Kriegsfolgen Russland und Ukraine liefern kaum noch Getreide

Die Lage auf den Agrarmärkten ist angespannt, denn die Lieferungen der Getreideproduzenten Russland und Ukraine sind wegen des Kriegs gestoppt. »Da verlässt gar nichts das Land«, sagt der größte deutsche Agrarhändler.
Händler in der ägyptischen Hauptstadt Kairo: Ukrainekrieg hat verheerende Folgen für die Lebensmittelversorgung

Händler in der ägyptischen Hauptstadt Kairo: Ukrainekrieg hat verheerende Folgen für die Lebensmittelversorgung

Foto: Ahmed Gomaa / dpa

Die aktuellen Verwerfungen auf dem Getreidemarkt könnten für ärmere Länder wie Ägypten und den Sudan verheerende Folgen bei der Nahrungsmittelversorgung haben. Denn Russland und die Ukraine sind als Kornkammern Europas wichtige Lieferanten für viele Staaten. Die Ausfuhren laufen großenteils über das Schwarze Meer. Doch wegen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine ist eine der international wichtigsten Handelsrouten für Getreide blockiert.

Aktuell sind Weizenausfuhren aus der Ukraine und Russland über das Schwarze Meer nach Angaben des größten deutschen Agrarhändlers Baywa weitgehend zum Erliegen gekommen. »Aus den Häfen der Ukraine wird derzeit null exportiert, da verlässt gar nichts das Land«, sagte Jörg-Simon Immerz, Leiter des Baywa-Getreidehandels. »Auf der russischen Seite gibt es zwar Exporttätigkeit, aber sehr eingeschränkt.« Der Schwarzmeermarkt mit Weizen aus Russland und der Ukraine decke etwa 30 Prozent der weltweiten Nachfrage ab.

Russland hatte den Agrarmarkt zuletzt mit der Ankündigung schockiert, die Ausfuhr von Weizen, Gerste, Roggen und anderem Getreide einzuschränken. Zur Begründung hieß es, dass der Bedarf im Land gesichert und ein Preisauftrieb für Verarbeiter und Verbraucher verhindert werden soll. Die EU-Kommission betonte, innerhalb der EU bestehe keine unmittelbare Gefahr für die Ernährungssicherheit.

Länder südlich Europas sind stärker von den russischen Ausfuhrbeschränkungen betroffen. So stammten 2020 nach Uno-Angaben jeweils rund 40 Prozent des in Ägypten, der Türkei, Aserbaidschan und dem Sudan verbrauchten Weizens aus Russland. »Wir müssen alles tun, um einen Hurrikan des Hungers und einen Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems abzuwenden«, hatte Uno-Generalsekretär António Guterres gesagt.

Ukraine-Ausfall versetzt Märkte in Unruhe

Zu den angekündigten russischen Beschränkungen sagte Baywa-Manager Immerz nun: »Im Endeffekt geht es wohl nur um einen Stopp der Ausfuhr in benachbarte Länder des eurasischen Raums, die diesbezüglich eine vergleichsweise geringe Rolle spielen.«

Grundsätzlich müssten in Russland innerhalb vorgegebener Quoten Exportlizenzen gezeichnet werden. »So wie es scheint, kann weiterhin innerhalb dieses Systems exportiert werden. Damit sind die konkreten Auswirkungen auf den Markt überschaubar.« Derzeit gravierender sind laut Baywa aber die direkten Auswirkungen der russischen Invasion auf die Landwirtschaft in der Ukraine.

Russland sei zwar einer der Hauptproduzenten von Weizen und relevant für die Versorgung der Welt. »Genauso ist es aber die Ukraine, in einer ganz ähnlichen Liga«, sagte Immerz. »Russland produziert an die 80 Millionen Tonnen Weizen im Jahr und exportiert davon an die 30 Millionen Tonnen. Die Ukraine exportiert etwa 20 bis 25 Millionen Tonnen im Jahr.« Relevant für den Handel seien vor allem diese Exportmengen. »Deswegen schaut der komplette Markt sehr viel stärker auf die Ukraine als auf Russland.«

So ist unklar, ob und wie Landwirtschaft in der Ukraine in diesem Jahr unter Kriegsbedingungen möglich sein wird. »In der Ukraine ist die Produktion sehr viel stärker im Risiko«, sagte der Baywa-Manager. »Der Weizen wurde im Herbst gesät und müsste jetzt gedüngt werden. Der Mais ist noch nicht mal gesät, und wenn der nicht gesät werden kann, gibt es natürlich auch keine Ernte.«

Wegen des Krieges sind die Getreidepreise in den vergangenen Wochen bereits weltweit gestiegen.

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Verbraucher in der EU müssen keinen Hunger fürchten

Dass in der EU Weizen zur Mangelware wird, ist nach Baywa-Einschätzung nicht zu befürchten, da auch in der EU sehr viel mehr Weizen geerntet als verbraucht wird. »Die EU exportiert jährlich etwa 30 Millionen Tonnen Weizen, auch Deutschland ist in normalen Jahre Exporteur«, sagte Immerz.

Doch gilt das nicht für alle Getreidesorten. »Auf Importe angewiesen sind wir beim Mais.« Günstiges Getreide aus Russland landet in Deutschland vor allem in Futtertrögen von Tieren.

Auch der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks sieht die Drohgebärden aus Russland eher gelassen. »Der Exportstopp hat zunächst keine direkten Auswirkungen, weil wir in Deutschland und der EU einen Selbstversorgungsgrad bei Getreide von teilweise über hundert Prozent haben«, hieß es. Hinzu kämen lang laufende Lieferverträge, die die Preise weiter stabilisierten.

mmq/dpa/Reuters
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