Ruinöser Vorwahlkampf in den USA Die Pleite-Kandidaten

Noch bevor der Präsidentschaftswahlkampf in den USA richtig begonnen hat, haben die Kandidaten eine Viertelmilliarde Dollar verbrannt. Viele Bewerber um das höchste Amt dürften rasch aus dem Rennen sein.

Viel Geld für Poster: Präsidentschaftsbewerber Beto O'Rourke
Paul Ratje/ AFP

Viel Geld für Poster: Präsidentschaftsbewerber Beto O'Rourke

Von , Washington


Beto O'Rourke fehlt zum Überleben eine Stelle vor dem Komma. Der 46-Jährige, der noch vor Kurzem als politischer Shootingstar galt, hat in den vergangenen drei Monaten nur 3,6 Millionen Dollar an Spenden eingenommen. Das ist viel zu wenig, um im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten eine Chance zu haben. Zumal der texanische Jungpolitiker viel mehr ausgibt, als er einnimmt. Seine "Burn rate" lag im zweiten Quartal bei 142 Prozent - für jeden Dollar, der reinkam, hat er 1,42 Dollar ausgegeben. Denn der Wahlkampf verschlingt Millionen: für den Einkauf von Beratern, den Aufbau lokaler Kampagnenbüros und tonnenweise Werbematerial, um die Fans bei Laune zu halten. Auch wenn die "Beto for America"-Baseballkappen und -Tassen derzeit eher Ladenhüter sind.

Noch bevor der Präsidentschaftswahlkampf in den USA richtig begonnen hat, ist die Geldschlacht bereits in vollem Gange. Innerhalb von sechs Monaten haben sich die mehr als zwei Dutzend selbsterklärten Aspiranten für das Weiße Haus ihre Kampagnen schon insgesamt 215 Millionen Dollar kosten lassen. Zum Vergleich: Das Budget von CDU und SPD für eine gesamte Bundestagswahl liegt jeweils nur um die 20 Millionen Euro.

Bis der neue US-Präsident wirklich gewählt wird, sind es noch 16 Monate. Doch für viele der Demokraten heißt es: jetzt oder nie. Das Starterfeld ist mit 24 Kandidaten heillos überfüllt.

Wem es nicht gelingt, in den kommenden Monaten an der Basis sichtbar zu werden, dürfte absehbar raus aus dem Rennen sein. Aufmerksamkeit aber lässt sich kaufen: mit fernsehgerechten Großveranstaltungen, Facebook-Anzeigen, gezielten E-Mails und SMS sowie dem Aufbau einer Graswurzelbewegung aus engagierten Aktivisten zwischen Seattle und Sarasota.

Fünf der Bewerber haben im zweiten Quartal mehr als zehn Millionen Dollar an Spenden eingesammelt: Die Umfrage-Favoriten Joe Biden, Elizabeth Warren, Bernie Sanders und Kamala Harris gehören dazu. Neuer Spitzenreiter beim Einsammeln der Greenbacks aber ist einer, dessen Nachnamen die meisten Amerikaner noch vor ein paar Monaten nicht aussprechen konnten: Pete Buttigieg, 37 Jahre und als Bürgermeister von South Bend im Bundesstaat Indiana ein Debütant auf der Bühne der großen Politik.

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Demokraten-Kandidat Buttigieg: Moment, wie spricht man den aus?

25 Millionen Dollar hat Buttigieg innerhalb von drei Monaten kassiert, drei Millionen Dollar mehr als Biden, der nicht nur fast doppelt so alt wie "Mayor Pete" ist, sondern als Ex-Vizepräsident einen hohen Bekanntheitsgrad genießt, in den Umfragen führt und auf traditionell effektive Weise Mittel akquiriert. Biden dreht seine Runden in Millionärskreisen und verspricht, Reiche "nicht dämonisieren" zu wollen. Zu seinen Geldgebern gehören der Hollywood-Produzent Jeffrey Katzenberg und der Silicon-Valley-Investor Ron Conway.

Doch auch dem schwulen Harvard-Absolventen und Veteranen Buttigieg ist es gelungen, Besserverdienende für sich zu begeistern. 1500 Geber überwiesen ihm den in den Vorwahlen gesetzlich erlaubten Höchstbetrag von 2800 Dollar. Für seine parteiinterne Glaubwürdigkeit allerdings ist wichtiger, dass er offenbar auch bei vielen Durchschnittsamerikanern punkten kann - die sogenannten Kleinspenden von unter 200 Dollar addierten sich im Quartal auf elf Millionen Dollar für Buttigieg.

Ungeschlagen in dieser Kategorie ist trotzdem Bernie Sanders, der selbsterklärte Sozialist. Seine Kampagne finanziert sich zum Großteil aus Kleinspenden. Sanders genauso wie Warren wollen ihre Unabhängigkeit demonstrieren und lehnen das Buhlen um Almosen von Millionären und Milliardären ab. Noch können sie sich das leisten: Sanders hat Geld aus seinem ersten Anlauf zur Präsidentschaft gespart, Warren hat Mittel aus dem Senatswahlkampf übrig.

Ob das Polster auf Dauer reicht, ist allerdings fraglich. Amtsinhaber Trump hat zusammen mit der Partei der Republikaner für die Wiederwahlkampagne nach eigenen Angaben im vergangenen Quartal mehr als 108 Millionen Dollar eingesammelt - ein Rekord.

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US-Präsidentschaftswahl: Diese Demokraten wollen es wissen

Vorläufig aber haben die Demokraten andere Sorgen. O'Rourke ist nicht der Einzige, der sich das parteiinterne Rennen womöglich nicht mehr lange finanzieren kann. Zehn der Bewerber haben im zweiten Quartal mehr ausgegeben als sie eingenommen haben.

Eine Chance hat O'Rourke nun, das Blatt zu wenden. Nächste Woche findet in Detroit die zweite Fernsehdebatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber statt. Wie viel ein paar Minuten Sendezeit wert sein können, hat sich in der ersten Runde gezeigt. Kaum hatte die Ex-Staatsanwältin Harris in einem kurzen Schlagabtausch brilliert, begann die Kasse zu klingeln. Binnen 24 Stunden gingen zwei Millionen Dollar an Spenden bei ihr ein.



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bebau 25.07.2019
1. Der Wähler ist käuflich.
Viele regen sich immer sehr darüber auf, dass Politiker käuflich sind. Aber dabei wird ganz vergessen, dass das nur funktionieren kann, weil auch die Wähler käuflich sind. Wer den wählt, der die schicksten Wahlplakate hat, braucht sich nicht zu wundern, dass der die Politik der Spender verfolgt.
archi47 25.07.2019
2. Dort ist nahezu alles privatisiert
Die Politik, die Sozialsysteme, die Wohlfahrt, die Moral, die öffentlichen Meinung, die Sicherheit mit dem Recht des Stärkeren ... Die Performance ist entsprechend. Eine besondere Art der negativen Auswahl ...
okrogl 25.07.2019
3. Was für eine tolle Demokratie
In der das Werbebudget über das Amt des Präsidenten entscheidet.
hwmueller 25.07.2019
4. Das muss man den Amis lassen.
Der unprätentiöse Umgang mit Geld und dem Finanzgebahren in der Politik hat schon fast pornografischen Charakter und dürfte hier im Lande für viel aufstoßen sorgen. Auch Dank an die Offenheit und der Erkenntnis über das, was wir schon immer wussten. Demokratie ist eine Frage des Geldbeutels.
rosinenzuechterin 25.07.2019
5. Ohne AOC nicht spannend
Bei einem so überfüllten Bewerberfeld entstehen natürlich kostenintensive Reibungsverluste bei den Versuchen, aus der Masse heraus sicht- und hörbar zu werden. Dass das Bewerberfeld so überfüllt ist, ist eine Spätfolge des Umstands, dass man damals Frau Clinton und nicht Herrn Sanders ins finale Rennen um das Weiße Haus geschickt hat. Der eigentlich sichere Sieg wurde so aus der Hand gegeben, und zwar nicht weil, sondern trotz dass Frau Clinton eben eine Frau ist. Allerdings eine, die selbst vielen Frauen unwählbar erschien. Das wiederum war ein gutes Zeichen, dass vom Wähler (m/w/d) politische Inhalte über das Geschlecht gestellt werden. Das geht in Deutschland ja gerade verloren, insbesondere bei den Grünen. Politische Kompetenz war allerdings kein Kriterium, sonst hätte Herr Trump trotzdem nicht gegen Frau Clinton gewinnen können, und man darf erwarten, dass sich daran so schnell nichts geändert hat. Herr Trump wird daher wohl wiedergewählt, insofern ist es wenig spannend, wer gegen ihn verliert, aber um so skurriler zu sehen, wie viel Geld "verbrannt" wird, um herauszufinden, wer das sein soll. Verbrannt ist das Geld aber nicht, es wird ja lediglich umverteilt. Ob es dabei in die richtigen Hände gelangt oder letztlich doch wieder nur bei den ganz Großen der Medienbranche landet, wäre für mich eine ebenso spannende Frau wie die nach einem Wahlkampf, wenn AOC endlich alt genug ist, selbst zu kandidieren.
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