Stefan Schultz

Ethik der Share Economy Anleitung für den Uber-Menschen

Stefan Schultz
Ein Essay von Stefan Schultz
Dienste wie der Taxischreck Uber und der Bettenvermittler Airbnb stellen den Konsumenten vor schwierige ethische Abwägungen. Ist diese neue Kultur des Teilens jetzt gut - oder doch verwerflich? Vom Versuch, eine Haltung zu entwickeln.
Uber-Chef Kalanick: Von Raubvögeln und Lämmern

Uber-Chef Kalanick: Von Raubvögeln und Lämmern

Foto: Andrew Gombert/ picture alliance / dpa

Ich habe Uber in den USA ausprobiert. Und: Es war toll. Ein Tipper auf den Handybildschirm, und nach fünf Minuten kam statt eines speckigen Chevrolet Caprice ein weißer Toyota Prius. Der Fahrer war ausgesprochen nett, die Fahrt kostete nicht einmal halb so viel wie mit dem Taxi.

Ähnlich positiv war meine erste Erfahrung mit Airbnb. Wir wohnten auf dem Bauernhof einer freundlichen alten Griechin, fernab der mit Hotels zugepflasterten Strandpromenaden, auf einer kleinen, unbekannten Insel. Unsere Gastgeberin schenkte uns Gemüse aus ihrem Garten und manchmal Eier, die ihre Hühner gerade frisch gelegt hatten.

Und trotzdem hatte ich in beiden Fällen ein schlechtes Gefühl. Hatte ich einfach nur die Vorzüge einer neuen, effizienten Technik genossen? Oder mich irgendwie doch auf Kosten der Gesellschaft bereichert?

Es gibt eine Reihe von Dienstleistungsvermittlern wie Airbnb und Uber, ihre Zahl dürfte rasch wachsen. Das Hauptproblem ist, dass wir uns zu wenig Gedanken über sie machen. Man sollte sich bewusst machen, was die gesellschaftlichen Folgen solcher Geschäftsmodelle sind. Ebenso wie man sich bewusst machen sollte, unter welchen Arbeitsbedingungen die Turnschuhe fabriziert werden, die man sich kauft. Oder wie die Tiere gehalten werden, deren Fleisch im Supermarkt in der Theke liegt.

Utopie einer neuen Gesellschaft

Die Firmenphilosophie von Airbnb und Uber lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

Punkt eins: Die Firmen sehen sich als sogenannte disruptive Unternehmen. Als Firmen also, die mit Innovationen alte Geschäftsmodelle zerstören - und stolz darauf sind. So wie Apple mit dem iPhone die Handybranche revolutioniert und dabei Nokia und Blackberry plattmacht, will Uber die Taxibranche neu gestalten und Airbnb die Hotelbranche. Dabei gehen vielleicht ebenfalls ein paar Firmen drauf, doch für den Kunden soll alles günstiger und besser werden. Wenn ich an den weißen Prius und die griechische Oma denke, muss ich dem bedingungslos zustimmen.

Punkt zwei: Uber und Airbnb erklären sich zu den Vorreitern einer neuen, nachhaltigeren Gesellschaftsordnung, in der alle alles teilen. Am Ende sollen wir dadurch weniger Ressourcen verbrauchen und uns insgesamt mehr leisten können. Share Economy wird dieses Modell genannt, das neben Airbnb und Uber noch eine Reihe weiterer Firmen anpreisen.

Auch das ist für sich genommen unterstützenswert. Zwar ist die Share Economy noch immer kein Schlaraffenland. Schließlich sind ihre großen Profiteure noch immer jene, die etwas haben, das sie gegen Gebühr mit anderen teilen können. Doch die Idee, dass wir insgesamt weniger Ressourcen verbrauchen, ist im Kern eine gute.

Neu ist sie indes nicht. Vor Uber gab es schon die gute alte Mitfahrzentrale, vor Airbnb die private Zimmervermittlung. Die stehen sicher nicht im Verdacht, die Gesellschaft zersetzen zu wollen. Warum halten Kritiker sie für gut, Airbnb und Uber aber für böse?

Eine Erklärung: Beide Firmen bekennen sich, und das ist Punkt drei, offensiv zu einer libertären Ideologie. Bei Uber lautet sie: "Je weniger Regeln, desto besser". Bei Airbnb: "Je weniger veraltete Regeln, desto besser." Die selbstbestimmten Handlungen aller Individuen lenken die Gesellschaft insgesamt in eine positive Richtung.

Ein reichlich optimistisches Menschenbild - dem die Taten von Uber und Co. entgegenstehen.

Airbnb ist im Kern eine Zimmervermittlung, ignoriert aber die branchenüblichen Vorschriften für Brandschutz und Hygiene. Uber ist im Grunde ein Taxiunternehmen, doch eine Taxilizenz haben die Uber-Fahrer nicht. Entsprechend müssen sie keine Versicherungen abschließen, keine Lizenzgebühren zahlen - und sind daher günstiger als Taxen.

An diesem Punkt stutzte ich das erste Mal. Wenn Firmen andere Firmen mit besseren Produkten plattmachen, dann geht das schon in Ordnung. Wenn sie nur billiger als die Konkurrenz sind, weil sie auf Sicherheit und Hygiene pfeifen, dann ist das schon nicht mehr so sympathisch. Es erinnert vielmehr an Pferdefleischpanscherei und Hungerlohnfabriken in Kambodscha.

Die dunkle Seite von Uber und Co.

Thomas Beschorner, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen, würde dieser These zustimmen. Er kann noch mehr Beispiele dafür aufzählen, was an Uber und Co. alles auszusetzen ist.

Die Firmen erschweren demnach den gleichberechtigten Zugang zu Wohnraum und Mobilität. Bei Uber ist der Preis für eine Fahrt durch Angebot und Nachfrage geregelt, nicht mehr wie beim Taxi durch fixe Tarife. Das kann dazu führen, dass Kranke sich bei einem Unwetter die Fahrt zum Arzt nicht mehr leisten können und ältere Leute nicht mehr die Fahrt vom Supermarkt nach Hause. Airbnb verschärft in manchen Städten die Wohnungsnot, da immer mehr Eigentümer ihre Wohnungen lieber als private Hotelräume anbieten, statt sie dauerhaft zu vermieten.

Die Firmen erhöhen zudem die Sicherheitsrisiken. In San Francisco fuhr ein Uber-Fahrer in der Silvesternacht ein sechsjähriges Mädchen an, es starb . Solch schreckliche Unfälle passieren zwar auch Taxifahrern; doch die sind zumindest versichert. Der Uber-Fahrer war es nicht. Die Firma selbst will die Familie der Sechsjährigen ebenfalls nicht entschädigen: Sie sieht sich nur als Plattform. Die Familie hat Uber verklagt.

Die neuen Plattformen untergraben zudem das Arbeitsrecht. Wer über Dienste wie Uber und Airbnb seinen Lebensunterhalt bestreitet, dem droht eine prekäre Solo-Selbstständigkeit ohne Tariflohn, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Reiner Hoffmann, der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbunds, spricht von "moderner Sklaverei". Für einen Taxifahrer, der unter ähnlich bitteren Bedingungen arbeitet, mag das zynisch klingen. In der Tourismusbranche dagegen sind die großen Hotelkonzerne paradoxerweise die besten Freunde der Gewerkschafter: In einem Betonklotz der Hilton-Kette werden die Angestellten sicher auch ausgebeutet, es dürften aber noch immer bessere Arbeitsbedingungen herrschen als in der Pension einer griechischen Oma, die ihr Personal im Zweifel schwarz beschäftigt.

Die Portale öffnen schließlich neue Steuerschlupflöcher. Im Extremfall könnte ein Hartz-IV-Empfänger seine vom Jobcenter bezahlte Wohnung untervermieten und nebenher via Uber schwarz Taxi fahren. Die Plattformen selbst betonen, Vermieter und Fahrer seien verpflichtet, ihre Einkünfte ordnungsgemäß zu versteuern. Doch die Kontrolle überlassen sie gänzlich dem Staat. Ein Mitarbeiter des Finanzministeriums räumte gegenüber dem SPIEGEL ein, wie schwer sich der Staat mit der Überwachung der neuen Plattformen tut.

Beschorner warnt deshalb vor Uber und Airbnb. "Um ihre Profite zu maximieren, hebeln die Firmen gezielt Regeln aus, die dazu dienen, die sozial Schwachen zu schützen", sagt er. Mir wurde klar, dass das schlechte Gefühl, das ich seinerzeit im weißen Prius hatte, nicht von ungefähr kommt.

Die Verantwortung des Konsumenten

Man könnte nun anführen: Airbnb und Uber seien auch nicht böser als ein Student, der im Sommer unerlaubt sein WG-Zimmer untervermietet. Sie seien auch nicht böser als ein Autofahrer, der sich über die Mitfahrzentrale schwarz etwas Spritgeld dazuverdient.

Das stimmt. Nur machen die neuen Internetplattformen solche kleinen Vergehen zu einem Massenphänomen. Auf Airbnb finden sich inzwischen 800.000 Unterkunftsangebote in 190 Ländern. Uber gibt es inzwischen in fünf deutschen Städten, sieben weitere sollen rasch folgen.

Wie also sollte man mit den Diensten umgehen? Sollte man sie verteufeln? Sie boykottieren? Jeden schief anschauen, der sie nutzt? Sich dafür schämen, wenn man doch einmal auf sie zurückgreift, einfach weil es so günstig und komfortabel ist?

Das sicher nicht. Auf diesem Planeten werden bald zehn Milliarden Menschen leben. Es ist nicht nur begrüßenswert, sondern lebensnotwendig, dass wir anfangen, unsere Besitztümer zu teilen und insgesamt weniger Ressourcen zu verbrauchen. Die neuen Internetplattformen sollen also gern weiter wachsen. Sie müssen aber aufhören, die Regeln zu brechen, die wir als Gesellschaft aus gutem Grund über Jahrzehnte hinweg entwickelt haben.

Und in diesem Punkt sind nicht nur die Gerichte und Regierungen gefragt. Sondern zuallererst wir Konsumenten. Firmen wie Uber und Airbnb würden ihren libertären Kodex vielleicht ändern, wenn Kunden konzertiert gegen Sicherheitsmängel und die Ausgrenzung von Kranken und Schwachen aufbegehren - und beim Bezahlen auf einer Rechnung bestehen, "fürs Finanzamt".

Wie beim Turnschuh- und Fleischeinkauf gilt: Wir können nicht immer nur das machen, was für uns selbst am billigsten und bequemsten ist. Täten wir ausschließlich das, hätten wir bald eine Gesellschaft, wie sie 1887 schon der Philosoph Friedrich Nietzsche beschrieb. In seiner Streitschrift "Zur Genealogie der Moral" schreibt der Propagandist des Übermenschen über Raubvögel, die mit ihren Klauen die Lämmer reißen. Und über Lämmer, die keine Klauen haben und das Verhalten der Raubvögel als moralisch minderwertig abtun. Moral sei die "widersinnige" Forderung der Schwachen, dass die Starken auf ihre Stärken verzichten, schreibt Nietzsche.

Wir haben uns als Gesellschaft nun einmal bewusst dagegen entschieden, so zu leben.

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