Umdenken durch Nord Stream 2 Liefert uns die Ukraine bald grünen Wasserstoff?

Nord Stream 2 ist beschlossen. Nun soll die Ukraine mit deutscher Hilfe zum Exporteur grüner Energie werden. Experte Andreas Kuhlmann sagt, warum dieses Projekt unbedingt gelingen muss.
Ein Interview von Maria Marquart
Fotovoltaik-Anlage nahe Tschernobyl in der Ukraine

Fotovoltaik-Anlage nahe Tschernobyl in der Ukraine

Foto: STEPAN FRANKO / EPA-EFE

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Mehr als eine Milliarde Euro pro Jahr verdient die Ukraine am Transit von russischem Gas durch ihr Territorium nach Europa. Doch künftig soll die Ostseepipeline Nord Stream 2 direkt Gas aus Russland nach Deutschland bringen. Der Ukraine brechen dadurch nicht nur Einnahmen weg. Das Land fürchtet auch geopolitische Nachteile, wenn Moskau keine Rücksicht mehr auf den Gastransit nehmen muss.

Deutschland hat sich nun verpflichtet, rund 150 Millionen Euro in einen Fonds zu investieren, mit dem der Ausbau sauberer Energie in der Ukraine gefördert werden soll. Die Zahlung ist ein Zugeständnis an US-Präsident Joe Biden, dem Russlands Einflussgewinn durch Nord Stream 2 missfällt.

Für die Ukraine indes ist das Geld eine willkommene Unterstützung: Sie will sich ohnehin zum Großproduzenten für erneuerbare Energien aufschwingen und sich dadurch neue Einnahmequellen erschließen und unabhängiger von Wladimir Putins Gas werden.

Zuletzt allerdings stockte der ukrainische Ökostrom-Boom. Grüne Energieerzeuger blieben auf unbezahlten Rechnungen sitzen, weil der Staat ihnen zwar Wind- und Solarstrom abkaufte, dafür aber teils nicht pünktlich zahlte. Auch die Energieminister des Landes wechselten mehrfach.

Die staatliche Deutsche Energieagentur (Dena) berät die Bundesregierung im Rahmen der deutsch-ukrainischen Energiepartnerschaft. Ihr Chef Andreas Kuhlmann sagt, warum Investoren derzeit in der Ukraine vorsichtig sein sollten – und warum er die deutsche Finanzspritze dennoch prinzipiell richtig findet.

SPIEGEL: Deutschland hat der Ukraine Unterstützung beim Aufbau eines grüneren Energiesektors zugesagt. In welche Projekte sollte Geld fließen?

Kuhlmann: Die Potenziale im Bereich erneuerbare Energien sind in der Ukraine immens. Im Süden des Landes gibt es viel Wind und Sonne, dazu große Flächen. Das gilt auch für die Bioenergie. Auch im Bereich Wasserstoff verspricht man sich vieles.

SPIEGEL: Und wie viel Geld ist nötig?

Kuhlmann: Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt, welche Summen was bewirken können: Zwischen 2014 und 2020 haben sich die Erneuerbaren-Kapazitäten in der Ukraine von knapp einem Gigawatt auf 8,5 Gigawatt mehr als verachtfacht. Dafür wurden acht Milliarden Euro investiert. Dann aber ist der Ausbau ins Stocken geraten.

SPIEGEL: Es gibt Kritik an unsolider Planung. Und Berichte, dass der Staat »grünen Stromproduzenten« immense Summen schuldet. Woran hakt es in der Ukraine?

Kuhlmann: Vor allem an den politischen Rahmenbedingungen. Die Leitung des Energieministeriums wechselte mehrfach. Es gibt ungeklärte Fragen über ein Abnahmegesetz für erneuerbaren Strom. Man lernt aus alledem: Geld allein wird es nicht richten. Wenn wir Partnerschaften mit Ländern wie der Ukraine eingehen, müssen wir auch einen starken Fokus auf Regulatorik, Marktmechanismen, Integration von erneuerbaren Energien und Beratung legen.

SPIEGEL: Die Dena ist vom Bundeswirtschaftsministerium damit beauftragt worden, die Zusammenarbeit mit der Ukraine in Energiefragen voranzutreiben. Wie verhindern Sie, dass Steuergelder aus Deutschland in zweifelhaften Projekten versickern?

Kuhlmann: Im Rahmen der Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und der Ukraine wird natürlich auch über rechtliche Sicherheit und Garantien für Investoren gesprochen. Was wir uns nicht erlauben können, ist eine Situation, wie wir sie gegenwärtig haben: ungeklärte Fragen, offene Rechnungen. Das zerstört Vertrauen und wird zu Recht von ausländischen Investoren aber auch in der Ukraine selbst heftig kritisiert.

SPIEGEL: Die Ukraine muss also erst einmal in Vorleistung gehen?

Kuhlmann: Die Ukraine hat sehr gute Analysen, was im Energiebereich getan werden muss. In der Umsetzung muss es aber besser werden. Es gibt viele Investoren, die Interesse rund um das Zukunftsthema grünen Wasserstoff haben. Es gibt auch Pilotprojekte, in denen sie unmittelbar und direkt tätig werden könnten. Wasserstoff wird aber nur funktionieren, wenn der Ausbau der Erneuerbaren gezielt und strukturiert vorangetrieben wird.

SPIEGEL: Warum?

Kuhlmann: Wir wollen klimaneutralen Wasserstoff in der EU und in Deutschland beziehen. Nicht Wasserstoff, der mit fossilen Energieträgern erzeugt wird. Ich habe die Hoffnung, dass sich mit der Nord-Stream-2-Vereinbarung der Fokus in der Ukraine wieder mehr auf das Thema Klimaschutz und erneuerbare Energien richtet. Dieser ist zuletzt etwas verloren gegangen.

SPIEGEL: Sie spielen darauf an, dass die Ukraine 2020 die Gasförderung erhöht und in Kohlekraftwerke investiert hat. Wie kam es dazu?

Kuhlmann: Es gibt aus Sicht der Ukraine mit Blick auf Russland großes Interesse an mehr Unabhängigkeit beim Thema Energie. Das kann man nachvollziehen.

SPIEGEL: Wäre mehr Ökostrom da nicht eine Chance?

Kuhlmann: Ja. Die Ukraine braucht ein viel flexibleres Energiesystem und muss sich stärker auf ein erneuerbares Energiesystem ausrichten.

SPIEGEL: Warum sieht die Ukraine beim grünen Wasserstoff so großes Potenzial?

Kuhlmann: Durch die Nähe zu Deutschland und der EU, wo große Kapazitäten gebraucht werden und natürlich auch aufgrund ihres hohen Potenzials an erneuerbaren Energien. Die Ukraine hat zudem eine bestehende Infrastruktur, über deren Nutzung man sich Gedanken machen kann.

SPIEGEL: Sie meinen die Gaspipelines?

Kuhlmann: Richtig. Man kann zwar nicht von heute auf morgen statt Erdgas grünen Wasserstoff da durchlaufen lassen. Mittelfristig aber lassen sich diese Leitungen dafür umrüsten, und bis dahin kann man einen gewissen Anteil an Wasserstoff auch dem Gas beimischen.

SPIEGEL: Die Ukraine hat sich ehrgeizige Ziele bei den erneuerbaren Energien gesetzt. Bis 2035 sollten sie rund 25 Prozent des gesamten Energiebedarfs decken. Ist das realistisch?

Kuhlmann: Die Rahmenbedingungen sind eigentlich günstig. Es gibt in der Ukraine eine parteiübergreifende Arbeitsgruppe »Saubere Energie« und viele Akteure, die etwas bewegen wollen. Auch viele EU-Länder wollen die Ukraine unterstützen. Aber die regulatorischen Unsicherheiten stehen einem zügigen Ausbau aktuell im Weg.

SPIEGEL: Würden Sie privaten Investoren die Ukraine in Sachen Erneuerbare dennoch ans Herz legen?

Kuhlmann: Die gerade geschilderten Probleme müssen natürlich geklärt werden. Aber die Ukraine ist definitiv ein interessantes Investitionsgebiet. Es gibt eine sehr interessierte Bevölkerung, ein hohes Ausbildungsniveau, die Nähe zur EU und eben enorme Potenziale. Wenn es uns nicht gelingt, Energiewende und Klimaschutz in einem Land wie der Ukraine begleitend hinzubekommen, dann wird es global nicht funktionieren.

SPIEGEL: Hängt die Energiewende in Deutschland auch von der Ukraine ab?

Kuhlmann: Ich bin überzeugt, dass wir ohne Wasserstoff die Klimaziele bis 2045 nicht hinbekommen werden. Wir werden viel Wasserstoff benötigen, und ein großer Anteil wird nicht aus Deutschland und der EU kommen. Wir sind angewiesen auf Importe aus den unterschiedlichsten Ländern. Die Ukraine wäre ein guter Partner.

SPIEGEL: Könnte der Nord-Stream-2-Kompromiss also am Ende sogar ein Gewinn für die Ukraine sein?

Kuhlmann: Der Nord-Stream-2-Kompromiss ist zunächst für viele in der Ukraine eine Enttäuschung. Aber es wird vielleicht dazu führen, dass sich der Fokus wieder auf die erneuerbaren Energien richtet. Wenn das am Ende zu einer positiven Neubewertung in der Ukraine führt, würde mich das freuen. Aber die kommt nicht von selbst. Da sind wir in der Verantwortung zu unterstützen.

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