Vermögensverteilung Wenn FDP-Wähler zu Sozialisten werden

Wie gerecht sind die Vermögen in Deutschland verteilt? Viel ungerechter, als die meisten Menschen glauben. Laut einer Umfrage wünschen sich Anhänger aller Parteien mehr Gleichheit - sogar FDP-Wähler.

Wenn es darum geht, wie gerecht eine Gesellschaft ist, spielt die Verteilung des Vermögens eine wichtige Rolle: Ballt sich der Wohlstand bei nur wenigen Reichen, und der Rest besitzt kaum etwas? Oder ist der Wohlstand gleichmäßiger verteilt, und eine große Mehrheit verfügt über ein beruhigendes Polster?

Was aber unter einer gerechten Vermögensverteilung konkret zu verstehen ist, darüber gehen die Ansichten auseinander - sie hängen unter anderem von der politischen Einstellung ab. Umgekehrt kann die Einschätzung, wie gerecht das Vermögen in der Gesellschaft verteilt ist, diese politische Einstellung beeinflussen.

Forscher der Universität St. Gallen haben diese Wechselwirkung in einer Umfrage untersucht, die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt. Das Team um Ökonomieprofessor Andreas Herrmann ließ mehr als 1500 Wahlberechtigte abschätzen, wie das Vermögen in Deutschland derzeit verteilt ist. Anschließend wurden die Teilnehmer befragt, welche Verteilung sie als gerecht empfinden und welche Partei sie wählen würden. Die Befragten waren in Bezug auf Alter, Geschlecht und Haushaltseinkommen repräsentativ für die gesamte Bevölkerung.

Die zentrale Erkenntnis der Umfrage: Die Wähler unterschätzen die tatsächliche Ungleichheit bei den Vermögen drastisch - und wünschen sich trotzdem eine wesentlich gleichmäßigere Verteilung:

Während die Befragten also im Schnitt davon ausgingen, dass das reichste Fünftel 53 Prozent des Nettovermögens besitzt, waren es laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2013 sogar 74 Prozent. Das Nettovermögen berechnen die amtlichen Statistiker, indem sie das Geldvermögen (Bankkonten, Wertpapiere, Lebensversicherungen) und den Immobilienbesitz addieren und davon die Schulden und Hypotheken abziehen. Daher dürfte sich der Wohlstand in Wirklichkeit noch massiver beim obersten Fünftel ballen. Denn in die Statistik fließen weder Betriebsvermögen noch Sachvermögen in Form von Schmuck, Kunstsammlungen oder Gold mit ein.

Beim ärmsten Fünftel vermuteten die Befragten immerhin noch knapp fünf Prozent des gesamten Nettovermögens - statistisch besitzen die unteren 20 Prozent gemeinsam jedoch weniger als nichts, in der Summe sind ihre Schulden also höher als der Wert ihres Besitzes. Nur ein Prozent des Nettovermögens entfällt auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung, die restlichen 99 Prozent auf die reichere Hälfte.

Für wünschenswert hielten die Befragten eine selbst im Vergleich zu ihrer Schätzung wesentlich gleichmäßigere Verteilung - wenn auch keine völlige Gleichheit. Dem reichsten Fünftel standen sie 30 Prozent des Vermögens zu, dem ärmsten Fünftel 13 Prozent.

Eine Möglichkeit, diese Aufteilung der Vermögensanteile in einer einzigen Kennziffer zusammenzufassen, bietet der Gini-Koeffizient: Liegt dieser bei null Prozent, haben alle exakt gleich viel Vermögen. Liegt er bei 100 Prozent, besitzt eine einzige Person das gesamte Vermögen.

Bereits die Diskrepanz zwischen der tatsächlich vorhandenen (Gini-Koeffizient von 74 Prozent) und der von den Wahlberechtigten wahrgenommenen Ungleichheit bei den Vermögen (44 Prozent) ist also enorm. Noch einmal deutlich größer ist der Abstand zu der von ihnen als ideal bewerteten Verteilung (Gini-Koeffizient von 17 Prozent).

Dabei sind sich die Anhänger ausnahmslos aller Parteien zwar darin einig, dass sich die Vermögen wesentlich gleichmäßiger verteilen sollten - und doch bestehen Unterschiede: Die Wähler der FDP halten eine mehr als doppelt so hohe Ungleichheit für ideal (Gini-Koeffizient von 23 Prozent) als die Wähler der Piratenpartei (11 Prozent). Damit sticht die Anhängerschaft der wirtschaftsliberalen FDP heraus. Die Wähler der Union liegen mit ihren Vorstellungen jedenfalls näher bei den Anhängern von SPD, Grünen, der AfD und sogar der Linken als bei denen des eigentlich bevorzugten Koalitionspartners.

Allerdings wirkt selbst die Idealvorstellung der FDP-Wähler gemessen an der tatsächlichen Situation geradezu sozialistisch.

Die Forscher der Universität St. Gallen ermittelten auch einen Zusammenhang zwischen dem gewünschten Ausmaß der Vermögensungleichheit und der Präferenz bei der Kanzlerschaft. Wer sich Angela Merkel weiterhin als Regierungschefin wünscht, toleriert im Schnitt eine leicht höhere Ungleichheit als Wähler, die Martin Schulz als Bundeskanzler bevorzugen.

Wer eine der Volksparteien - Union und SPD - wählt, schätzt die existierende Ungleichheit bei den Vermögen übrigens etwas geringer ein als die Wähler der anderen Parteien, so ein weiterer Befund der Umfrage - die Wahrnehmung entsprach jeweils einem Gini-Koeffizienten von 42 Prozent. Am höchsten (47 Prozent) wurde die Ungleichheit dagegen ausgerechnet von den Wählern zweier Parteien eingeschätzt, die in Verteilungsfragen am weitesten auseinanderliegen: die Linke und die FDP.