Kluft zwischen Arm und Reich Ungleichheit bei Einkommen nimmt wieder deutlich zu

Seit Jahren boomt der Arbeitsmarkt, inzwischen steigen auch die Löhne spürbar. Dennoch ist die Kluft zwischen Arm und Reich laut einer Untersuchung so groß wie nie zuvor.
Szene vor dem Stadion des VfB Stuttgart: Ein Bundesligaspiel ist für die einen spannende Freizeitunterhaltung - für die anderen Gelegenheit, das Einkommen aufzubessern

Szene vor dem Stadion des VfB Stuttgart: Ein Bundesligaspiel ist für die einen spannende Freizeitunterhaltung - für die anderen Gelegenheit, das Einkommen aufzubessern

Foto: Arnulf Hettrich/ imago images

Nichts besorgt die Bevölkerung so sehr wie die soziale Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland. Wenn man sie befragt, welches Problem die Wirtschafts- und Sozialpolitik am dringendsten angehen sollte, lautet die Antwort am häufigsten: die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen. Im SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor belegt dieses Thema von Anfang an ununterbrochen den ersten Platz - noch deutlich vor der Vereinbarkeit von Wirtschaft und Umweltschutz, zu dem auch der Kampf gegen die Klimakrise gehört.

Die Sorge um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland ist durchaus begründet. Denn die Ungleichheit bei den Einkommen hat zuletzt wieder deutlich zugenommen und nun den höchsten gemessenen Wert seit der Wiedervereinigung erreicht. Insbesondere das ärmste Fünftel der Haushalte verliert ökonomisch zunehmend den Anschluss.

Das zeigt der neue Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Die WSI-Forscherinnen Dorothee Spannagel und Katharina Molitor haben dafür auf die Daten der Langzeitbefragung SOEP zurückgegriffen, für die jährlich 16.000 Haushalte Auskunft geben, und die die Entwicklung der Einkommen bis einschließlich des Jahres 2016 abbildet.

Dabei ist die Gesamtlage durchaus erfreulich: Die vielen Jahre der guten Konjunktur und des Booms auf dem Arbeitsmarkt haben Wirkung gezeigt. Das verfügbare Einkommen der Haushalte in Deutschland ist im Schnitt deutlich gestiegen. "Verfügbare Einkommen" bezeichnet vereinfacht gesagt das Geld, das ein Haushalt auch wirklich ausgeben kann. Steuern und Sozialabgaben sind also schon abgezogen. Bestandteile des Einkommens sind dabei nicht nur Löhne, Gehälter oder Gewinne eines Unternehmens, sondern auch Sozialleistungen wie das Kindergeld, Wohngeld oder Hartz IV.

Finanzkrise senkte die Ungleichheit - aber nur kurz

Von der Steigerung der Einkommen haben verschiedene Bevölkerungsgruppen allerdings sehr unterschiedlich profitiert. Das zeigt sich gleich in mehreren verschiedenen Maßeinheiten, die die WSI-Forscherinnen aus den SOEP-Daten berechnet haben:

Der Gini-Koeffizient ist der gebräuchlichste Gradmesser der Ungleichheit. Liegt er bei null, haben alle Haushalte einer Gesellschaft ein gleich hohes Einkommen. Liegt er bei 100 Prozent, fließt das gesamte Einkommen einem einzigen Haushalt zu, alle anderen bekommen gar nichts. Betrachtet man die Zeit seit der Wiedervereinigung, stieg er insbesondere im Zeitraum von 1998 bis 2005 stark - von knapp 25 auf knapp 29 Prozent. Danach stagnierte er tendenziell, während der Finanzkrise sank er sogar leicht. Die neuesten Daten belegen aber nun, dass er seit 2010 wieder signifikant steigt, wenn auch nicht so rasant wie vor 20 Jahren. Zuletzt erreichte er jedoch den Rekordwert von 29,5 Prozent.

Diesen Anstieg hatte bereits das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) im Mai veröffentlicht. Auch nach Berechnungen des DIW erreichte der Gini-Koeffizient im Jahr 2016 einen Rekordwert.

Allerdings hat der Gini-Koeffizient die Eigenschaft, Veränderungen in der Mittelschicht besonders stark abzubilden. Die WSI-Forscherinnen berechneten daher zwei weitere Meinheiten, die besonders auf Entwicklungen an den Rändern reagieren - also bei den reichsten und den ärmsten Einkommensschichten. Beide nehmen bei steigender Ungleichheit höhere Werte an:

  • Der Palma-Index bildet Veränderungen bei den Einkommensreichen ausgeprägt ab . Auch er stieg im Jahr 2016 auf einen Rekordstand von 1,07. Zuvor hatte er seinen Höchststand im Jahr 2005 mit 1,06 erreicht, war vier Jahre später auf 0,99 gesunken und zeigt seitdem einen klaren Aufwärtstrend.

  • Der Theil-Index reagiert besonders stark auf Änderungen in den untersten Einkommensschichten . Er erreichte 2016 mit 0,161 beinahe das Niveau des bisherigen Rekordstandes von 0,163 aus dem Jahr 2007. Auch er steigt tendenziell seit dem Jahr 2010 deutlich.

Wie sehr gerade das untere Fünftel der Haushalte davon bedroht ist, den ökonomischen Anschluss an die deutsche Gesellschaft zu verlieren, macht folgende Grafik deutlich. Sie zeigt die inflationsbereinigte Entwicklung der mittleren Einkommen in verschiedenen Schichten seit dem Jahr 2005. Dazu teilen die Forscher die Haushalte abhängig vom Einkommen in zehn gleich große Gruppen ein. Die fünf ärmeren Zehntel sind in der Grafik rot gefärbt, die fünf reicheren Zehntel hingegen blau.

Die untersten zehn Prozent haben im Jahr 2016 demnach sogar niedrigere reale Einkommen gehabt als im Ausgangsjahr 2005 - es ist die einzige Gruppe, die einen echten Kaufkraftverlust verzeichnet. Das zweitärmste Zehntel hatte 2016 ein um 3,1 Prozent höheres Einkommen als im Jahr 2005 - ein Anstieg immerhin, aber ein recht schwacher. Den größten realen Einkommenszuwachs erlebte mit 11,9 Prozent im Vergleich zu 2005 hingegen das drittoberste Zehntel. Das reichste Zehntel konnte das Einkommen mit 6,2 Prozent vergleichsweise moderat steigern.

Wichtig ist aber der jeweilige Trendverlauf: Während das unterste Zehntel gerade während der Finanzkrisen-Rezession von 2009 und 2010 das Einkommen deutlich steigern konnte, sank das des obersten Zehntels sogar unter das Niveau von 2005. Das lässt sich mit den stark fallenden Börsenkursen und Unternehmensgewinnen bzw. -verlusten jener Zeit erklären. In den jüngsten Jahren des stabilen Aufschwungs hingegen verlor das unterste Zehntel stark, während die Einkommen des obersten Zehntels stark zulegten.

Bis zur Armutsschwelle fehlt immer mehr Geld

Genau genommen war das unterste Zehntel allerdings die einzige Gruppe, deren reales Einkommen in dieser Zeit sank. In allen anderen Gruppen schlug sich der Boom bei Beschäftigung und den Löhnen in stark steigenden Haushaltseinkommen nieder - auch in der ärmeren Hälfte der Bevölkerung mit Ausnahme des untersten Zehntels. Doch selbst unter diesen sehr günstigen Rahmenbedingungen ist es nicht gelungen, die Ungleichheit bei den Einkommen zu verringern.

Zuletzt hat sich die Lage der Einkommensarmen sogar deutlich verschärft. Das wird an der sogenannten Armutslücke deutlich. Damit ist der durchschnittliche Euro-Betrag gemeint, der Haushalten fehlt, die unter der Armutsschwelle liegen, um über diese Schwelle zu kommen. (Die Schwelle liegt bei 60 Prozent des mittleren Einkommens). Um die Summen über die Jahre vergleichbar zu machen, sind sie alle auf das Preisniveau des Jahres 2010 umgerechnet. Es zeigt sich: In den vergangenen Jahren ist diese Armutslücke stark gewachsen:

Weshalb ist die Ungleichheit bei den Einkommen so deutlich gestiegen? Die WSI-Forscherinnen nennen mehrere Gründe:

  • Eine wichtige Rolle spielt die Lohnspreizung - also die Tatsache, dass insbesondere gut qualifizierte, tariflich abgesicherte Arbeitnehmer weit höhere Lohnsteigerungen verzeichnen konnten als jene im Niedriglohnsektor. Dieser Sektor wuchs bereits bis Mitte der Nullerjahre auf seine jetzige Größe und ist seitdem nicht kleiner geworden.

  • Insbesondere die oberen Schichten haben von steigenden Kapitaleinkommen profitiert - also Gewinne aus Geldanlagen oder Unternehmensbesitz. Lediglich in den Jahren der Finanzkrise fielen diese Einkommen.

  • Gleichzeitig hat die Politik die Umverteilung geschwächt, die diese Effekte etwas glätten könnte - konkret etwa durch die Senkungen der Einkommensteuer Ende der Neunzigerjahre, die vor allem Gutverdiener zugutekam. Doch auch die Erbschaftsteuerreform des Jahres 2016 fällt darunter, die die meisten Betriebsvermögen nahezu unbesteuert auf die Erben übergehen lässt.

  • Auch die starke Flucht-Zuwanderung 2015 spielt eine gewisse Rolle, schließlich sind die meisten Geflüchteten in der ersten Zeit vollständig auf Sozialleistungen angewiesen gewesen. Eine andere Untersuchung des WSI aus dem vergangenen Jahr hatte etwa ergeben, dass der Anstieg der Armutsquote zuletzt ausschließlich auf die Zuwanderung zurückzuführen war. Allerdings spielt dieser Effekt für die steigende Einkommensungleichheit höchstens eine untergeordnete Rolle, betont WSI-Forscherin Dorothee Spannagel. Zur Probe führten die Forscherinnen die Berechnungen für den Verteilungsbericht ein zweites Mal durch - und zwar ohne die Daten der Zuwanderer. Es zeigten sich nur leichte Abweichungen zu den ursprünglichen Ergebnissen. Die im Verteilungsbericht beschriebenen Trends wären also auch ohne Zuwanderung zu beobachten gewesen.

Um die wachsende Ungleichheit bei den Einkommen zu bekämpfen, plädieren die WSI-Forscherinnen daher dafür, Spitzeneinkommen höher zu besteuern und die Regelsätze in Hartz IV zu erhöhen. Zudem sollten gerade die Einkommensärmsten stärker gemäß ihren Bedürfnissen unterstützt werden - konkret etwa durch Deutschkurse für Migranten oder durch Schulden- beziehungsweise Suchtberatung, aber auch durch passgenaue Umschulungen und Weiterbildungen. Dadurch bekämen nicht nur Langzeitarbeitslose die Chance auf Erwerbsarbeit. Solange immer noch knapp ein Viertel der Beschäftigten im Niedriglohnsektor arbeiten, wird sich die Kluft zwischen Einkommensarmen und -reichen nicht verkleinern.

Das Meinungsforschungsinstitut Civey  arbeitet mit einem mehrstufigen voll automatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt (»Riversampling«), es werden also nicht nur Nutzer des SPIEGEL befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ .

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.