Niedersachsen Landesregierung greift in TUIfly-Chaos ein

Wegen fehlender Crews bleibt die Flotte des Ferienfliegers TUIfly weitgehend am Boden, Tausende Fluggäste sind betroffen. Nun schaltet sich das Land Niedersachsen ein.

Check-In-Schalter von Tui
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Check-In-Schalter von Tui


Nach massiven Flugausfällen beim Ferienflieger TUIfly und zum Teil auch bei seinem Partner Air Berlin schaltet sich nun die Politik ein. Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hat alle Beteiligten für Freitagabend zu einem "Runden Tisch" mit Unternehmens- und Belegschaftsvertretern der Tuifly geladen. Mit dabei sein sollen Vertreter der Geschäftsführung, des Aufsichtsrats, des Flughafens, der Gewerkschaft Ver.di sowie der Pilotenvereinigung Cockpit, sagte Ministeriumssprecherin Sabine Schlemmer-Kaune.

Die Kritik an der Praxis der TUIfly, betroffene Passagiere mit Hinweis auf höhere Gewalt nicht zu entschädigen, nimmt derweil immer weiter zu. "Diese Argumentation ist für uns nicht nachvollziehbar: wir erkennen nicht, warum die Folgen der Flugausfälle auf die Reisenden abgewälzt werden", sagte die Ministeriumssprecherin, die TUI zu mehr Kulanz riet. Eine Konzernsprecherin hatte zuvor betont: "Die massenhaften und äußerst kurzfristigen Krankmeldungen sind ein außergewöhnlicher und nicht vermeidbarer Umstand im Sinne von höherer Gewalt."

Kritik kam auch vom Tourismusforscher Torsten Kirstges, der den TUIfly-Mutterkonzern TUI vor einem Imageschaden warnte. Mit Blick auf die Entschädigungsfrage sagte er: "Da hätte man sich besser bedeckt gehalten." Er gehe davon aus, dass die Gesellschaft entsprechende Prozesse verlieren werde und dann doppelt am Pranger stehe. Nach seiner Einschätzung liegt die ausreichende Personalausstattung in der Verantwortlichkeit des Arbeitgebers. Tausende Kunden seien betroffen und zu Recht verärgert: "Sie führen die Unannehmlichkeiten direkt auf die TUI als Veranstalter zurück, weil der ja schließlich auch seine eigene Fluggesellschaft einsetzt."

Reisebüros fordern Kulanz

Bisher habe man rund 500 Ansprüche auf Ausgleichszahlung verärgerter Kunden auf dem Tisch, sagte der Geschäftsführer des Flugrechteportals Flightright, Philipp Kadelbach, dem "Südkurier". Sollte es weiter zu Flugausfällen kommen, rechne man innerhalb kurzer Zeit mit 1500 bis 2000 weiteren Anträgen. Mehr Kulanz fordern auch die Reisebüros, die für tausende Urlauber Stornierungen oder Umbuchungen vornehmen müssen, ohne dass der Mehraufwand vergütet wird.

"Wir versuchen alles, um die Auswirkungen auf die Fluggäste so gering wie möglich zu halten", sagte TUIfly-Aufsichtsratschef Henrik Homann der "Bild"-Zeitung. "Wir wissen, dass das leider momentan nicht bei allen Kunden gelingt." Piloten müssten keine Einbußen durch neue Verträge fürchten. "Die Firma bleibt bestehen, die TUIfly behält ihren Sitz in Deutschland, die Tarifverträge bleiben bestehen."

Vor einer Woche war bekanntgeworden, dass TUIfly in eine neue Dachholding mit Etihad integriert werden soll. Arbeitnehmervertreter befürchten Job-Verluste. Seitdem führen kollektive Krankmeldungen der Besatzungen zu zahlreichen Flugausfällen und massiven Verspätungen. Betroffen war und ist auch Air Berlin. Dort drohen weitere Ausfälle, denn ein Drittel der TUI-Flotte fliegt samt Crew für die Berliner.

Entscheidung verschieben

Niedersachsens Wirtschaftsminister will beim "Runden Tisch" darauf hinwirken, dass die für Ende Oktober geplante Entscheidung über die beabsichtigte Holding auf ein späteres Datum verschoben wird, sagte die Sprecherin. "Das Treffen soll deeskalierend wirken und den Druck aus der Situation herausnehmen; es geht darum, dass die Akteure sich austauschen über ihre Ängste und Nöte."

TUIfly versucht mit gemieteten Maschinen und Crews einen Teil der Flugausfälle aufzufangen. TUIfly hatte zunächst mitgeteilt, den Flugbetrieb Freitag weitgehend einzustellen. 108 Flüge sollten demnach ausfallen; gut 9000 Passagiere seien betroffen.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach von einer inakzeptablen Situation. "Die Airlines müssen ihrer Verantwortung gegenüber den Fluggästen nachkommen", sagte er der "Bild"-Zeitung. Auf Unverständnis stießen die TUIfly-Turbulenzen auch in der Heimat Hannover. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer der niedersächsischen Metallarbeitgeber, sprach von einer "Form des versteckten Arbeitskampfes" und meinte: "Hier wird quasi gestreikt." Krankheit werde offensichtlich instrumentalisiert, um gegen mögliche unternehmerische Beschlüsse zu revoltieren.

Im Video: Fluggäste über die Ausfälle bei TUIfly

REUTERS

mik/dpa



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Pfuerzken 07.10.2016
1. Ein Wilder Streik.....
...ist als Streik schwer nachweisbar. Zurecht wehren sich hier solidarisch alle Mitarbeiter dieser Fluggesellschaft, zeigen dabei, was solidarität bewirken kann. Arbeit hat im allgemein ein Ramschniveau erreicht, wenn es darum geht, faire und sozial gerechte Löhne zu zahlen! Dem ganzen ist es der Geiz ist Geil Mentalität geschuldet, und dem, dass viele Branchen auf einen Niedriglohnsektor setzen.....was sicherlich die Billigflug -Sparte erst hat so groß werden lassen. Es tut gut zu sehen, dass es solidarität in einem Unternehmen gibt, vor allem aber nicht als kleiner Gehilfe des Kapitals jede Unternehemenspolitische Entscheidung alternativlos hinzunehmen. Alle die, die jetzt Meckern, dass ganze war seit Anfang der Woche schon absehbar, Zeit genug zum umbuchen war da! Es geht immerhin um mehr, als nur um TUI, es geht auch um den rücksichtslosen Umgang von Management und Arbeitern eines Unternehmens!
shardan 07.10.2016
2. Bärendienst
Die Crews erweisen sich einen Bärendienst, TUI hat dümmlich gehandelt. Die Verärgerung bei den Kunden ist massiv, die Zurückhaltung bei den potentiellen Kunden ist im Moment riesig. Beides ist in unserem hauseigenen Reisebüro deutlich spürbar. Das Tagesgeschäft ist kaum noch umsetzbar, die TUI-Kunden stehen Schlange. Dies wird einen bleibenden Eindruck hinterlassen, bei Kunden wie Reisebüros. Was TUI erreichen will... was die Crews erreichen wollen.... so erreichen beide nur eines: das Geschäft wird schlechter. TUI hat ein Standardprogramm, und andere Väter haben auch schöne Töchter. Die Reaktion der TUI, Reisende aus jeder Entschädigung auszugrenzen, ist auch nicht sonderlich klug. Alles in Allem erweisen sich TUI genau wie die Crews hier einen dümmlichen Bärendienst. Das hätte man wohl anders regeln können - und müssen.
herakles1963 07.10.2016
3. TUI-Virus oder doch kollektive Depression...
Sollte heute von Köln nach Heraklion. Morgen auf Kreta auf ne Hochzeit. Nicht einzurechnen diverse Stornierungen vor Ort. Es gibt weder ein TUI- Virus oder ne kollektiv ansteckende depressive Verstimmung sondern das ist ein hausgemachtes Management-Problem. Insofern werde ich notfalls auch gerichtlich überprüfen lassen ob außer dem zu erstattenden Ticketpreis von knapp 600 € für einen Hinflug für 2 Personen die gültige europäische Schadensersatzregelung greift (2x 400€). Kann nur jedem Betroffenen dringend raten Ansprüche geltend zu machen. Genauso wenig wie ich diesen "wilden Streik" der TUI - Crews als persönlichen Angriff auf mich werte, ist dies sicher kein persönlicher Angriff auf die Menschen am anderen Ende der Tastatur bei TUIFLY. Aber meine Stimmung ist verständlicherweise mehr als getrübt, wenn ich nicht mal 12 Std. vorher von der Annullierung des Fluges erfahre. Informationspolitik bzw. Konsequenz aus dem sich abzeichnenden Desaster geht meiner Meinung gegen null. Es spielt im Übrigen keine Rolle, was TUI-Sprecher bezüglich einer Entschädigung von sich geben. Entscheiden werden das wohl Gerichte, und um weiteren Imageschaden abzuwenden kann man dem Management von TUIFLY nur raten sich kulant zu verhalten. Die Börse hat ja wohl schon reagiert.
josh_nesseldreher 07.10.2016
4.
Unabhängig davon, wie man das Geschäftsgebaren von Tuifly bewertet. Dies ist ein wilder Streik. Ausgenutzt wird dabei eine Praxis, die in Deutschland schon längst auf den Prüfstand gehört: Das Krankschreiben durch Ärzte. Längst haben Ärzte damit aufgehört, tatsächlich zu prüfen, ob ein Patient arbeitsfähig ist oder nicht. Man muss heute auch nicht mehr länge um den heissen Brei herumreden. Ein kurzer Einschub, dass man sich so fühlt, dass man eine Woche nicht mehr arbeiten kann und schon kommt der Krankenschein. Wer länger krank geschrieben werden möchte, muss nur auf Arbeitsdruck, Stress u.ä. verweisen, und schon kommen 3 bis 4 Wochen zusammen. Im Falle von Tuifly wird dies nun für das Unternehmen existenzbedrohend. Es ist an der Zeit, dass diese Praxis unterbunden wird.
INGXXL 07.10.2016
5. #1 Genau sie sagen am besten Umbuchen. Auf Ryanair
Airberlin und Tuifly sind einfach man Ende Ryanair reibt sich die Hände. Die Iloten bei Tuifly sind einfach überbezahlt. 80 T pro Jahr ist auch genug.
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