Krieg in der Ukraine Handelskrieg würde Russland weit stärker treffen als den Westen

Auf die Invasion der Ukraine könnte ein langwieriger Handelskonflikt folgen, der für Russland laut neuen Berechnungen hohe Verluste brächte. Die Folgen für westliche Handelspartner könnten deutlich geringer ausfallen.
Elektronik-Geschäft in Moskau (Archivbild)

Elektronik-Geschäft in Moskau (Archivbild)

Foto: Alexander Ryumin / ITAR-TASS / IMAGO

Die russische Wirtschaft hat einer Studie zufolge bei einem Handelskrieg mit den USA und deren Partnern langfristig deutlich mehr zu verlieren als die Alliierten. Die russische Wirtschaftsleistung dürfte jährlich um knapp zehn Prozent niedriger ausfallen als bei einem Fortbestand der Handelsbeziehungen. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Untersuchung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) hervor.

»Ein Handelskrieg zwischen Russland sowie den USA und ihren Verbündeten würde Russlands Wirtschaft langfristig empfindlich treffen«, sagte IfW-Forscher Alexander Sandkamp. Die westlichen Alliierten dürften zwar kurzfristig ebenfalls zum Teil stark betroffen sein. Auf längere Sicht hätten sie aber insgesamt nur eine um jährlich 0,17 Prozent geringere Wirtschaftsleistung zu befürchten.

Der Grund für die ungleiche Verteilung der Kosten liegt vor allem in der geringen wirtschaftlichen Bedeutung Russlands : Letztere sind in Bezug auf Im- und Exporte für Russland wichtiger als umgekehrt. So war die EU im Jahr 2020 für 37,3 Prozent des russischen Außenhandels verantwortlich, umgekehrt finden aber lediglich 4,8 Prozent des Außenhandels der EU mit Russland statt. Wird dazu noch der intraeuropäische Handel berücksichtigt, wäre der Russland-Anteil nochmals deutlich geringer.

»Sanktionen zeigen kurzfristig meist wirtschaftliche, aber keine politische Wirkung«, sagte Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr . »Halten sie lange an und sind umfassend, kann sich ihr politisches Wirkungspotenzial vergrößern.« Nach einer Anpassungsphase im Welthandel werde Russland deutlich geschwächt dastehen. »Der Schaden für die Alliierten ist dagegen überschaubar«, sagte Felbermayr.

Verluste von baltischen Staaten wären höher

Allerdings sind die Kosten der Simulation zufolge auch bei den Alliierten sehr ungleich verteilt. Stärker betroffen wären langfristig die baltischen Staaten Litauen (minus 2,5 Prozent), Lettland (minus 2,0 Prozent) und Estland (minus 2,0 Prozent). Deutschland und Österreich müssten dagegen nur mit Verlusten von 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts (BIP) rechnen, die USA sogar nur mit Verlusten von 0,04 Prozent.

Als Folge des Konflikts könnte Russland zwar seinen Handel mit Ländern wie China ausweiten und insbesondere mehr in diese Länder exportieren. 2020 gingen knapp 14,6 Prozent der russischen Exporte nach China, allerdings kamen nur knapp 2,8 Prozent der chinesischen Importe aus Russland. Insgesamt würde sich das Realeinkommen in China daher im Modell lediglich um 0,02 Prozent jährlich erhöhen. »Wirtschaftlich wäre China also nicht der große Krisengewinner«, lautet ein weiteres Fazit der Studie.

Anmerkung der Redaktion: Das IfW hatte die Angabe für Estland im Text ursprünglich fälschlicherweise mit -1,1 Prozent angegeben (statt -2,0 Prozent). In der Grafik war der Wert korrekt dargestellt. Wir haben die Angabe im Text korrigiert.

dab/Reuters