US-Notenbankchef Bernanke setzt auf gefährliche Geldflut

Ben Bernanke pokert hoch. Weil die US-Wirtschaft nicht aus der Krise kommt, pumpt der Notenbankchef erneut Milliarden in die Märkte. Doch die Erfolgschancen der Konjunkturhilfe sind überschaubar - und das viele Geld könnte eine neue Spekulationsblase auslösen.
Fed-Chef Bernanke: Milliarden für malade Märkte

Fed-Chef Bernanke: Milliarden für malade Märkte

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Federal Reserve

Berlin - Die Kongresswahl ist gelaufen, die Demokraten sind die Verlierer und US-Präsident Barack Obama hat einen saftigen Denkzettel für seine Wirtschaftspolitik erhalten. Doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Die Krise schwelt weiter. Und so verkündete die US-Notenbank (Fed) am Mittwoch eine weitreichende Entscheidung.

Ben Bernanke

Die Notenbanker um Fed-Chef wollen der lahmenden Wirtschaft erneut mit einer Flut an frischem Geld neuen Schwung geben. Zum zweiten Mal seit Beginn der Finanzkrise wollen die Währungshüter in großem Stil US-Staatsanleihen aufkaufen. Diesmal sollen längerfristige Staatstitel mit einem Gesamtwert von 600 Milliarden Dollar (knapp 430 Milliarden Euro) eingesammelt werden, hieß es in einer in Washington veröffentlichten Erklärung.

Die Fed begründete den Eingriff mit der schleppenden Konjunkturentwicklung. "Die Erholung der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt bleibt langsam", erklärte der Offenmarktausschuss der Notenbank nach seinem Treffen in Washington. Die neue Geldspritze solle das "Tempo der konjunkturellen Erholung fördern". Die Aktion solle im zweiten Quartal 2011 abgeschlossen sein. Der Leitzins bleibe unverändert auf einem Stand zwischen null und 0,25 Prozent.

Aber ist die Maßnahme wirklich sinnvoll? Lässt sich die Wirtschaft so tatsächlich beleben? Oder überwiegen die Risiken?

Wie schwerwiegend die Fed-Entscheidung ist, zeigt der Schlagabtausch, der ihr vorausging. Bereits seit Wochen hatten die Mitglieder des Offenmarktausschusses in aller Öffentlichkeit über zusätzliche Anleihekäufe diskutiert. William Dudley etwa, der Präsident der New Yorker Fed, wies Anfang Oktober auf die Pflicht hin, für höchstmögliche Beschäftigung zu sorgen und forderte "zusätzliche quantitative Erleichterungen", sprich: den Ankauf von Staatsanleihen. In gleichem Sinne äußerten sich seine Kollegen aus Boston und Chicago.

Die Gegner meldeten sich ebenfalls öffentlich zu Wort, allen voran Thomas Hoenig, Chef der Fed in Kansas City. Die US-Notenbank treibe ein gefährliches Spiel, sagte er. Seine Sorge: Die Stabilität des Dollar könnte leiden. Dallas-Fed-Präsident Richard Fisher gab gar seine Befürchtung zu Protokoll, zusätzliches Geld im Markt könne am Ende die gleiche Wirkung haben, wie wenn man zuviel Benzin in einen Motor gebe und sich das Ganze am Ende entzünde.

Das letzte Mittel für die Fed

Inflation

Eine tiefe Kluft trennt die beiden Lager der ehrwürdigen Institution: Auf der einen Seite die Falken, die nichts mehr fürchten als , auf der anderen die Tauben, die sich dem Kampf gegen die Arbeitslosigkeit verschrieben haben. Welche Meinung die richtige ist - diese Frage treibt die Wirtschaftswissenschaft seit Jahrzehnten um, ohne dass sie eine allgemein gültige Antwort gefunden hätte.

Im Kern geht es dabei um zwei Fragen:

  • Soll eine Notenbank in Krisenzeiten die Geldmenge erhöhen, um so die Konjunktur künstlich anzukurbeln - auch auf die Gefahr hin, dass dann das Geld an Wert verliert und die Verbraucherpreise steigen?

  • Oder soll die Notenbank in jedem Fall auf die Stabilität des Geldwerts achten, weil dies Planungssicherheit bedeutet, was der Wirtschaft langfristig nützt - auch wenn kurzfristig die Arbeitslosigkeit steigt?

US-Wirtschaft

Die Fed hatte eigentlich nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Denn die befindet sich auch zwei Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Siechtum, die offizielle Arbeitslosenquote beträgt 9,6 Prozent - die tatsächliche dürfte an 20 Prozent heranreichen. Das Wirtschaftswachstum im dritten Quartal betrug gerade einmal zwei Prozent.

Leitzins

Hinzu kommt, dass die Fed ihr Pulver bereits verschossen hat: Der beträgt 0,0 bis 0,25 Prozent - Spielraum nach unten gibt es nicht mehr. Die jetzige Entscheidung, Staatsanleihen zu kaufen, ist also das letzte Mittel, das den Währungshütern bleibt. Dabei ist der Effekt der Maßnahme heftig umstritten.

"Es ist nicht so, dass den Banken Geld fehlen würde"

Der Mechanismus ist schnell erklärt: Die Fed kauft US-Banken Wertpapiere ab und schreibt ihnen den Kaufpreis auf ihrem Konto bei der Zentralbank gut. Die Privatbanken müssen auf ihrem Fed-Konto stets eine bestimmte Geldreserve halten - durch die Fed-Aktion erhöht sich diese nun schlagartig jeden Monat. Das zusätzliche Geld können die US-Privatbanken für andere Geschäfte nutzen - sie können zum Beispiel mehr Kredite an Firmen und Haushalte vergeben, was die Konjunktur stimulieren soll.

Kritiker halten von solchen Kalkulationen jedoch nichts. Sie verweisen schlicht auf die geringe Nachfrage nach Krediten. "Es ist nicht so, dass den Banken das Geld fehlen würde, um Kredite zu vergeben", sagt Nils Jannsen vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. "Die Unternehmen zögern aber mit Investitionen, weil ihre Kapazitäten ohnehin nicht ausgelastet sind".

"Die Verbraucherausgaben oder die Investitionen der Firmen werden dadurch nicht besondern stimuliert werden", sagte auch Analyst Marco Annunziata von Unicredit im Vorfeld der Fed-Entscheidung im "Wall Street Journal". "Die Konsumenten in den USA arbeiten noch immer ihren jahrelangen Kreditexzess ab, und zusätzliche Liquidität wird sie nicht dazu verleiten, mehr Geld auszugeben." Der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard, hatte ebenfalls gewarnt, man solle sich von dem zu erwartenden Manöver der Fed nicht zu viel versprechen.

Die Risiken dürften überwiegen

Aus diesem Grund glaubt auch Henning Vöpel, Professor an der Hamburg School of Business and Administration und Geldexperte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut, nicht an einen positiven Effekt. Im Gegenteil: "Es ist anzunehmen, dass angesichts des Überangebots an Bargeld die sogenannten Vermögenspreise steigen", erklärt er. Gemeint sind damit Aktien, Rohstoffe oder Immobilien.

Mit anderen Worten: Die Fed heizt erneut Spekulationen an, obwohl es ja gerade Finanzwetten waren, die zu der großen Krise geführt haben. Und was passiert, wenn die neue Blase platzt? Dann, so warnen Experten, droht wohl ein neuer Crash, weit größer als der von 2008.

Im Vergleich zu diesen Risiken erscheinen die möglichen positiven Auswirkungen der Fed-Maßnahme gering. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt dürfte sie kaum Wirkung zeigen. Zum einen halten sich die Unternehmen bei Investitionen massiv zurück, woran sich erst einmal nichts ändern dürfte. Zum anderen haben Konzerne wie General Motors in der Krise im großen Stil Arbeitsplätze abgebaut, die kaum wieder geschaffen werden dürften, jedenfalls nicht am selben Ort. "Bis sich das alles wieder eingespielt hat, dauert es seine Zeit", sagt Jannsen.

Mit Material von AFP
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