Wohlstand Amerika zweifelt am Kapitalismus

Junge Wähler in den USA sehen den Turbokapitalismus ihres Landes zunehmend kritisch, linke Politiker wie Alexandria Ocasio-Cortez gelten als cool - und ausgerechnet ein Hedgefonds-Manager befeuert die Debatte.

Alexandria Ocasio-Cortez bei einem Auftritt an der Howard University in Washington
Cliff Owen/ AP

Alexandria Ocasio-Cortez bei einem Auftritt an der Howard University in Washington

Von , Washington


Es gibt wohl nicht viele Leute, die John Hickenlooper kennen - nicht einmal in Amerika. Dabei hat sich der demokratische Präsidentschaftsbewerber und frühere Unternehmer Großes vorgenommen: "Ich trete an, um den Kapitalismus zu retten."

Das Wahlkampfversprechen des 67-jährigen Ex-Gouverneurs von Colorado scheint im Kernland der Turbomarktwirtschaft auf den ersten Blick weit hergeholt: Wenn es ein Land gibt, in dem alle glauben, es zähle vor allem die Anstrengung jedes Einzelnen und der Staat habe sich tunlichst rauszuhalten, dann die USA.

Tatsächlich aber ist in den USA eine Debatte entbrannt, die noch vor nicht allzu langer Zeit unmöglich schien: Ist unser System am Ende? Und ist der Sozialismus womöglich die bessere Wahl?

Es sind vor allem die Jüngeren, die diese ketzerischen Fragen stellen. Fast jeder Zweite in der Altersgruppe der Millennials und Generation Z erklärte kürzlich in einer Umfrage im Auftrag des Nachrichtenportals "Axios", dass er lieber in einem sozialistischen Land leben würde.

Hedgefondsmanager rechnet mit Kapitalismus ab

So richtig in Schwung gebracht hat die Sache aber nun ausgerechnet jemand, der in einer Kommandozentrale des sich schnell drehenden Geldes sitzt: Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater Association, der auf ein persönliches Vermögen von geschätzt 17 Milliarden Dollar kommt. Im Vorfeld der Milken Institute Global Conference, dem jährlichen Treffen der Finanzjongleure, veröffentlichte Dalio vor einigen Wochen auf Linkedin eine vernichtende Abrechnung mit dem Wirtschaftsmodell, das ihn reich gemacht hat.

Mit zwölf Jahren sei er zum Kapitalisten geworden, schreibt er: Was er mit Zeitungsaustragen und Rasenmähen verdiente, investierte der Schüler an der Börse. Seit dieser Zeit habe ihn "das wirtschaftliche Investitionsspiel" gefesselt, bekennt der heute 69-Jährige, und dann kommt es: Für die Mehrheit der Amerikaner jedoch "funktioniert Kapitalismus heute nicht gut". Stattdessen produziere das System eine Spirale wachsender Ungleichheit. Dalios Warnung: Was sich nicht weiterentwickelt, das sterbe: "Und das trifft nun auf den Kapitalismus zu."

Ray Dalio: Vernichtende Abrechnung
REUTERS

Ray Dalio: Vernichtende Abrechnung

Der im luxuriösen Beverly Hilton versammelten Branche hat Dalio damit ein Menetekel an die Wand gemalt, auf das viele mit Schrecken starren. Amerikas Unternehmer, Banker und Börsianer stehen unter Rechtfertigungsdruck wie nie: Kommt von ihren Milliardenprofiten noch genug bei den Menschen im Land an? Je weniger die ökonomische "Trickle-down-Theorie" funktioniert, desto schneller verliert der Sozialismus seinen Schrecken.

"Trickle down" beschreibt die Idee, dass vom Wohlstand der Reichen im Wirtschaftssystem ganz automatisch bald die Armen profitieren, wenn man den Markt nur ungestört machen lasse. Doch davon ist wenig zu spüren, trotz zehnjährigem Konjunkturaufschwung ist die Finanzlage vieler Haushalte trist. 40 Prozent der Amerikaner hatten nach einer aktuellen Studie der Notenbank Fed 2017 nicht genug Ersparnisse, um eine unvorhergesehene Ausgabe von 400 Dollar zu bezahlen.

Konzerne wie General Electric und Honeywell listen in ihren Jahresberichten "negative Einstellungen gegenüber multinationalen Konzernen" und Populismus inzwischen als Risikofaktoren für ihr Geschäft auf. Die Mitgliedschaft in der linken Gruppierung Democratic Socialists of America hat sich seit Amtsantritt Trumps verzehnfacht - auf die allerdings magere Zahl von 56.000 Mitgliedern. Schwerer wiegt: Nach einer Gallup-Umfrage vom Sommer 2018 ist der Anteil der 18- bis 29-jährigen Amerikaner, die den Kapitalismus positiv sehen, seit 2010 von 68 auf 45 Prozent gestürzt.

"Die jungen Wähler sind nach links gerückt"

Die wachsende Sympathie junger Leute für die sozialistische Alternative versetze die Unternehmer in Angst und Schrecken, glaubt der Präsident der Ford Foundation, Darren Walker. "Für sie ist das unglaublich furchterregend", sagte er der "Financial Times".

Jahrzehntelang haben sich Politikwissenschaftler mit der Frage gequält, wieso die USA immun gegen sozialistische Strömungen sind. Nun liegt die Antwort vor: Sie sind es nicht.

Alexandria Ocasio-Cortez: Weder Ausreißerin noch Radikale
Alex Wong / AFP

Alexandria Ocasio-Cortez: Weder Ausreißerin noch Radikale

Davon profitieren zwei Politiker, die sich an die Spitze der Bewegung gesetzt haben: eine junge Frau und ein alter Mann, die sonst wenig verbindet. Alexandria Ocasio-Cortez und Bernie Sanders nennen sich beide "demokratische Sozialisten". Die 29-jährige frischgebackene New Yorker Kongressabgeordnete und der 77-jährige Senator aus Vermont haben die Koordinaten in der demokratischen Partei nach links verschoben. Im Vorwahlrennen liegt Sanders auf Platz zwei von 23 Bewerbern. "Sozialismus ist cool", sorgt sich schon das konservative "Wall Street Journal".

Als Sanders jüngst beim Feindsender Fox auftrat, schalteten 2,6 Millionen ein - nicht nur seine Anhänger, sondern auch seine Gegner nehmen den weißhaarigen Politsenior ernst, der es nach der Niederlage gegen Hillary Clinton noch mal wissen will. Inwiefern der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen sei, wurde Sanders bei einem seiner Auftritte gefragt. Wer auf Signalwörter wie die Verstaatlichung von Produktionsmitteln oder Bankenenteignungen gewartet hatte, wurde enttäuscht. Demokratischer Sozialismus bedeute für ihn, "dass wir in einer zivilisierten Gesellschaft sicherstellen, dass alle Menschen in Sicherheit und Würde leben", antwortete Sanders.

Tatsächlich kommt einem die Debatte aus deutscher Sicht wie ein semantisches Missverständnis vor: Wo in den USA Sozialismus draufsteht, ist Sozialdemokratie drin. "Meine Politik ähnelt am ehestem dem, was wir in Großbritannien, in Norwegen, in Finnland, in Schweden sehen", sagt Ocasio-Cortez selbst. Amerikas tonangebende Sozialisten wollen keinen ökonomischen Regimewechsel, sondern das, was für die meisten Europäer selbstverständlich ist: eine Krankenversicherung für jedermann, ein kostenloses Studium und höhere Steuern für diejenigen, die es sich leisten können.

Die demokratische Elite gerät unter Zugzwang

Dass Amerika aber überhaupt ernsthaft über solche - milliardenteuren - Reformen streitet, ist neu. Ocasio-Cortez "ist weder ein Ausreißer noch eine Radikale. Sie ist nah am politischen Zentrum von Amerikas junger Generation", ist der Historiker Niall Ferguson überzeugt. Die jungen Wähler seien nach links gerückt, schreibt der konservative Professor in einem gemeinsamen Stück mit einem liberalen Jungwissenschaftler in "The Atlantic". Und zwar in politischen und kulturellen Fragen genauso wie in ökonomischen.

John Hickenlooper: "Reparieren, bevor es zu spät ist"
John Locher/ DPA

John Hickenlooper: "Reparieren, bevor es zu spät ist"

Die Elite der Demokratischen Partei setzt das unter Zugzwang. Viele Politiker vollziehen den Schwenk nach links mit, ob sie wollen oder nicht. Dass immer mehr Menschen sich desillusioniert fühlen davon, "wie Kapitalismus praktiziert wird", könnte zu einer entscheidenden Triebfeder bei der Präsidentschaftswahl 2020 werden, sagt Steve LeVine von "Axios" voraus.

So paradox es klingt: Dem republikanischen Präsidenten Donald Trump könnte das helfen. Er setzt darauf, mit dem Schreckgespenst des Sozialismus die eigene Basis und die älteren Wähler zu mobilisieren, die den Kalten Krieg aus eigener Anschauung kennen. Die Demokraten mögen Skandinavien meinen, wenn sie Sozialismus sagen - die Republikaner hören Venezuela. Also Chaos, Hunger, Diktatur. "Wir glauben an den amerikanischen Traum, nicht den sozialistischen Albtraum", polterte Trump und warnte nicht nur davor, dass die Demokraten den Amerikanern ihre Autos wegnehmen und Flugreisen streichen würden: "Du wirst keine Kühe mehr besitzen dürfen." Die Ökonomiedebatte wird zur ideologischen Twitter-Schlacht.

Die Polarisierung sorgt viele Unternehmen. "Was wirklich kommen wird, ist der Klassenkampf", warnte Alan Schwartz, Manager der Investmentbank Guggenheim Partners. Hedgefonds-Manager Dalio ist überzeugt, dass es ohne grundlegende Veränderungen nicht gehen wird. "Die meisten Kapitalisten wissen nicht, wie man den ökonomischen Kuchen gut aufteilt, und die meisten Sozialisten wissen nicht, wie man ihn gut vergrößert." Wenn es nicht gelinge, beide Seiten zusammenzubringen, dann "werden wir große Konflikte haben und irgendeine Form der Revolution, die allen schadet und den Kuchen schrumpft."

Auch Präsidentschaftskandidat Hickenlooper empfiehlt, "zu reparieren, bevor es zu spät ist". Die Wahl 2020 werde darüber entscheiden, "ob der Kapitalismus in Amerika gedeiht", glaubt er. Der Ex-Gouverneur wird daran selbst wohl nicht beteiligt sein. Seine Umfragewerte liegen bei rund einem Prozent.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Bernie Sanders liege im Vorwahlrennen der Demokratischen Partei auf Platz drei. Tatsächlich liegt er auf Platz zwei. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 283 Beiträge
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BoMo_UAE 29.05.2019
1. Premiere
Schaut so aus, als wuerden die USA zum erstenmal einen wichtigen politischen und sozialkulturellen Trend aus Europa uebernehmen. Wichtig und richtig waere es. So haben die Polarisierungen Trumps auch ihr Gutes. Und die Notwendigkeiten einer zukunftsorientierten Politik wuerden mehr und mehr beruecksichtigt.
sucher533 29.05.2019
2. verkehrte Welt
China mit einer "kommunistischen" Partei als Regierung entwickelt sich erfolgreich im kapitalistischen System und in den USA gibt es führende Politiker, die dem Turbokapitalismus abschwören wollen. Was kommt als Nächstes - gewinnt Ford den Sozialistischen Wettbewerb? lol
niroclean 29.05.2019
3. ...der Turbokapitalismus...
..funktioniert wie ein Schneeballsystem und je weiter er fortgeschritten ist desto weniger profitieren die hinteren Reihen. Das scheint jetzt auch in den USA angekommen zu sein und der ewige Gesang "...vom Tellerwäscher zum Millionär...-jeder kann es schaffen.." verhallt so langsam. Die Realität sieht für immer mehr Menschen dauerhaft schlecht aus und die werden sich das nicht mehr lange gefallen lassen. Das gerade multinationale Konzerne zum Feindbild werden liegt an der überbordenden Marktmacht, Gewinnsucht und Skrupellosigkeit mit der viele von Ihnen agieren. Der Mensch zählt dort nur noch als frei disponierbarer Arbeitssklave und als Konsument. Die junge Generation hat andere Ansprüche und wird diese auch aufzeigen.
so-long 29.05.2019
4. Ray Dalio
ist schon genial. Müsste er evtl. 98% seines Vermögens konsequenterweise nicht in eine (private) Stiftung, sondern in den Steuersäckel legen, auch mit dem hohen Risiko, dass die Moneten durch Politiker verpulvert werden?
hockeyer12 29.05.2019
5. Semantischer Unsinn,
in der Tat. In einem (modernen)demokratischen Staatswesen gehören eine vernünftige Krankenversicherung,Absicherung im im Alter und bei Arbeitslosigkeit einfach dazu. Das sind natürliche soziale Errungenschaften die nichts mit Sozialismus/Kommunismus zu tun haben. Sie tragen zu einer Gesellschaft bei, die homogener,friedlicher und sicherlich weniger kriminell ist. Ich hoffe einfach mal, die US Gesellschaft wird sich dessen bewußt.
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