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29. Januar 2014, 07:27 Uhr

Zinserhöhung in der Türkei

Ankara kämpft gegen den Währungsabsturz

Von , Istanbul

Die türkische Zentralbank hat in einer Krisensitzung den Leitzins unerwartet drastisch angehoben. Damit reagierten die Währungshüter in Ankara auf den Absturz der Lira auf ein Rekordtief. Das dürfte jedoch nicht genügen, um die hohe Inflation einzudämmen.

Vergangene Woche noch hatten Notenbankchef Erdem Basci und seine Mitarbeiter entschieden, den Zinssatz nicht zu erhöhen, sondern bei 4,5 Prozent zu belassen - obwohl die türkische Lira sich im freien Fall befand. In der Folge stürzte die Währung weiter ab.

Anfang der Woche sahen sich die Notenbanker zum Handeln gezwungen und beriefen für Dienstagabend eine Krisensitzung ein. Aus Furcht vor einem weiteren Wertverfall und in der Folge steigenden Preisen hoben sie den Leitzinssatz drastisch an: von bislang 4,5 Prozent auf zehn Prozent. Der Satz, zu dem sich die Banken über Nacht Geld bei der Zentralbank leihen können, wurde am Dienstagabend von 7,75 auf zwölf Prozent angehoben. In Folge der Entscheidung stieg der Kurs der Lira gegenüber dem Dollar um drei Prozent.

Inflation soll sich in der zweiten Hälfte verlangsamen

Schon in den zurückliegenden zwölf Monaten war der Kurs gegenüber Euro und Dollar um etwa ein Viertel gesunken. Das Aufkaufen von Lira durch die Zentralbank im Wert von zwei Milliarden Dollar war zuvor ohne Wirkung geblieben. Ihr Verzicht auf eine Zinserhöhung in der vergangenen Woche beschädigte die Glaubwürdigkeit der Notenbanker, sie standen hilflos da im Kampf gegen den Kursverfall ihrer Währung.

Nun änderte Notenbankchef Basci seinen Kurs: Vor der Zinsentscheidung am Dienstag hatte er eine Anhebung der Zinssätze angedeutet. Die Zentralbank werde "alle verfügbaren Instrumente nutzen", um die Lira zu schützen, hatte er gesagt. Beobachter hatten das als Kurswechsel gedeutet und waren davon ausgegangen, dass es doch noch zu höheren Zinssätzen kommen würde. Eine solch drastische Erhöhung hatte allerdings niemand vorausgesagt.

Die Zentralbank hat auch die Prognosen für die Inflation in der Türkei korrigiert. War sie bislang noch von einer Teuerungsrate von durchschnittlich 5,3 Prozent in diesem Jahr ausgegangen, rechnet sie nun mit Preissteigerungen in Höhe von 6,6 Prozent. Ziel sei es, die Inflation in der zweiten Jahreshälfte zu verlangsamen.

Ob die Zinserhöhung diese Entwicklung nachhaltig stoppen kann, ist ungewiss. Denn der bisher niedrige Zinssatz ist nur ein Grund für die Schwäche der Lira. Die Erhöhung kommt spät, der Notenbank wird nachgesagt, diesen Schritt aufgrund politischen Drucks nicht früher gewagt zu haben. Premierminister Recep Tayyip Erdogan gilt als Gegner einer Zinserhöhung, niedrige Zinsen sollten nach seinem Willen die in den vergangenen Jahren boomende Wirtschaft weiter beflügeln. Zudem sind Ende März Kommunalwahlen in der Türkei, von denen ein Signal für die politische Zukunft des Landes erwartet wird - kein geeigneter Zeitpunkt, um die Kreditaufnahme zur Finanzierung der Wirtschaft zu verteuern.

Ein weiterer Grund für die schwächelnde Währung ist die instabile politische Lage. Ein Korruptionsskandal, der Erdogan gezwungen hatte, im Dezember mehrere Minister auszutauschen, ist noch längst nicht beendet. Erdogan steht trotz seiner durchaus erfolgreichen Amtszeit von elf Jahren beschädigt da und legt immer häufiger autoritäre Züge an den Tag, insbesondere nach den Gezi-Protesten im vergangenen Sommer.

Die Türkei hat auf Pump gelebt

Die negative Entwicklung des Wechselkurses hat in dieser Situation eine Eigendynamik entwickelt, die nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist. Eine Stabilisierung der Lira durch die Zinserhöhung dürfte nicht dauerhaft sein, wenn sich nicht zugleich die politische Lage bessert. Selbst höchste Zinssätze werden keinen Investor davon überzeugen, in ein politisch instabiles Land zu investieren.

Ein dritter Grund ist der neue Kurs der US-Notenbank, die Menge an Dollar zu reduzieren und die Zinssätze wieder steigen zu lassen. Jahrelang hatten das starke Wachstum der türkischen Wirtschaft ausländisches Kapital dorthin fließen lassen. Die Türkei lebte auf Pump, sie importierte viel mehr als sie exportierte. Niemanden störte dieses Leistungsdefizit.

Aber kaum sank durch die US-Entscheidung die verfügbare Geldmenge, zogen ausländische Geldgeber ihr Kapital ab. Das ist eine Entwicklung, unter der nicht nur die Türkei, sondern nahezu alle Schwellenländer leiden. Auch die Währungen in Argentinien, Brasilien, Indien und Südafrika haben in den vergangenen Monaten zum Teil kräftig an Wert verloren. Zuletzt hoben auch Indiens und Brasiliens Notenbanken die Zinssätze an.

Die Regierung in Ankara ist zuversichtlich, dass die Wirtschaft weiterhin stark wachsen wird. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci sagte kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, "die ganze Welt" profitiere von der "Stabilität und Robustheit" der türkischen Wirtschaft. Das Land habe bewiesen, dass es ökonomische und finanzielle Schwierigkeiten bewältigen könne.

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