung die Wiederwahl von Präsident Erdogan im Juni?

Lange Zeit stand Murat Ülker für die Wirtschaftskraft der Türkei: Er baute Yildiz, einen Istanbuler Familienbetrieb, zu einem der weltweit größten Lebensmittelkonzerne aus, kaufte den belgischen Schokoladenhersteller Godiva - und wurde zum reichsten Mann des Landes. Die Zeitschrift "Forbes" schätzt sein Vermögen auf mehr als vier Milliarden Euro.

Nun aber steht Ülker für die wirtschaftlichen Probleme des Landes: Der Milliardär gab im März bekannt, mit mehreren Banken über eine Umstrukturierung von etwa sechs Milliarden Euro Schulden zu verhandeln, die sein Konzern angehäuft hat.

Ülker ist nicht der einzige türkische Unternehmer, der in Finanznot geraten ist. Türkische Firmen haben fast 200 Milliarden Euro Schulden angehäuft, ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die türkische Wirtschaft rutscht, eineinhalb Monate vor den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen am 24. Juni, immer tiefer in die Krise.

Zwar ist das BIP in der Türkei 2017 noch um 7,4 Prozent gewachsen, stärker als in fast jedem anderen Industrieland. Aber der Erfolg war teuer erkauft: Präsident Recep Tayyip Erdogan hat Milliarden in die türkische Wirtschaft gepumpt, wodurch die Inflation auf über zehn Prozent angestiegen ist. Die Lira ist im Vergleich zum Euro so schwach wie nie zuvor. Jedes vierte Bürogebäude in der Türkei steht leer. Jeder fünfte junge Türke ist ohne Arbeit. "Die türkische Wirtschaft ist gedopt", kritisiert der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez.

Das Geld für die vielen teuren Infrastrukturprojekte, mit denen Erdogan die Konjunktur befeuert hat, kam oft aus dem Ausland. Nun jedoch wenden sich Investoren, verschreckt vom Ausnahmezustand, der seit dem Putschversuch vom Sommer 2016 gilt, und von Erdogans Konflikten mit Europa und den USA, von der Türkei ab. "Die externen Schulden der Türkei machen das Land anfällig für Schocks", warnt der Internationale Währungsfonds (IWF).

Für Erdogan werden die schlechten Wirtschaftszahlen zunehmend zum Problem. Eine Mehrheit der Bürger in der Türkei hat ihn bislang nicht wegen dessen nationalistischer Agenda oder den islamistischen Parolen unterstützt, sondern wegen des Versprechens auf Wohlstand. Unter Erdogan ist in Anatolien eine Mittelschicht entstanden, die jetzt um ihren Lebensstandard bangt.

Die konstant hohe Inflation wirkt sich unmittelbar auf den Alltag der Menschen aus: Die Preise für Lebensmittel, für Benzin, für Kleidung sind stark gestiegen. In der Schwarzmeerregion, wo eine Mehrheit der Menschen nach wie vor von der Landwirtschaft lebt, werden Bauern ihre Produkte nicht mehr los. Urlauber stornieren Reisen nach Europa, da sie sich diese aufgrund des Wechselkurses nicht mehr leisten können. Die Preise für Rohgüter sind um 18 Prozent gestiegen, was dazu führt, dass die Industrie Arbeitsplätze abbaut, um Kosten zu senken.

"Ökonomische Ungleichgewichte"

In einer Umfrage nannte noch im Januar ein Drittel der Türken, den Terror als größtes Problem des Landes. Dieser Wert ist inzwischen auf 18 Prozent gefallen. Die Hälfte der Bürger betrachtet jetzt die Wirtschaft als wichtigstes Thema. Wie groß der Unmut über die Regierung ist, zeigte sich Mitte der Woche: Millionen Menschen teilten auf Twitter das türkische Wort für "genug" - tamam -, nachdem Erdogan in einer Rede gesagt hatte, dass er sich aus der Politik zurückziehe, sollte das Volk "genug" von ihm haben.

Im Präsidentenpalast in Ankara breitet sich Panik aus. Erdogan trommelte am Mittwoch Wirtschaftspolitiker und Vertraute zu einer Krisensitzung zusammen. Seine Regierung erklärte, Inflation und Währungsverfall stoppen zu wollen, verriet jedoch nicht, wie.

Experten sind sich einig, dass die türkische Zentralbank die Zinsen heben müsste, um die Lira zu stabilisieren. Erdogan hat sich dagegen jedoch bislang gewehrt, da er mit Wachstumszahlen protzen möchte. Er versucht stattdessen, die Sorgen der Bürger durch Geschenke zu zerstreuen. Seine Regierung hat im Wahlkampf ein "Konjunkturpaket" in Höhe von rund fünf Milliarden Euro angekündigt. So sollen unter anderem zwölf Millionen Rentner an den beiden wichtigsten religiösen Feiertagen im Jahr jeweils 2000 Lira (rund 400 Euro) erhalten.

Die Märkte geben sich von dem Programm unbeeindruckt. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Türkei gerade erst ein weiteres Mal herabgestuft. "Die türkische Regierung heizt die Konjunktur im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen weiter an und akzeptiert dafür ökonomische Ungleichgewichte", schreiben die Analysten. Erdogan selbst spricht von einer Verschwörung gegen die Türkei.

Beobachter gehen davon aus, dass Erdogan die Wahlen auch deshalb um eineinhalb Jahre vorgezogen hat, weil er einem Crash zuvorkommen wollte. Die Regierung werde die Wirtschaft wohl noch einige Wochen und Monate am Laufen halten können, glaubt der Istanbuler Wirtschaftsprofessor Seyfettin Gürsel. "Richtig bitter", sagt er, "wird es erst nach dem 24. Juni."

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