Thomas Fricke

Ungleichheit im Land Deutschlands unterschätzte Spaltung

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Driftet Deutschland wirtschaftlich auseinander – oder wird der soziale Graben schmaler? Für beides scheint es Belege zu geben. Dabei droht sich das Gefälle in der nächsten Krise dramatisch zu verschärfen.
Foto: Christoph Hardt / imago images/Future Image

Ginge es danach, was die Leute zu empfinden angeben, scheint der Befund klar: Fast 90 Prozent im Land sagen, dass das Gefälle zwischen Reich und Arm zunehmend zum Problem für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wird. Drei von vier halten die wirtschaftliche Ungleichheit nach Umfrage der Meinungsforscher von Civey sogar für hauptverantwortlich dafür, dass in Europa per se Populisten in den vergangenen Jahren so viel Aufwind hatten. Klare Sache. So scheint’s.

Und doch hält sich seit Jahren der Gegenbefund meist eher konservativer Experten und Lobbys, wonach all das gar nicht stimme, die Ungleichheit nach dieser oder jener Messeinheit seit 2005 doch gar nicht mehr gestiegen sei. Und in den vergangenen Jahren viele dank Hausbesitz reicher wurden. Oder dass wir im Vergleich doch so viel ausgeben, um Leute mit weniger Einkommen zu unterstützen.

Was denn jetzt?

Es lohnt genauer hinzusehen, in der Tat. Nur taugt das lediglich auf den ersten Blick zur Entwarnung. Dabei wäre wichtig besser zu verstehen, was tatsächlich Stand der Dinge ist. Immerhin ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich an der Frage auch entscheidet, wer im anlaufenden Wahlkampf den Nerv trifft – und künftig im Land regiert.

Ein Aufklärungsversuch.

Was die Sache nicht einfacher macht: über Jahre gab es nur ziemlich wenige Statistiken dazu, wie Einkommen und Vermögen verteilt sind. Was daran gelegen haben mag, dass es in der Nachkriegszeit lange kein Thema war, es zumindest nicht auseinanderdriftete. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten geändert, als manche an den Finanzmärkten sehr viel reicher wurden und andere im gepredigten marktliberalen Zeitalter auf Lohn und Schutz verzichten mussten. Seither versuchen Forscher, auf eigene Faust die Daten zu sammeln – so wie international am prominentesten Thomas Piketty; oder in Deutschland die Experten des Sozio-Oekonomischen Panels (SOEP) in Berlin.

Was offenbar gut läuft

Mittlerweile gibt es unter den Experten auch zunehmend Konsens über den Befund, sowohl was die Vermögenslage angeht, als auch für das, was die Leute so monatlich nach Hause bringen. Was die laufenden Einkommen angeht, spräche fürs Relativieren, dass:

  • es tatsächlich seit Jahren sogar einen leichten Rückgang der Abstände zwischen hohen und niedrigen Bruttolöhnen gibt – also dem, was die Unternehmen ihren Beschäftigten pro Stunde im Schnitt zahlen;

  • nach den jüngsten Auswertungen des SOEP auch der Anteil jener gesunken ist, die so wenig verdienen, dass sie zum Niedriglohnsektor gezählt werden – von etwa 24 Prozent um 2006 auf zuletzt 20,7 Prozent;

  • es selbst bei dem, was die Menschen eines Haushalts im Schnitt zusammen als Einkommen haben, seit Kurzem zumindest kein weiteres Auseinanderdriften mehr gibt;

  • der Abstand nach Steuern und Abgaben kleiner ist als in Bruttorechnung – da wirkt tatsächlich ein gewisser Ausgleich.

Was dahintersteckt

Alles gut also? Nicht wirklich. Wenn das Lohngefälle in den vergangenen fünf Jahren nachgelassen hat, scheint das weniger daran zu liegen, dass die Wertschöpfung der Wirtschaft per se plötzlich besser verteilt wird. Entscheidend war nach mittlerweile gängigen Schätzungen, dass 2015 Zwang eingeführt wurde – in Form des Mindestlohns. Das könnte auch den Rückgang der Niedriglohnquote erklären. Dazu kommt, dass der reine Vergleich der Bruttostundenlöhne täuscht – weil nicht alle gleich viel arbeiten und arbeiten können.

Man kann jedenfalls nicht für gut befinden, dass es weniger Gefälle zwischen den Löhnen gibt – und gleichzeitig den Mindestlohn für Unsinn halten, wie es viele orthodoxe Ökonomen tun.

Dass die Bruttostundenlöhne nicht (mehr) stärker auseinander driften, ist ohnehin nur die halbe Wahrheit. Wenn manche am Ende des Monats kaum etwas übrighaben – und andere sehr viel mehr, liegt das auch daran, dass so viel mehr als früher in Mini- und anderen Teilzeitjobs arbeiten. Ein großer Teil des Auseinanderdriftens der Einkommen liegt daran, dass es seit den Zweitausendern so viel mehr unsichere Arbeit gibt – weniger daran, dass die Löhne per se auseinandergingen. Ein Großteil der Teilzeitarbeiter würde gern mehr arbeiten.

Dazu kommt: auch wenn sich in jüngster Zeit das eine oder andere eher etwas gebessert hat, gleicht das nur einen Teil des vorangegangenen Auseinanderdriftens der Neunziger- und Nullerjahre wieder aus. Sprich: Zwischen Top- und Geringverdienern liegt heute ein zum Teil viel größerer Abstand als früher – vor den Agenda-Reformen. Und: Der Befund gilt noch mehr, wenn man die Abstände für die Haushaltseinkommen insgesamt misst. Die Einkommen mögen seit 2005 nicht mehr sehr viel stärker auseinandergedriftet sein – nur sind die Verhältnisse damit einfach auch viel ungleicher (geblieben), als dies noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren der Fall war.

Das ist als Befund erschreckend, weil in der Zeit zwischen 2005 und 2020 die Wirtschaft – abgesehen vom der Rezession in der Finanzkrise – ja fast ununterbrochen wuchs, und die Arbeitslosigkeit von rund fünf auf gut zwei Millionen gefallen ist. Eigentlich enorm. Da hätte nach allem, was normal gewesen wäre, auch die Ungleichheit stark nachlassen müssen. Zumindest nach dem Glaubenssatz derer, die wie einst Ronald Reagan das »trickle-down« versprochen hatten: dass es, wenn die oben reicher werden, am Ende auch bei denen unten ankommt.

Etwas stimmt nicht

Dass dies nicht passiert ist, könnte nach Diagnose von Experten ein Stück weit damit zu tun haben, dass zwischenzeitlich viele geringer qualifizierte Leute ins Land gekommen sind. Es zeigt aber auch, dass etwas nicht stimmt. Nach Auswertungen des SOEP hatten die oberen zehn Prozent der Haushalte 2018 knapp 25 Prozent mehr Einkommen als 2000 – die unteren zehn Prozent immer noch weniger als damals; allem Aufholen seit 2015 zum Trotz. Kein Wohlstand für alle.

Was für die Verhältnisse bei den laufenden monatlichen Einkommen gilt, gilt noch mehr bei dem, was die Leute im Land so an Reichtum angehäuft haben. Auch hier scheint die eine oder andere Statistik zwar erst einmal eher gegen den Befund vom ewigen Auseinanderdriften zu sprechen. So ergibt die statistisch gemessene Verteilung von Vermögen unter denen, die überhaupt Vermögen haben, dass diese in den vergangenen knapp zehn Jahren nicht ungleicher geworden ist. Nur gilt auch hier – und hier noch viel mehr: dass zum einen trotz Aufschwung auch keine Ungleichheit abgebaut wurde. Ernüchtrnd.

Zum anderen wird bei näherem Hinsehen klar, weshalb das statistisch ausgewiesene Auseinanderdriften der Vermögen überhaupt gestoppt wurde: weil die Preise für Immobilien in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen sind, sind die ziemlich unverhofft deutlich reicher geworden, die Häuser oder Wohnungen haben – und in der Regel ohnehin schon zur gehobenen Mittelschicht zählen. Das hat dazu geführt, dass die Verteilung zwischen Mittelschicht und Reichen nicht ungleicher geworden ist. Allerdings gilt das eben nur im Vergleich zwischen denen, die überhaupt nennenswert Vermögen und Häuser haben.

In solchen Messungen bleiben nur all jene statistisch außen vor, die kaum oder kein (Netto-)Vermögen haben – was in Deutschland immerhin rund 40 Prozent aller Haushalte sind. Nimmt man zum besseren Einfangen der wahren Verhältnisse insgesamt den ganzen Abstand zwischen Oben und Unten zum Maßstab, wird das Drama deutlich: Der Abstand zwischen den reichsten zehn Prozent und der gesamten unteren Hälfte der Bevölkerung, die so gut wie nichts gespart hat, ist seit Ende der Neunzigerjahre im Schnitt vom 50- auf das Hundertfache gestiegen. Ein gesellschaftlich auf Dauer schwer tragbarer Trend – das empfinden die Leute dann doch offenbar nicht so falsch.

Das ist auch mehr als eine Statistik: Während diejenigen, die Häuser haben, weitgehend leistungslos reicher werden, müssen andere einen steigenden Anteil ihrer Einkommen dafür aufwenden, Miete zu zahlen, haben also weniger übrig. Bei niedrigeren Einkommen gehen dafür mittlerweile 40 Prozent des verfügbaren Geldes drauf. Wenn das kein gesellschaftlich heikles Auseinanderdriften der Verhältnisse ist.

Beängstigender Befund

Man muss schon eine Menge kreative Deutung mitbringen, um aus alledem abzulesen, dass sich die Lage in Deutschland ernsthaft entspannt. Klar sorgen Sozialbudgets in Deutschland stärker als etwa in den USA oder Großbritannien für Ausgleich. Und klar, nahm in den vergangenen Jahren hier und da die Ungleichheit dank Aufschwung wieder etwas ab. Daraus zu deuten, es gebe das Problem nicht, ist dennoch fahrlässig. Wenn in so einer langen krisenfreien Zeit wie zwischen spätestens 2010 und 2020 so wenig Ungleichheit wieder abgebaut wurde, scheint etwas nicht zu stimmen mit dem Versprechen, dass der Wohlstand am Ende bei allen ankommt.

Dann ist der Befund eher beängstigend. Was passiert, wenn die nächste Krise kommt? Und die Arbeitslosigkeit wirklich steigt? Und auch die Industrie Leute entlässt? Und es auf Anhieb nichts gibt, das beim Auseinanderdriften der Vermögen den Trend umkehren könnte – schon weil der durchs Vererben eher noch bestärkt wird, wenn die unteren 50 Prozent ja nichts zu vererben haben? Nach aller Erfahrung kommen die großen Schübe beim Reichtumsgefälle in schwierigen Zeiten. Das wird so eine Demokratie auf Dauer schwer aushalten.

Dann könnte sich als Drama erweisen, dass es in den vermeintlich guten Jahren nicht gelungen ist, die Spaltung abzubauen. Und es zu viele gab, die das Problem damit kleinzureden versuchten, dass ja hier und da doch etwas ein bisschen besser geworden ist. Dann braucht es viel grundlegendere Änderungen, um die zu (etwas) Reichtum zu bringen, die es mit ihren heutigen Einkommen kaum jemals schaffen würden, am Ende des Monats überhaupt etwas übrigzuhaben.

Das ist doch mal etwas, worüber sich im Wahlkampf streiten ließe.

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