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28. Oktober 2009, 13:27 Uhr

Umfrage

Deutsche bangen um sozialen Zusammenhalt

Ist Deutschland auf dem Weg zur Ego-Republik? Sieben von zehn Bürgern beklagen mangelnde Gerechtigkeit im Land, ergibt nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen eine Umfrage des Bankenverbands. Das Vertrauen in die neue Regierung ist gedämpft - 60 Prozent fürchten das Auseinanderfallen der Gesellschaft.

Frankfurt am Main - Es sind keine guten Zahlen für die neue Bundesregierung. Sieben von zehn Deutschen beklagen, dass es ungerecht zugeht in der Republik. Sechs von zehn Befragten finden, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in den vergangenen Jahren abgenommen hat.

Das ergibt eine Umfrage im Auftrag des Bundesverbands deutscher Banken, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Mehr als 2300 Deutsche haben für die Erhebung teils kurz vor, teils kurz nach der Wahl Auskunft gegeben - und große Skepsis darüber gezeigt, ob es in der Bundesrepublik gerecht zugeht.

Nur zwei von zehn Deutschen sehen der Befragung zufolge die Stärkung der Marktkräfte als wünschenswertes Ziel. 61 Prozent der Befragten fordern stattdessen mehr soziale Absicherung durch den Staat. Rund vier von zehn Befragten finden hohe Unternehmensgewinne "moralisch bedenklich" - und eine Mehrheit von 81 Prozent bestreitet, dass Unternehmensgewinne für die Gesellschaft von Nutzen sind.

Der Vertrauen in die soziale Marktwirtschaft beträgt 52 Prozent. "Ein unbefriedigendes Niveau", bilanzieren die Forscher des Ipos-Instituts, das die Umfrage durchgeführt hat. Immerhin sind die Zahlen seit Oktober 2008 etwas besser geworden, weshalb der Bankenverband Grund zu Optimismus sieht: Begleitumstände und Folgen der Finanzkrise hätten der Skepsis zwar Nahrung gegeben, "aber trotz Bankenkrise und Konjunktureinbruch stellen die Deutschen das Wirtschaftssystem nicht grundsätzlich in Frage".

Neue Bundesregierung muss mit Misstrauen kämpfen

Die Antworten an das Ipos-Institut sind teils widersprüchlich. So findet zwar eine große Mehrheit die Verhältnisse im Land ungerecht - allerdings fühlt sich nur ein Drittel persönlich benachteiligt. 65 Prozent denken, dass sie haben, "was ihnen gerechterweise zusteht". Das sind zwölf Prozentpunkte mehr als noch 2007.

Die Umfrage macht auch klar, wie groß das Misstrauen gegenüber der neuen Bundesregierung ist. Nur drei von zehn Deutschen erkennen eine politische Aufbruchstimmung nach der Wahl. Ein Viertel sieht bessere Chancen, die anstehenden Probleme zu lösen. Doch gut sechs von zehn Befragten können keinen Unterschied gegenüber der Zeit vor der Wahl ausmachen.

Die dringendsten Themen, die es jetzt zu lösen gibt, sind den Befragten zufolge die Arbeitslosigkeit, die Finanz- und die Wirtschaftskrise. Die Einschätzung der Wirtschaftslage ist zwar schlechter als im Frühjahr 2008 - aber noch so gut wie im Herbst 2005 und im Frühjahr 2006. Der historische Einbruch von 2009 ist demnach längst nicht bei den Bürgern angekommen.

Nur 43 Prozent der Befragten glauben, dass die Politik zur Lösung der ökonomischen Probleme in der Lage ist. Aber immerhin - 2004 lag dieser Wert nur bei 23 Prozent.

48 Prozent der Deutschen finden Hartz IV zu niedrig

Die Klage über ungerechte Zustände im Land wird auch durch eine neue Forsa-Umfrage für den "Stern" belegt. 48 Prozent der Deutschen halten ihr zufolge die Hartz-IV-Sätze für zu gering. 28 Prozent der Befragten finden sie gerade angemessen, nur 7 Prozent zu hoch. Besonders die Anhänger von SPD (56 Prozent), Grünen (59 Prozent) und Linkspartei (60 Prozent) finden, dass Hartz-IV-Empfänger zu wenig Unterstützung erhalten.

ase

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