IWF-Treffen und die Ukraine-Krise Bloß kein Zoff mit Russland

Das IWF-Frühjahrstreffen steht im Schatten der Ukraine-Krise. Man will tadeln, man will helfen - doch keiner weiß wie. Deutschlands Finanzminister Schäuble sagt: "Wir wollen keine Eskalation."

Russin Judaewa, Schäuble, Weidmann: "Keine Eskalation"
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Russin Judaewa, Schäuble, Weidmann: "Keine Eskalation"

Von , Washington


Es duftet in Washington. Die mehr als 3000 Kirschbäume im Herzen der US-Hauptstadt stehen in voller Blüte, und überall posieren Touristen vor den tiefhängenden Zweigen mit ihrer rosaroten Zuckerwatte-Pracht. "Wird auch langsam Zeit", frohlockt die "Washington Post".

Ein etwas anderes Blütenfestival findet an der Pennsylvania Avenue statt, unweit des Weißen Hauses: Hier haben die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) zu ihrer traditionellen Frühjahrstagung gerufen. Auf dem Programm stehen wie immer blumige Reden und wohlfeile Kommuniqués. Doch ein nicht ganz so rosiger Störfaktor lässt sich, aller diplomatischer Verrenkung zum Trotz, diesmal nicht vermeiden - die Krise in der Ukraine.

"Natürlich spielte die Ukraine am Rande eine zentrale Rolle", murrt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Ein Satz von betont-vielsagender Doppeldeutigkeit: Am Rande, also nicht eingeplant - doch auf der Tagesordnung.

Der CDU-Politiker hat zum Frühstück in ein Washingtoner Nobelhotel geladen, um über sein Arbeitsessen mit den G20-Kollegen zu berichten. Flankiert von Bundesbankpräsident Jens Weidmann versucht er immer wieder, dem Thema Ukraine auszuweichen - und wird doch stets aufs Neue darauf hingewiesen.

"Wir wollen keine Eskalation"

Hilfspakete an die Ukraine? Neue Sanktionen gegen Russland, wie sein US-Amtskollege Jack Lew androht? Das "Problem", beharrt Schäuble gleich mehrfach, könne man nur "gemeinsam lösen". Will heißen: gemeinsam mit Russland.

Hinter den Kulissen sah das zwar etwas anders aus: "Die Russen wurden so 'n bisschen links liegengelassen", berichtet ein Mitglied der deutschen Delegation zwischen Tür und Angel. Nach außen hin aber spielt Schäuble den bemühten Diplomaten: "Wir wollen keine Eskalation" - und im gleichen Atemzug: "Wir wollen es Russland nicht schwer machen."

Kein Wunder: Unter den G20-Ministern findet sich ja auch der Russe Anton Siluanow. Ob sie in ihrer Abschlusserklärung denn überhaupt auf die Krise eingehen würden? "Ich weiß es nicht", sagt Schäuble, als sei er unbeteiligt.

Man merkt ihm das Unwohlsein an. Ein Unwohlsein, das fast alle hier Versammelten teilen, die sich unklar sind darüber, wie sie aus der Ukraine-Klemme wieder herauskommen - und doch einig, dass die Situation schwere globale Konsequenzen haben könnte. Man will tadeln, man will helfen - aber keiner weiß wie.

Putins Drohbrief platzt dazwischen

Denn eigentlich haben sie auch so schon enorme Fragen zu debattieren bei diesem Finanz- und Wirtschaftsgipfel der 188 IWF-Mitgliedstaaten. Die Weltwirtschaft klemmt, Europa wird zum Mühlstein, und der renitente US-Kongress blockiert überfällige Reformen, ohne die der IWF zum Papiertiger schrumpft.

Doch die Ukraine hängt wie ein schwerer Schatten darüber. "Es ist eine anstrengende, anspannende Zeit", seufzt Schäuble. Und dann platzt auch noch Wladimir Putin mit seinem jüngsten Drohbrief dazwischen. "Sie können sich vorstellen, dass man mit diesem Brief nicht übereinstimmt", murmelt Schäuble. "Aber man kann ja auch nicht alles vom Tisch fegen."

Schäuble amüsiert sich über die Bemerkung eines Reporters, der Westen habe die Ukraine vor der Krise doch noch eher "unromantisch" betrachtet: "Eine schöne Formulierung." Zugleich spricht er von den Risiken der Lage "nicht nur für den Westen, auch für Russland".

So watteweich liest sich dann auch das Schlusskommuniqué der G20-Minister und Zentralbankchefs. Einen kurzen von acht Absätzen haben sie notgedrungen der Ukraine gewidmet, die Krise dort aber auf ihren rein ökonomischen Wert reduziert: "Wir beobachten die wirtschaftliche Situation in der Ukraine." Russland? Wird in dem Papier nicht erwähnt.

Wie schal diese Erklärung ist, verdeutlicht auch Australiens Finanzminister Joe Hockey, der das Washingtoner Treffen als Vorspiel des großen G20-Gipfels im November in Brisbane leitete. "Es gab keine spezifische Diskussion über die Ukraine", stellt er klipp und klar fest. Und, ja: Russland habe sich bei der Formulierung des Kommuniqués "sehr engagiert" beteiligt.

So gezwungen harmonisch posieren sie schließlich auch fürs Gruppenfoto, die Minister und Notenbankbosse. Schäuble rollt in eine Lücke neben Russlands Zentralbankchefin Elvira Nabiullina: Handschlag, Smalltalk, breites Lächeln. Es duftet in Washington.

insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
sir wilfried 11.04.2014
1. Die Russen sind schlau, und sie haben Raketen,
Zitat von sysopDPADas IWF-Frühjahrstreffen steht im Schatten der Ukraine-Krise. Man will tadeln, man will helfen - doch keiner weiß wie. In der Abschlusserklärung wird das Thema deshalb lieber weggedrückt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ukraine-krise-iwf-treffen-vermeidet-streit-mit-russland-a-964038.html
also spitzt sich alles auf die Frage zu: "Wollen wir einen Weltkrieg riskieren?" Man kann G8 auf G7 reduzieren. Man kann abenteuerliche Sanktionen und Boykotte verhängen. Herr Rasmussen kann Gift und Galle spucken. All dies wird das Gegenteil dessen bewirken, was es soll. Die Russen werden zusammenrücken und mit ihnen alle, denen das US-Säbelrasseln suspekt ist.
GlobalerOptimist 12.04.2014
2.
Was soll denn das? Wozu auch Zoff? Putin läuft von ganz allein an die Wand. 2020 gibt es dann einen neuen Film mit dem Titel "Der Untergang". Schäuble hat mich überzeugt.
n01 12.04.2014
3. EU, ein bürokratisches Monster.
Zitat von sysopDPADas IWF-Frühjahrstreffen steht im Schatten der Ukraine-Krise. Man will tadeln, man will helfen - doch keiner weiß wie. In der Abschlusserklärung wird das Thema deshalb lieber weggedrückt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ukraine-krise-iwf-treffen-vermeidet-streit-mit-russland-a-964038.html
Vielleicht sollte man einfach mal testweise auf Putin eingehen, damit überhaupt etwas passiert. Aber wenn nun alle EU Staaten erst einmal eine Einigung finden müssen, gibt das ja nie etwas. Ist ja ein bißchen wie ein Hühnerstall, jeder pickt woanders rum. Aus dieser Perspektive kan man den Spruch von Nuland zumindestens etwas verstehen. Bis dieser bürokratische Koloss EU einmal etwas in Bewegung bringt, fürchterlich. Putin sagt ja auch , das er das nicht alleine stemmen kann. http://german.ruvr.ru/2014_04_11/Putin-Nicht-im-Alleingang-3650/
jadota 12.04.2014
4. Zahn um Zahn
Ich sehe: die Russin Yudaeva und Schäuble haben komplementäre Zähne. Was die eine als vorderbeißend hat, paßt in dem zahnlosen Protagonist ein. Deshalb kein Zoff mit Rußland.
11severinus 12.04.2014
5. unromantisch
brenzlig wirds langfristig ohnehin, das ist nicht weg zu schmunzeln, auch nicht und gerade nicht mit würtembergischen Schelm! brenzlig durch eine unruhige Ukraine, ein feindliches Europa: für Russland und damit für den ganzen Rest des einzigen Planeten.
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