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26. November 2012, 17:44 Uhr

Umfrage

Arme Jugendliche glauben nicht an sozialen Aufstieg

Deutsche Jugendliche aus sozial schwachen Elternhäusern glauben nicht an den Aufstieg. Laut einer Umfrage sehen besonders in Ostdeutschland junge Menschen ihr Leben durch ihre Herkunft bestimmt. Forscher machen das Schulsystem dafür mitverantwortlich.

Berlin - Einmal arm, immer arm: Davon ist in Deutschland die Mehrheit der jungen Leute aus sozial schwachen Verhältnissen überzeugt. Mehr als die Hälfte von ihnen glaubt einer Umfrage zufolge nicht, dass in Deutschland ein Aufstieg in eine höhere soziale Schicht möglich ist. Im Osten ist die negative Sicht noch stärker ausgeprägt als im Westen.

Das Allensbach-Institut untersuchte im Auftrag der "Bild der Frau" und des Familienministeriums, wie Menschen in Schweden und Deutschland über Betreuung, Förderung und Erziehung von Kindern denken. In der Bundesrepublik wurden rund 1800 Menschen, in Schweden rund 1000 Menschen befragt.

Demnach ist in Deutschland mehr als ein Drittel der Bevölkerung überzeugt davon, dass Leistung sich nicht lohnt und allein das Elternhaus zählt. Ganz anders schätzen die Schweden laut der Umfrage ihre Chancen ein. Dort sind unabhängig von der sozialen Schicht zwei von drei jungen Erwachsenen überzeugt davon, dass jeder alles werden kann. 28 Prozent halten in dem skandinavischen Land einen sozialen Aufstieg für nur sehr schwer möglich.

In Deutschland werde die Verantwortung für die Bildung der Kinder stark den Eltern übertragen, hieß es in der Studie. In Schweden zeigen sich die Eltern laut Umfrage deutlich entspannter und delegieren Bildungsaufgaben eher an den Staat.

Während schwedische Eltern glauben, dass Kinder davon profitieren, wenn sie schon sehr früh in die Kita oder zur Tagesmutter gehen, sind die Deutschen der Meinung, dass ein Kleinkind unter der Berufstätigkeit der Mutter oder beider Elternteile leidet. In Deutschland besucht bislang nur rund ein Viertel der unter Dreijährigen eine Kinderbetreuungseinrichtung. Schweden verzeichnet dagegen eine Betreuungsquote von mehr als 90 Prozent für Zweijährige.

Türkischsstämmige Eltern hoffen auf den Aufstieg ihrer Kinder

Der enge Zusammenhang zwischen Bildungshintergrund der Eltern und dem Bildungsweg der Kinder präge auch die Vorstellung der Deutschen sehr stark, ob man es in dieser Gesellschaft mit Leistung zu etwas bringen könne, sagte die Geschäftsführerin des Allensbach-Instituts, Renate Köcher. Soziale Unterschiede seien normal. "Die entscheidende Frage ist, ob eine Gesellschaft auch Auf- und Abstiege ermöglicht."

Das dreigliedrige deutsche Schulsystem sei sehr starr und nicht durchlässig, sagte die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, Jutta Allmendinger. Sie kritisierte, dass die Herkunft von Schülern bei der Beurteilung ihrer Chancen oft eine zu große Rolle spiele.

Die Studie untersuchte auch, wie sich die Meinungen von Ost- und Westdeutschen unterscheiden und welche Wünsche türkischstämmige Eltern für ihre Kinder haben. Das Ergebnis zeigt, dass Ostdeutsche die Aufstiegsmöglichkeiten in eine höhere Schicht pessimistischer einschätzen als Westdeutsche. So ist etwa die Hälfte der Westdeutschen (47 Prozent) der Meinung, dass man es mit genügend Anstrengung zu etwas bringen kann. Das denken nur 35 Prozent der Ostdeutschen.

Türkischstämmige Eltern von Kindern unter zwölf Jahren äußerten deutlich häufiger den Wunsch, dass ihr Nachwuchs sozial aufsteigt als die befragten Eltern insgesamt (70 zu 42 Prozent).

mmq/dpa/dapd

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