Erdogan treibt Umbau voran Türkische Zentralbank entlässt Chefökonom

Vor einem Monat entließ der türkische Präsident Erdogan den Zentralbankchef - nun müssen Berichten zufolge weitere Führungskräfte gehen. Auch der angesehene Chefökonom wurde offenbar geschasst.

Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan: Die Chefetagen in der Zentralbank sind Schauplatz umfassender Personalwechsel
Umit Bektas / REUTERS

Türkischer Präsident Recep Tayyip Erdogan: Die Chefetagen in der Zentralbank sind Schauplatz umfassender Personalwechsel


Rund einen Monat nach der Entlassung des türkischen Zentralbankchefs Murat Cetinkaya müssen offenbar wichtige Führungskräfte die Institution verlassen. Darunter ist auch Hakan Kara, der Chefökonom der Zentralbank, berichten die Nachrichtenagenturen Bloomberg und Reuters übereinstimmend unter Berufung auf ihnen vorliegende interne Dokumente sowie Insider. Außer Kara sind demnach mindestens acht weitere hochrangige Zentralbanker entlassen worden.

"Sein Abgang ist ein riesiger, riesiger Verlust", sagte der Ökonom und Türkei-Experte Timothy Ash von Blue Bay Asset Management der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Entlassung sei unverständlich. Kara sei "das Rückgrat" der Forschung bei der Zentralbank gewesen, so Ash.

Auch türkische Ökonomen kritisierten die jüngsten Abgänge. Sie würden nicht nur eine schlechte Geldpolitik nach sich ziehen, sondern auch dafür sorgen, dass es in der Zentralbank niemanden mehr gebe, der für einen richtigen Kurs eintrete, schrieb Refet Gurkaynak auf Twitter, ein Ökonom der Bilkent-Universität in Ankara.

Ein Großteil der nun Entlassenen ist laut Bloomberg von Cetinkaya zur Zentralbank geholt worden, der im April 2016 an die Spitze gerückt war. Das trifft jedoch nicht auf Kara zu, der bereits vor dem Amtsantritt Cetinkayas den Posten des Chefökonomen innehatte.

Die Entlassung Cetinkayas durch Präsident Recep Tayyip Erdogan Anfang Juli war von Ökonomen und der Opposition scharf kritisiert worden. Wenige Tage danach hatte Erdogan angekündigt, die Zentralbank "vollständig überarbeiten" zu wollen. Der Präsident verlangt niedrigere Zinsen, um die Wirtschaft anzukurbeln. Cetinkaya hatte sich angesichts der ohnehin hohen Inflation geweigert.

Der neue Zentralbankchef Murat Uysal senkte umgehend den Leitzins um 4,25 Prozentpunkte auf 19,75 Prozent. Die Inflationsrate betrug im Juli 16,7 Prozent.

fdi

insgesamt 45 Beiträge
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philipkdi 09.08.2019
1. Da sind alle gleich
Alle Populisten dieser Welt greifen gerne in die Schatullen ihrer Zentralbanken. Für (fast?) alle wird es der nächste Schritt zum Abgrund sein. Und die Welt schaut zu. Shame on you!
thoscha 09.08.2019
2.
Was für ein armseliger Präsident Erdogan doch ist. Er kann nur gegen diejenigen vorgehen, die sich durch seine kreierte Atmosphäre aus Verleumdung, Drohungen und Gewalt - vor lauter Angst nicht mehr wehren. Aber es ändert nichts an der Tatsache, das er einmal als armseliges Produkt seiner eigenen Überschätzung enden wird, mitsamt seinem korrupten Familienclan! Die Türkei ist zu bemitleiden und wird die Rechnung dafür noch lange danach bezahlen müssen.
spon-facebook-10000671518 09.08.2019
3. Erdogan Bashing
Langsam geht mir der Privatkrieg zwischen Spiegel Online und Erdogan auf den Nerv. Erwähnt doch mal, dass durch die Zinssenkung der Lira massiv wieder an Wert gewonnen hat.
decathlone 09.08.2019
4. Nach dem Austausch der Spitze der türk. Notenbank...
... haben die Gesetze der Volkswirtschaftslehre (und der Schwerkraft) keine Gültigkeit mehr - jedenfalls im Sultanat Erdogan. Und siehe, ich führe Euch goldenen Zeiten entgegen...
cemalaslan01 09.08.2019
5. Zurück in die Vergangenheit
Einst beschwor Helmut Schmidt nicht zu sehr sich wirtschaftlich abhängig von der Türkei zu machen. Damals nannte er den Staat natürlich auch mit anderen. Jedoch war seine Aussage, wie viele seiner Entscheidungen, klug und weitsichtig. Unser nationales wirschaftliches Interesse hängt eng mit der Türkei verbunden. Ein Umstand den man auf langer Sicht herunterfahren muss nach den wirtschaftlichen Zuständen. Auch die Qualität der Arbeiter und das Know-how wird abnehmen af langer Sicht, da es nicht mehr auf das Wissen ankommt sondern nur viele Geschichten und Verse man aus einem Buch rezitieren kann, was mit der Leistungsschöpfung einer Gesellschaft wenig zu tun hat
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