Umfrage zur Energiewende Mehrheit der Deutschen lehnt neue Strommasten ab

Steigende Strompreise, Ärger mit Offshore-Windparks - bei der Energiewende häufen sich die Probleme. Jetzt lädt Angela Merkel die Industrie zum Spitzentreffen ins Kanzleramt. Die meisten Bürger sind skeptisch: Laut einer Umfrage lehnen sie neue Stromtrassen ab.
Windrad, Stromleitung: Zentrale Bausteine der Energiewende

Windrad, Stromleitung: Zentrale Bausteine der Energiewende

Foto: dapd

Berlin - Die Energiewende ist am Dienstag das große Thema im Kanzleramt. Bei einem Spitzentreffen zwischen Regierung, Industrie und Gewerkschaften sollen Wege diskutiert werden, wie die Ökowende vorangetrieben werden kann, ohne dass die Strompreise über Gebühr steigen. Damit das Projekt Ökorepublik gelingen kann, wird die Regierung aber auch in der Bevölkerung noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen.

Zwar begrüßt die Mehrheit der Deutschen den Ausbau der erneuerbaren Energien. Das geht aus einer Umfrage des Bundesumweltministeriums zum Naturbewusstsein der Deutschen hervor, aus der die "Welt" zitiert. Danach unterstützen 87 Prozent der Befragten den Bau von Windparks auf dem Meer, und 79 Prozent wollen, dass mehr Windräder auf dem Festland gebaut werden.

Gleichzeitig aber sei die Mehrheit der Deutschen gegen den Bau neuer Strommasten. Die Akzeptanz für den Bau neuer Hochspannungsleitungen sei mit 42 Prozent vergleichsweise gering, heißt es. Ändern soll das eine Öffentlichkeitsoffensive der Regierung: Umweltminister Peter Altmaier hat angekündigt, Bürger in Entscheidungsprozesse der Energiewende künftig deutlich stärker einbinden zu wollen - um so die Akzeptanz zu stärken.

Das größte Problem, das die Regierung rasch lösen will, sind die rasant steigenden Strompreise. Diese wurden zuletzt vor allem durch den raschen Ausbau der erneuerbaren Energien in die Höhe getrieben. Ökostrom wird in Deutschland stark gefördert - durch die sogenannte EEG-Umlage.

Die Förderung funktioniert ganz einfach: Betreiber von Wind-, Solar- und Biogasanlagen bekommen einen fixen Preis für den von ihnen produzierten Strom garantiert - über einen Zeitraum von vielen Jahren hinweg. Der Fixpreis liegt deutlich über dem tatsächlichen Preis, zu dem Strom verkauft wird. Die Differenz zahlen die Verbraucher über ihre Stromrechnung. Die Kosten dieser Förderung sind zuletzt in die Höhe geschnellt. 144 Euro pro Jahr zahlt ein Durchschnittshaushalt derzeit für die Förderung, inklusive Mehrwertsteuer. 2013 dürften es nach Berechnungen des Verbraucherportals Verivox mehr als 200 Euro sein.

Kurz vor dem Gipfel im Kanzleramt bringen sich deshalb die Interessenvertreter in Stellung. Regierung, Industrie, Ökoverbände - so gut wie jeder hat seine Argumente zur Kostendebatte noch einmal vorgetragen. Ein Überblick der Positionen:

  • Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) hat sein Ziel unterstrichen, das Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien zu drosseln. Das schnelle Ausbautempo führe zu Kostenbelastungen für die Stromverbraucher. Folgen seien zudem eine Überlastung des Netzes und Probleme bei der Versorgungssicherheit, wenn konventionelle Kraftwerke zu schnell vom Markt gedrängt werden.
  • Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) macht sich für eine rasche Abkehr vom Fördersystem für erneuerbare Energien stark. Die FDP wolle noch im Herbst einen eigenen Vorschlag für eine Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) vorlegen.
  • Nach Ansicht des Bundeskartellamts hat die Förderung der erneuerbaren Energien "jedes vernünftige Maß gesprengt". Behördenchef Andreas Mundt stellt sogar das zentrale Privileg des Ökostroms in Frage - den Vorrang bei der Einspeisung in die Netze.
  • Der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, verteidigte derweil die Industrie. Es sei vertretbar, dass energieintensive Unternehmen bei der Ökostrom-Umlage Vergünstigungen erhalten, sagte er. "Die Industrie muss entlastet werden, damit Unternehmen und Arbeitsplätze nicht ins Ausland abwandern."
  • Erhard Ott, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Ver.di, fordert derweil einen Sozialausgleich für steigende Strompreise. "Um noch höhere Belastungen für Menschen mit sehr geringen Einkommen zu vermeiden, ist es deshalb notwendig, mindestens eine Erhöhung der Sozialleistungen vorzunehmen."
  • Auch die Sozialverbände fordern eine gerechtere Lastenverteilung. Es dürfe nicht sein, dass bei den Unternehmen großzügige Ausnahmen beim Strompreis gemacht würden, während die Privatkunden alles zahlen müssten, sagte die Chefin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. "Wir müssen über Sozial- und Familientarife beim Strom nachdenken, die sich nach Einkommen und Größe der Haushalte richten."

Was stimmt an der Stromdebatte - und was nicht? Hier erfahren Sie, welche Argumente Lobbyisten verwenden und was wirklich dahinter steckt. Hier erfahren Sie, wie Sie auf die steigenden Kosten reagieren und Ihre Stromkosten senken können.

ssu/dapd