Kosten des US-Shutdowns Amerikas Milliarden-Dollar-Blockade

Amerikas Regierungsapparat kommt nach dem Ende der jüngsten US-Schuldenkrise langsam wieder auf Touren. Aber die Folgen des 16-tägigen Shutdowns sind verheerend: Ökonomen beziffern den wirtschaftlichen Schaden auf mindestens 24 Milliarden Dollar.

Zerlegte Absperrungen in Washington: "Enorme Frustration und Angst"
AFP

Zerlegte Absperrungen in Washington: "Enorme Frustration und Angst"

Von , New York


Landwirtschaftsminister Tom Vilsack begrüßte seine Mitarbeiter per Handschlag. Die ersten Touristen erklommen die Stufen des Lincoln Memorials. "Wir freuen uns auf Sie!", twitterte die Smithsonian Institution, die 19 staatliche Museen verwaltet. Selbst die virtuelle "Panda-Kamera" des Zoos war wieder live.

Nach mehr als zwei Wochen Stillstand ist der US-Regierungsapparat in Washington aus seinem Zwangskoma erwacht. Und nicht nur dort: Ministerien verwalten wieder, Nationalparks öffnen, Forscher kehren ins Labor zurück. Ende gut, alles gut?

Mitnichten. Amerikas 16-tägige Schuldenkrise, ausgelöst von den Tea-Party-Republikanern aus Protest gegen die US-Gesundheitsreform und steigende Staatsdefizite, hat am Ende genau das Gegenteil bewirkt: Sie hat die US-Wirtschaft Milliarden gekostet. "Es gibt hier keine Gewinner", sagte US-Präsident Barack Obama sichtlich verärgert bei einer Shutdown-Nachlese im Weißen Haus. "Diese letzten Wochen haben unserer Ökonomie völlig unnötigen Schaden zugefügt."

Wie hoch wird die Rechnung, die Amerika für den Stillstand zahlen muss? Mindestens 24 Milliarden Dollar, hat die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) errechnet. Der Verlust addiert sich unter anderem so: 3,1 Milliarden Dollar durch die Zwangsbeurlaubung von 800.000 Regierungsangestellten, 152 Millionen Dollar pro Tag an Tourismuseinnahmen, 76 Millionen Dollar pro Tag durch die Schließung von mehr als 400 Nationalparks und Gedenkstätten.

Schock der Konsumenten

Die Ironie: Alle Zahlen sind vorläufig, da die Regierung 16 Tage lang keine Wirtschafts- und Konjunkturstatistiken gepflegt hat. Diese nicht nur für die Wall Street relevanten Daten - Bruttoinlandsprodukt, Arbeitslosenzahlen, Einzelhandelsumsatz, Verbrauchervertrauen - lagen seit dem 1. Oktober nicht mehr vor. Die staatlichen Experten könnten womöglich Wochen brauchen, um den Rückstand aufzuarbeiten.

Bis dahin müssen Schätzungen reichen. Die sind trübe: Alle Ökonomen sind sich einig, dass der Shutdown das US-Wachstum gedrückt hat und das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fürs vierte Quartal dieses Jahres deutlich unter den Erwartungen bleiben wird - um 0,3 bis 0,6 Prozentpunkte, je nachdem, wen man fragt.

Die Analytiker von Macroeconomic Advisers schlüsselten die Folgen kürzlich in einem Report auf: Demnach beeinträchtigen die endlosen US-Schuldenkrisen das Wachstum schon seit Ende 2009. S&P verweist zugleich auf das schwächelnde Vertrauen der US-Verbraucher, die mehr als zwei Drittel zur Wirtschaftsleistung beitragen. Der Schock der Konsumenten über das Drama in Washington könnte die negativen Konsequenzen bis ins nächste Jahr strecken.

"Enorme Frustration und Angst"

So stürzte der Gallup-Index für wirtschaftliche Zuversicht während der Shutdown-Wochen so steil ab wie seit der historischen Finanzkrise von 2008 nicht mehr. Nach dem letzten US-Schuldenstreit brauchte dieses Barometer sechs Monate, bis es sich wieder erholt hatte.

Will heißen: Während es in Washington knallte, saßen die Amerikaner auf ihren Brieftaschen. Die Leidtragenden waren Kleinunternehmen, die die Tea Party so gerne preist. "Die Gefahr des Shutdowns, die Unsicherheit über staatliche Unterstützung, die Unsicherheit über den Beschäftigungsanstieg sind für unsere Kunden sehr real", sagte Howard Levine, der Chef des Einzelhandelskonzerns Family Dollar, dessen 7100 Filialen einkommensschwache Amerikaner bedienen, der "New York Times".

Damit brachten die Strippenzieher der Krise ausgerechnet jene gegen sich auf, deren Banner sie sonst zu tragen beanspruchen. "Enorme Frustration und Angst", so beschrieb Dirk Van Dongen, der Präsident des Handelsverband NAW, im "Wall Street Journal" die Stimmung unter seinen Kollegen.

Die Kettenreaktion reicht durch alle Sparten, ob direkt vom Regierungsapparat abhängig oder nicht - von Immobilien über die Ölbranche bis hin zum Einzelhandel. Viele drosselten ihre Planung schon vor dem Shutdown in Erwartung finanzieller Einbußen. Bei einer Umfrage des Industrieverbands Business Roundtable sagte jeder zweite Vorstandschef, er werde im kommenden Halbjahr präventiv weniger Mitarbeiter einstellen als vorgesehen.

Immerhin, nicht alle klagen. Im kalifornischen Silicon Valley wurde das Shutdown-Spektakel mit Schulterzucken, wenn nicht Schadenfreude kommentiert. Die ganze Episode zeige nur, dass das wahre Machtzentrum Amerikas längst nicht mehr in Washington liege, sagte der Risikokapitalgeber Chamath Palihapitiya dem "New York Magazine": "Wenn die Regierung stillliegt, passiert nichts, und wir alle machen weiter, denn es spielt einfach keine Rolle."

insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mesopotamien00 17.10.2013
1.
Die wollen doch nur durch ihren Theater den sie veranstaltet haben den Zerfall des Dollars hinauszögern ! Auf kosten der Armen .... Der euro geht auf die 1,40 dollar zu .Jetzt werden deshalb an soziale Einrichtungen gespart werden ... Und die Armen werden wieder dafür Büßen . Ist klar ... Diese Verbrecher ... !!!
spon_1804815 17.10.2013
2. who cares?
Betroffen waren hauptsächlich die Bundesbeamten, welche ihr Gehalt nun nachgezahlt bekommen. Da viele von denen in DC wohnen und die Mieten dort gepfeffert sind, saß der Schock tief. Vielleicht sollte das hier auch mal passieren, damit manche Leute merken, wofür sie eigentlich ihr Geld bekommen. Guten Abend.
Liberalitärer 17.10.2013
3. Geldautomatenvermehrungstheorie
Zitat von sysopAFPAmerikas Regierungsapparat kommt nach dem Ende der jüngsten US-Schuldenkrise langsam wieder auf Touren. Aber die Folgen des 16-tägigen Shutdowns sind verheerend: Ökonomen beziffern den wirtschaftlichen Schaden auf mindestens 24 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/us-schuldenkrise-und-shutdown-kosten-24-milliarden-dollar-a-928515.html
Jaja und die Aktienindizes fast auf Rekordhoch. Der Markt signalisiert eines; der "schreckliche" Shutdown hat den USA nicht geschadet. Im Gegenteil wird es jetzt wieder aufwärts gehen, wie unter dem Demokraten Clinton. Ein kleiner "Shutdown" des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wäre z.B. auch eine gute Idee, damit die Leute lernen, dass Geld nicht im Geldautomaten gezeugt wird und sich dort vermehrt und auf ihre Konten verteilt.
bitboy0 17.10.2013
4. Da kann man nur hoffen!
Die Amerikaner sind ein SEHR freiheitsliebendes Volk. Regulierung - wie in Europa - völlig undenkbar. Alles was nach "Komunist" riecht wurde und wird regelrecht verfolgt! Eine "Krankenkasse für alle" ist so eine Sache die nach "Sozialismus" riecht und die meißten Amerikaner mögen das nicht so. Aber was sie auch nicht mögen ist wenn man sie erpresst! Die TeaParty tut seit Jahren nichts anderes als zu sabotieren und es dann denen in die Schuhe zu schieben die sie grade eben sobotiert haben. Da kann man nur hoffen das diese Aktion jetzt einigen die Augen geöffnet haben. Allerdings muss sich Amerika auch fragen was genau am System nicht mehr stimmt wenn ein paar wirklich reiche Menschen sich Mehrheiten kaufen können und Senatoren erpressbar machen!!! Das ist sehr bedenklich!
grover01 17.10.2013
5.
Zitat von sysopAFPAmerikas Regierungsapparat kommt nach dem Ende der jüngsten US-Schuldenkrise langsam wieder auf Touren. Aber die Folgen des 16-tägigen Shutdowns sind verheerend: Ökonomen beziffern den wirtschaftlichen Schaden auf mindestens 24 Milliarden Dollar. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/us-schuldenkrise-und-shutdown-kosten-24-milliarden-dollar-a-928515.html
Warum kosten die Angestellten plötzlich 3,1 Milliarden mehr wenn sie nicht arbeiten? Und wo sollen die restlichen 24 Milliarden herkommen? Ich glaube es interessiert fast niemanden, wenn die Regierung dicht macht. Die wirklich wichtigen Verantwortlichkeiten liegen ohnehin bei den Einzelstaaten. Offenbar konnte eine Brauerei kein neues Bier auf den Markt bringen, weil die Behörden die Genehmigung nicht erteilen konnten. Demnach ist das Problem aber eher, dass die Regierung immer noch vorhanden war. Denn die unsinnigen Gesetze und Regulierungen hatten keinen Urlaub. Ebensowenig konnte der Steuerzahler sagen: Keine Regierung, keine Steuern. Wenn die Bundesregierung wirklich dicht machen würde hätte das sicher mehr Vorteile als Nachteile. Und ich sehe schon kommen, dass man jetzt diesen "Shutdown" für alle kommenden Krisen verantwortlich machen wird. Wegen dem Shutdown wird man die Staatsanleihenkäufe der FED nicht zurückfahren können (stattdessen wird man sie nächstes Jahr erhöhen), und der Zinssatz bleibt natürlich bei 0%. Alles die Schuld der Tea-Party, die doch tatsächlich Rechnungen begleichen wollte, anstatt Schulden mit immer mehr Schulden zu zahlen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.