»Signifikant verletzbar« EU ist auch von russischem Uran abhängig

Seit dem Überfall der Kremltruppen auf die Ukraine gilt die Atomkraft für viele in der EU als Alternative zu russischem Gas. Tatsächlich bestehen nach SPIEGEL-Informationen aber auch hier mehr Abhängigkeiten als gedacht.
Kühltürme des tschechischen Atomkraftwerks Temlin

Kühltürme des tschechischen Atomkraftwerks Temlin

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Petr Josek / REUTERS

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Die Europäische Union ist bei der Kernkraft stärker abhängig von Russland, als bisher bekannt ist. Das geht aus einem internen Vermerk des Grünenabgeordneten Stefan Wenzel hervor, der dem SPIEGEL vorliegt.

20 Prozent des in der EU genutzten natürlichen Urans wurden 2020 aus Russland importiert, heißt es in dem Papier, das sich unter anderem auf Zahlen  der Euratom-Versorgungsagentur (ESA) stützt – der zentralen EU-Behörde, die für die Beschaffung dieses Rohstoffs verantwortlich ist. Noch einmal so viel werde aus der Ex-Sowjetrepublik Kasachstan importiert, einem langjährigen Kremlverbündeten .

Diese Mengen ließen sich wohl noch auf dem Weltmarkt kompensieren – zum Beispiel über Lieferanten aus Kanada, Australien, Südafrika oder dem Niger. Gravierender ist, dass Russland laut dem Papier auch 26 Prozent des in der EU benötigten angereicherten Urans herstellt. Für die Betreiber sogenannter WWER-Reaktoren ist Russland demnach sogar der einzige Lieferant maßgefertigter sechseckiger Brennstäbe. Die ESA hält die EU vor allem hier für »signifikant verletzbar«.

Die Abhängigkeit von russischen Brennelementen sei erst kürzlich durch einen Sonderflug deutlich geworden, schreibt Wenzel, der auch Sprecher für Umwelt und nukleare Sicherheit der Grünen-Bundestagsfraktion ist. Am 1. März habe eine russische Il-76-Transportmaschine in der Slowakei landen dürfen , um zwei slowakische Atomkraftwerke mit neuen Brennelementen zu beliefern – trotz des EU-Flugverbots für russische Maschinen. Die Abhängigkeit von Russland sei ein »ernstes Problem«, sagt Wenzel.

Laut dem Grünenpapier gibt es in der EU insgesamt 18 Reaktoren, die auf die sechseckigen russischen Brennstäbe angewiesen sind:

  • Loviisa 1 und 2 in Finnland,

  • Temelin 1 und 2 sowie Dukovany 1 bis 4 in Tschechien,

  • Paks 1 bis 4 in Ungarn,

  • Mochovce 1 und 2 sowie Bohunice 3 und 4 in der Slowakai sowie

  • Kosloduj 5 und 6 in Bulgarien.

Für die Betreiber sei es derzeit schwierig, ihre Abhängigkeit von russischen Brennstoffen zu reduzieren, heißt es in dem Grünenvermerk. Denn die westlichen Hersteller hätten noch wenig Erfahrung mit der Fertigung der sechseckigen Brennelemente. Einzig dem US-Konzern Westinghouse sei es in den vergangenen Jahren gelungen, bestimmte WWER-Reaktoren in der Ukraine mit Brennelementen zu versorgen.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine überdenkt die Europäische Union ihre Energieversorgung. Vor allem beim Erdgas will die EU sich möglichst schnell von russischen Lieferungen unabhängiger machen.

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